{"id":1144,"date":"2025-03-20T22:34:18","date_gmt":"2025-03-20T22:34:18","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=1144"},"modified":"2025-03-20T22:34:18","modified_gmt":"2025-03-20T22:34:18","slug":"500-jahre-menschenrechtserklaerung-von-unten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=1144","title":{"rendered":"500 Jahre Menschenrechtserkl\u00e4rung von unten"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201e<em>Revolution des Gemeinen Mannes\u201c erstreitet in blutig niedergeschlagenen Aufstand mehr \u201eFreyheyt\u201c<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor 500 Jahren \u2013 beim Wechsel vom Mittelalter in die Neuzeit \u2013 rumorte es schon lange; sowohl in den d\u00f6rflichen als auch in den st\u00e4dtischen Gemeinschaften. Im Juni 1524 schlie\u00dflich erhoben sich zuerst im S\u00fcden des Schwarzwaldes die Bauern gegen Adel und Klerus. Ausl\u00f6ser, so eine unbewiesene historische Erz\u00e4hlung, war eine v\u00f6llig abgedrehte Idee der Ehefrau des Grafen Sigmund von Lupfen. Im Juni, also mitten in der Erntezeit, sollten die Bauern, statt auf das Feld zu gehen, f\u00fcr die Gr\u00e4fin Schneckenh\u00e4user und Waldbeeren sammeln. Sie wollte Beerenmus einkochen lassen und Garn auf die Schneckenh\u00e4user wickeln lassen, berichten gleich drei alte Quellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt den Sammelkorb zu nehmen, griffen die Bauern zu Waffen und zogen vor das Schloss des Grafen in St\u00fchlingen an der Grenze zur Schweiz. Sie l\u00f6sten mit ihrem militanten \u00f6rtlichen Aufstand am 23. Juni 1524 eine Bewegung aus, die sp\u00e4ter von der Geschichtsschreibung der herrschenden Obrigkeit \u201eGro\u00dfer Bauernkrieg\u201c getauft wurde. Die bis zum 2. Juli 1526 dauernden Revolten zwischen Th\u00fcringen und S\u00fcdtirol sowie Salzburg und dem Elsass kosteten rund 70.000 Menschen auf Seiten der Landbev\u00f6lkerung und der sie unterst\u00fctzenden St\u00e4dter*innen das Leben. Gef\u00fchlt stand am Ende eine Niederlage des \u201eGemeinen Mannes\u201c, wie die damalige Unterklasse jenseits von Adel und Klerus genannt wurde. Doch historisch war der mit hohem Blutzoll besonders auf Seiten der m\u00e4nnlichen Landbev\u00f6lkerung bezahlte Aufstand tats\u00e4chlich ein Schritt hin zu mehr Freiheit und etwas mehr Gerechtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bauernkriege blieben r\u00e4umlich begrenzt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der westf\u00e4lische Bauer war vor f\u00fcnf Jahrhunderten freier als seine Berufskollegen in den s\u00fcdlichen deutschsprachigen L\u00e4ndern. Deshalb blieben die Bauernkriege auch r\u00e4umlich begrenzt. Weder in Nord- noch in Westdeutschland kam es zu vergleichbaren Aufst\u00e4nden. Auch im K\u00f6nigreich Bayern gab es aus diesem Grund weniger Revolten, als jenseits der bayrischen Grenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Ausnahme bildet Th\u00fcringen, wo die Bauern zwar \u00e4hnliche Rechte wie die in Westfalen genossen, aber trotzdem dem revolution\u00e4ren Theologen Thomas M\u00fcntzer, einem scharfen Kritiker des obrigkeitsh\u00f6rigen Martin Luther auf das Schlachtfeld folgten. In M\u00fcnsters th\u00fcringische Partnerstadt M\u00fchlhausen, damals mitten im Zentrum des M\u00fcntzer-Aufstandes, wird in diesem Jahr der vor 500 Jahren auch dort extrem blutig niedergeschlagenen Revolte der Bev\u00f6lkerung mit der gro\u00dfen Landesausstellung \u201efreiheyt 1525\u201c gedacht. Sie ist vom 26. April bis zum 19. Oktober 2025 in den M\u00fchlh\u00e4user Museen zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vorgeschichte des Bauernkrieges<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Revolution des gemeinen Mannes hatte direkte Vorl\u00e4ufer. Schon 1493 bildete sich im Elsass der \u201eBundschuh\u201c, ein geheimer Zusammenschluss von Bauern (Landbev\u00f6lkerung), die sich auf eine Revolte vorbereitete. Der \u201eArmer Konrad\u201c, ein Aufstand der Einwohner*innen w\u00fcrttembergischer Landst\u00e4dte, revoltierte 1514 nach Verteuerung der Grundnahrungsmittel und der Erhebung zus\u00e4tzlicher Steuern f\u00fcr die Unterschicht. Dieser Aufstand wurde ausgetrickst und niedergeschlagen; blieb aber als Perspektive im Ged\u00e4chtnis der geschundenen Bev\u00f6lkerung auf dem Land und in den St\u00e4dten im S\u00fcdwesten des deutschsprachigen Raumes.