Wir müssen uns als Gesellschaft verstehen

Die Gesellschaft in die Fähigkeit versetzen, sich selbst zu bestimmen – das ist ein Kernanliegen der Initiative Demokratischer Konföderalismus. Der vierteilige Podcast der IDK erklärt diese Philosophie und Praxis in einfachen Worten und veranschaulicht, wie sie in die Realitäten in Deutschland/Europa übersetzt werden kann.

Die Idee des Demokratischen Konföderalismus stammt aus dem Mittleren Osten, aus Kurdistan, ist aber übertragbar – und auch so gedacht. Allerdings muss sie für jeden Ort neu entwickelt werden. Die Initiative Demokratischer Konföderalismus (IDK) sieht ihre Aufgabe darin, diese Idee für den Kontext in Deutschland auszudifferenzieren.

Im IDK-Podcast “Aufbruch” erzählen verschiedene Menschen von ihren Erfahrungen, Recherchen und Erkenntnissen. Wer sich für die Philosophie hinter der kurdischen Befreiungsbewegung interessiert, aber keine abstrakten Texte lesen will, findet hier eine leicht verständliche und unterhaltsame Einführung. Im Zentrum steht die Forderung an uns selbst, dass wir uns als Gesellschaft verstehen sollen. Es sei aber ein Aufbruch nötig, sagen die Menschen von der IDK, ein Umdenken, wie wir als demokratische Gesellschaft zusammenleben können.

Demokratischer Konföderalismus ist ein konkreter Vorschlag, wie Gesellschaft sich organisieren kann. Die IDK bezieht sich auf Abdullah Öcalan “als einen wichtigen Philosophen, dessen Ideen wirklich die Möglichkeit haben, diese Welt zu einem Besseren zu verändern.” Dabei gehe es aber nicht darum, die Gesellschaft in eine demokratische Utopie zu führen, sondern sie zu befähigen – beziehungsweise vor Augen zu führen, dass sie die Fähigkeit hat – sich selber zu bestimmen und auf Grundlage der eigenen Bedürfnisse das Leben zu gestalten, eben miteinander, als gesamte Gesellschaft. Die IDK versuche eine Übersetzungsleistung dieser Ideen in hiesige Realitäten zu erbringen und wolle – gemeinsam mit anderen Menschen und Gruppen – eine Demokratisierung der Gesellschaft anstossen1.

Der Podcast erklärt den Unterschied zur parlamentarischen Demokratie und analysiert das Staatensystem als Ausdruck von Herrschaft. Es zeichne sich ab, dass Nationalstaaten immer untragbarer würden, was zu immer mehr Widerstand führe. Alle momentanen Krisen seien Ausdruck dieser einen Krise der “kapitalistischen Moderne”. Der Podcast sucht nach Lösungsansätzen anhand von drei Achsen: Geschlechterbefreiung, Ökologie und Demokratie.

Geschlechterbefreiung: eine Gesellschaft, die das Leben ins Zentrum stellt

In der Podcast-Folge über Geschlechterbefreiung erzählt eine Mutter davon, wie sie erlebt hat, dass mit ihrer Schwangerschaft ihr Körper plötzlich zu einem Allgemeingut wurde, über das verfügt wird: “So viele Frauen erleben während der Geburt Gewalt”, hebt sie hervor. Der Podcast zeichnet historisch nach, dass es im Patriarchat um die Kontrolle der Gebärfähigkeit und der Reproduktion geht, von der Hexenverfolgung bis zu heutigen Abtreibungsgesetzen.

Zugleich reden die Menschen im Podcast nicht einfach von “Frauen”, sondern von “Frauen und anderen unterdrückten Geschlechtern” und weisen darauf hin, dass die heutige Teilung in Mann und Frau erste einige Jahrhunderte alt ist. Vorher seien, auch in Europa, verschiedene Geschlechter anerkannt gewesen. Eine Befreiung der Gesellschaft sei nur möglich, wenn alle Geschlechter befreit seien, wenn es also keine Hierarchien mehr zwischen ihnen gebe.

Eine Podcast-Sprecherin spricht davon, dass ihr in anderen politischen Bewegungen der Bezug auf das Patriarchat gefehlt habe. In der Geschichte des Sozialismus sei die “Frauenfrage” oft als Nebenfrage betrachtet worden. Die Menschen im Podcast sehen das Patriarchat hingegen als Wurzel aller Probleme an – auch der Kapitalismus könne ohne das Patriarchat nicht existieren.