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 31. Oktober 1517 ver\u00f6ffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen, die viele andere christliche Reformer, darunter auch M\u00fcntzer, inspirierten. Dank der Erfindung des europ\u00e4ischen Buchdrucks 1450 waren \u2013 lange vor Luthers \u00dcbersetzung \u2013 deutschsprachige Bibeln im Umlauf. Bekannteste Beispiele aus den 72 Bibel\u00fcbersetzungen ins Deutsche vor Luther sind die M\u00fcnchner Bibel von 1472 und die 1483 in N\u00fcrnberg gedruckte Koberger-Bibel. Durch deren Lekt\u00fcre wuchs im gemeinen Volk der Wunsch nach Freiheit und die Erkenntnis der Gleichheit der (von Gott geschaffenen) Menschen \u2013 vom Hirten bis zum H\u00f6chsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Adel und der Klerus, beide litten aufgrund des aufwendigen Lebensstils chronisch unter Kapitalmangel, pressten zu Beginn der Globalisierung ihre Untertanen immer st\u00e4rker aus. Abgaben wurden bis zur Grenze des Ertr\u00e4glichen erh\u00f6ht, Frondienste ausgeweitet und bisher gemeinschaftlich genutztes Land eingez\u00e4unt, um es f\u00fcr die Obrigkeit zu monetarisieren. Nach dem Auftakt durch die St\u00fchlinger Erhebung verbreitet sich die revolution\u00e4re Unruhe \u2013 allerdings weitgehend friedlich \u2013 in S\u00fcdwestdeutschland.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jakob Fugger finanziert die Truppen des Schw\u00e4bischen Bundes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur in St\u00fchlingen, sondern auch im Bodenseegebiet und im eidgen\u00f6ssischen Thurgau gab es Mitte 1524 Unruhen. Am Bodensee erzwangen einzelne Gemeinden, dass sie ihre Pfarrer fortan selbst w\u00e4hlen durften. Diese Aktionen f\u00e4rbten auf die Nachbarregionen ab und ab Juli weiteten sich die Proteste und das Aufbegehren des \u201eGemeinen Mannes\u201c auf den Schwarzwald, der Hegau, der Klettgau und Teile des Breisgaus aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab Januar 1525 schlossen sich in Oberschwaben um Baltringen, Region bei Ulm, im Allg\u00e4u und am Bodensee insbesondere Bauern zusammen und formierten drei gro\u00dfe Rebellenheere. Diese werden als \u201eHaufen\u201c bezeichnet. Alle Haufen umfassten mehrere tausend Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Reaktion auf die Gr\u00fcndung beschloss der Schw\u00e4bische Bund, ein Zusammenschluss von Personen (Adel) und Institutionen (reichsunmittelbare St\u00e4dte), die im Reichstag eine Stimme hatten, sich bei Jakob Fugger in Augsburg Geld f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung der Bauern zu leihen. Jakob Fugger und andere reiche Augsburger Kaufleute, die alle Furcht vor Erst\u00fcrmung von Augsburg, was ihrem Ende gleichk\u00e4me hatten, und zudem hunderttausende Gulden in Waren, deren Beschlagnahme durch die Aufst\u00e4ndigen drohte, investiert hatten, stimmten der Kreditvergabe zu.