Dabei ist das Patriarchat erst 6000 Jahre alt; während des grössten Teils ihrer Geschichte lebten die Menschen in sogenannten “natürlichen Gesellschaften”2. Leben, Sorge, Beziehungen und “mütterliche Werte” (was nicht zwingend Mutterschaft bedeutet) standen im Zentrum. Erst als sich einige wenige Männer von der Gesellschaft entfremdet haben, was zu hierarchischen Gesellschaftsstrukturen geführt hat – Krieger, Priester, Könige3 – entstand das Patriarchat. Die Herrschaft des Mannes über die Frau ist somit nicht naturgegeben. Es handelt sich um ein Narrativ, das wir durchbrechen können – “… was mir Hoffnung gibt”, wie eine Podcast-Sprecherin meint.

Die Werte der natürlichen Gesellschaft sind trotz allem nie ganz verloren gegangen. Der Podcast spricht von einem “demokratischen Fluss”4, der die Geschichte überdauert – die Verwirklichung des guten Lebens. Die Geschichte, die wir alle in der Schule gelernt haben, ist hingegen die Geschichte der Sieger, also die Geschichte der Herrschaft.5 Die IDK möchte im Gegensatz dazu die Werte der natürlichen Gesellschaft wiederfinden und stärken.

Soziale Ökologie

Die Ökologie-Folge erwähnt die leeren Versprechen der Grünen und die sehr individualisierte Betrachtungsweise, die zurzeit vorherrscht. Die Krise lasse sich nicht dadurch lösen, dass alle Einzelnen versuchen, ihren ökologischen Fussabdruck zu verringern, indem sie E-Autos fahren und Bioprodukte kaufen.

Um zur Wurzel des Problems zu gelangen, fragt der Podcast danach, wie sich Herrschaft und Patriarchat auf unserer Verhältnis zur Natur ausgewirkt hat. Das ist auch der Kern der Sozialen Ökologie, auf die sich Öcalan bezieht und die von Bookchin geprägt wurde: Die Wurzel der ökologischen Krise liegt in der gesellschaftlichen Krise, also in der Art und Weise, wie sich Ausbeutung und Herrschaft ausgebreitet haben. Der Podcast bezeichnet das Patriarchat als Grundlage für die Ausbeutung von Mensch und Natur. Die Ausbeutung der Natur gehe Hand in Hand mit Kapitalismus und Kolonialismus.

Die Podcast-Folge beschreibt zudem den Zusammenhang zwischen positivistischer Wissenschaft und der Ausbeutung der Natur. Positivismus als Ideologie zerschneide die natürlichen Zusammenhänge, um die einzelnen Teile für die Profitlogik nutzbar zu machen. Die Sprecherin erklärt umfassend, wie es historisch dazu kam, dass wir Natur als Ressource sehen und heute vor der Vernichtung unserer Lebensgrundlagen stehen.

Eine alternative Wirtschaft

Ebenfalls in der Ökologie-Folge stellen die Gesprächsteilnehmer*innen fest, dass eine alternative Wirtschaft nötig ist. Kapitalismus kann gemäss Öcalan als “Anti-Wirtschaft” bezeichnet werden, wenn Wirtschaft als Erfüllung menschlicher Bedürfnisse definiert wird. Murray Bookchin plädiert für eine “Kommunalisierung der Wirtschaft”.6 Die Produktionsmittel sollen in den Händen der Kommune, also der Menschen liegen, die selber entscheiden, wie und was produziert wird, und die nicht auf Profit spekulieren. Konkret heisst das beispielsweise: “Kooperativen, die in den Stadtteil eingebunden sind und von ihm betrieben werden”.

Basisdemokratie und Stadtteilarbeit

Die Demokratie-Folge dreht sich um Erfahrungen aus der Basisorganisierung und Stadteilarbeit, die die Gesprächsteilnehmenden in Nordostsyrien und in Deutschland gemacht haben. Darüber hinaus fragen sie: Wie könnte lokale Organisierung zu einer gesamtgesellschaftlichen Demokratisierung führen?

Gleicht das politische System in Deutschland einer Pyramide, wo die Entscheidungen an der Spitze getroffen werden, so müsste diese in einer demokratischen Gesellschaft eigentlich umgedreht werden. Es sollte nicht über Menschen regiert werden, sondern sie sollten sich selber regieren. Öcalan spricht von der “moralisch-politischen Gesellschaft”. Er versteht die moralischen Werte (wie sie heute z. B. noch in Märchen zum Ausdruck kommen) als das eigentlich Gesellschaftliche, und Politik als die Instrumente, um das gesellschaftliche Leben zu organisieren.

Wichtig ist zu betonen, dass sich der Staat von der moralisch-politischen Gesellschaft unterscheidet und auch nicht in der Lage ist, gesellschaftliche Probleme adäquat zu lösen. Auf der anderen Seite könnte der Staat nicht ohne die demokratische Gesellschaft überleben und immer mehr von ihren Bereichen in sich zu integrieren.

Nun gibt es ja im Staat die Möglichkeit, auf lokaler Ebene zu partizipieren. Es ist aber wichtig, sich immer vor Augen zu halten, dass diese Dezentralisierung des Staates das Ergebnis von gesellschaftlichen Kämpfen ist, wie der Podcast betont. Mit Initiativen für mehr Bürger*innenbeteiligung versuchen Menschen, ihren Einfluss gegenüber dem Staat geltend zu machen. Je weniger Staat, desto mehr Demokratie; je mehr Demokratie, desto weniger Staat.

Eine Podcastsprecherin erzählt anschliessend über die Basisorganisierung in ihrem Stadtteil. Als Erstes hat ihre Gruppe eine Strassenumfrage gemacht, bei der drei Anliegen zum Vorschein kamen: ein Ort, an dem sich die Menschen begegnen können; Naturschutz (in einer Strasse wurden aufgrund eines undemokratischern Verwaltungsentscheids Bäume gefällt); kulturelle Aktivitäten (z. B. unkompliziert gemeinsam Musik machen). Bei einer ersten Stadtteilversammlung haben sich gleich mehrere AGs gegründet, ausserdem ist ein regelmässiger Brunch für Frauen, Diverspersonen und Kinder entstanden, und es wurde eine Plakat-Aktion durchgeführt, die das Gefühl der Unsicherheit an gewissen Orten thematisierte.

“Wir machen im Stadtteil gerade die Erfahrung, wie eine demokratische Gesellschaft aussehen kann”, sagt ein Podcast-Teilnehmer. Stadtteilarbeit in Deutschland könne dabei auf Erfahrungen aus der Geschichte, aber auch aus aktuellen Kämpfen zurückgreifen, die weltweit stattfänden, beispielsweise in Chiapas oder in Nordostsyrien.

Der Demokratische Konföderalismus sei ein Vorschlag, wie Stadtteilarbeit vom Lokalen ausgehend als demokratisch-konföderales System weltweit gedacht werden könne. Wie so etwas in Deutschland aussehen kann, müsse sich in der Praxis zeigen. Eine Inspiration könnten die Räterepubliken sein, mit denen in Deutschland 1918/1919 Erfahrungen gesammelt wurden.

Podcast liefert schlagkräftige Argumente – und gibt Hoffnung

Die hier skizzierten Gedanken bilden nur einen kleinen Teil dessen ab, was im Podcast ausführlich diskutiert und dargelegt wird. Dank des Bezugs auf deutsche Verhältnisse wird die Philosophie der Befreiungsbewegung Kurdistans aus einem neuen Blickwinkel gezeigt, was hilfreich für das Verständnis sein kann. Trotz seiner inhaltlichen Dichte – die Sprechenden teilen viel Wichtiges und Interessantes – erfordert der Podcast nicht durchgehend verkrampfte Aufmerksamkeit, sondern kann locker nebenbei angehört werden. Denn vieles, was die Menschen erzählen, klingt an Erfahrungen an, die wir – als in der kapitalistischen Moderne Lebende – alle schon gemacht haben.

Der Vorschlag, über die Erfüllung der Grundbedürfnisse demokratisch in der Kommune zu entscheiden und diese demokratisch-konföderalistische Praxis auf die ganze Welt auszudehnen, klingt überzeugend. Der Podcast liefert nicht nur Wissen und Argumente dafür, sondern vermittelt auch Optimismus und Hoffnung, dass uns dies tatsächlich gelingen kann.

Allen, die tiefer in die Materie eintauchen möchten, sei der Podcast wärmstens empfohlen. Je nach Interesse können die Folgen über Patriarchat, Ökologie oder Basisdemokratie auch sehr gut einzeln angehört werden.

Podcast “Aufbruch”: https://www.i-dk.org/podcast
(Kürzlich ist eine weitere Folge erschienen: #5 Politische Lage)


1 Im Endeffekt geht es darum, ein alternatives System und demokratische Strukturen aufzubauen, mit Kommunen, Räten, Kooperativen und Akademien.

2 Bei Bookchin: “organic society”.

3 Nachzulesen unter anderem bei Öcalan, Manifest der Demokratischen Moderne, oder Bookchin, Ökologie der Freiheit.

4 Bei Bookchin: “legacy of freedom”

5 Bei Bookchin: “legacy of domination”

6 Siehe Murray Bookchin, Libertarian Municipalism: An Overview, Abschnitt “Municipalizing the Economy” https://theanarchistlibrary.org/library/murray-bookchin-libertarian-municipalism-an-overview#toc4