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bauernj\u00f6rg bek\u00e4mpft erneut die Aufst\u00e4ndischen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Georg III. Truchse\u00df von Waldburg-Zeil, der nach dem grausamen und erbarmungslosen Abschlachtung Zehntausender von Aufst\u00e4ndigen den Namen \u201eBauernj\u00f6rg\u201c erhielt, wurde vom Schw\u00e4bischen Bund beauftragt, die Revolte niederzuschlagen. Georg von Waldburg hatte schon 1514 den \u201eArmen Konrad\u201c niedergerungen, so dass er als erfahren im Umgang mit dem Gemeinen Mann galt. Tats\u00e4chlich konnte der Bauernj\u00f6rg, da die kaiserlichen Truppen in den \u201eItalienischen Kriegen\u201c gebunden waren, verhandelte der Truchse\u00df zun\u00e4chst mit den Bauernhaufen. Dabei machte er auch kleine Zugest\u00e4ndnisse. Obwohl die nur leichte Verbesserungen brachten, aber an ihrer grundlegenden Situation nichts \u00e4nderten, sondern die Stellung der Herrschenden festigten, reichte dies den gem\u00e4\u00dfigten Aufst\u00e4ndigen zun\u00e4chst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Drei Haufen rufen Bauernparlament in Memmingen zusammen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Bauernhaufen waren landschaftlich gepr\u00e4gte Zusammenschl\u00fcsse b\u00e4uerlicher Gemeinden. Die bruderschaftlich-genossenschaftlich orientierten Haufen gaben sich eine innere Ordnung mit gew\u00e4hltem Hauptmann und R\u00e4ten, die ihnen verantwortlich waren. Erkl\u00e4rtes Ziel war das Zur\u00fcckgewinnen von Mitspracherecht f\u00fcr die Bauern in den bestehenden weltlichen und geistlichen Gremien.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Haufen, deren Zusammensetzung sehr dynamisch war, nannten sich h\u00e4ufig nach ihrer landschaftlichen beziehungsweise herrschaftlichen Herkunft. Der Baltringer, der Allg\u00e4uer und der Bodenseer Haufen schlossen sich Anfang M\u00e4rz 1525 in Memmingen zusammen und beriefen in der Stadt ein Bauernparlament ein. An ihm nahmen bei der Gr\u00fcndung am 6. M\u00e4rz 50 Vertreter der drei Haufen teil. Zun\u00e4chst diskutierte und verabschiedete der auch als \u201everfassungsgebende Bauernversammlung\u201c bekannte Zusammenschluss (Selbstbezeichnung: \u201eR\u00e4te der Haufen\u201c) eine \u201eBundesordnung\u201c. Schon dieses Dokument, das nur noch in gedruckter Form in elf Varianten aus unterschiedlicher Zeit vorliegt, regte in weiteren Regionen die Bildung von Bauernhaufen und Aufst\u00e4nden an.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei verfolgten alle ein gemeinsames Ziel. Ihrer elenden Lage ein Ende setzen und endlich in Freiheit zu leben und zu arbeiten. Ein Problem war, dass sich von beginn an die Haufen sich in Falken und Tauben aufteilten. Die einen wollten mit dem Schwert k\u00e4mpfen und die anderen hofften noch auf eine friedliche Einigung. Beinahe h\u00e4tte sich der sogar Rat der Haufen in Memmingen ergebnislos getrennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bundesordnung sorgte schlie\u00dflich einerseits f\u00fcr die Friedenswahrung nach innen, quasi eine Gesch\u00e4ftsordnung mit Gewaltverzicht, und andererseits war sie ein Beistandspakt nach au\u00dfen. Wenig sp\u00e4ter, schon am 19. M\u00e4rz 1525, verabschiedete das Bauernparlament von Memmingen die ber\u00fchmten \u201eZw\u00f6lf Artikel\u201c \u2013 das zentrale Manifest der aufst\u00e4ndigen Bauern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Zw\u00f6lf Artikel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Quasi in Fortschreibung der Bundesordnung wurde in der Kramerzunftstube in Memmingen eine Menschenrechtserkl\u00e4rung von unten vom Bauernparlament, dem Haufenrat, verabschiedet. Die Geschichtswissenschaft ist sich einig, dass der Hauptverfasser der Zw\u00f6lf Artikel, die freiheitliche sowie soziale und kommunalpolitische Forderungen enthalten, der Memminger Laienprediger Sebastian Lotzer war. Er geh\u00f6rte zu dieser Zeit als Schreiber zum Baltringer Haufen. Die zw\u00f6lf Artikel gelten als die erste Niederschrift von Menschen- und Freiheitsrechten in Europa und als erste verfassungsgebende Versammlung auf deutschem Boden, schreibt der Historiker Peter Blickle in seiner Abhandlung \u201eDer Bauernkrieg \u2013 Die Revolution des Gemeinen Mannes\u201c. Wegen dieser besonderen Bedeutung wird ein Original bis heute im Stadtarchiv Memmingen verwahrt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"982\" src=\"https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/original-12-artikel_ausstellung-memmingen_Marcel-Suter_ausschnitt-768x982-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1146\" style=\"width:367px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/original-12-artikel_ausstellung-memmingen_Marcel-Suter_ausschnitt-768x982-1.jpg 768w, https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/original-12-artikel_ausstellung-memmingen_Marcel-Suter_ausschnitt-768x982-1-235x300.jpg 235w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die urspr\u00fcngliche Form der \u201eZw\u00f6lf Bauernartikel\u201c ist f\u00fcr uns heute nur schwer lesbar. Nachfolgend eine dem aktuellen Sprachgebrauch n\u00e4her kommende Kurzversion der Zw\u00f6lf Artikel, die das St\u00e4dtische Kulturamt Memmingen zur Verf\u00fcgung stellt:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><em>1. Jede Gemeinde hat das Recht zur Wahl und Absetzung ihres Pfarrers.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>2. Der Kleinzehnt [auf Vieh] soll aufgehoben, der Gro\u00dfzehnt <\/em>[<em>auf Agrarprodukte] f\u00fcr Geistliche, Arme und Landesverteidigung verwendet werden.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>3. Die Leibeigenschaft soll aufgehoben werden.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>4. Jagd und Fischerei sollen frei sein. Falls Verk\u00e4ufe vertraglich belegt werden k\u00f6nnen, sollen einvernehmliche Regelungen zwischen Gemeinde und Rechtsinhabern angestrebt werden.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>5. W\u00e4lder und Forsten sollen in Gemeindehand zur\u00fcckgegeben werden. Sollten Vertr\u00e4ge bestehen, werden g\u00fctliche Vereinbarungen mit den Forstinhabern angestrebt.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>6. Die Frondienst&#8216; sollen auf ein ertr\u00e4gliches Ma\u00df reduziert werden, orientiert an Herkommen und Evangelium.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>7. Au\u00dfervertragliche Frondienste sollen nicht zugelassen sein, es sei denn gegen eine angemessene Verg\u00fctung.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>8. Die Abgaben der Bauern sollen durch \u201eehrbare Leute\u201c neu eingesch\u00e4tzt werden.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>9. Die Strafma\u00dfe f\u00fcr schwere Vergehen sollen neu festgesetzt werden, orientiert an \u00e4lteren Gerichtsordnungen.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>10. Ehemalige Gemeindewiesen und -\u00e4cker sollen zur\u00fcckgegeben werden, es sei denn, dass Kaufvertr\u00e4ge vorgelegt werden k\u00f6nnen.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>11. Der Zahlung des Todfalles* belastet die Erben ungeb\u00fchrlich und wird deswegen zuk\u00fcnftig verweigert.<\/em>[*Quasi eine hohe Erbschaftssteuer, die der Leibherr nach dem Tod des leibeigenen Bauern aus dem Verm\u00f6gen der Familie kassierte.]<\/li>\n\n\n\n<li><em>Alle Forderungen ergeben sich aus dem Wort Gottes. Sollten sie sich durch die Schrift als unberechtigt erweisen, sollen sie hinf\u00e4llig sein. <\/em><br><em>\u00a9 <\/em>Stadt Memmingen<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Forderungen bestehen zum Teil noch heute<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einige der Forderungen aus den Zw\u00f6lf Artikeln sind hoch aktuell. Die Forderung nach Selbstbestimmung aus Artikel eins wird noch immer erhoben. Zwar nicht mehr nur auf die Stelle des Pfarrers sondern auch auf politische \u00c4mter und Rechte. Ebenso sind die Forderungen zur R\u00fcckgabe der d\u00f6rflichen Gemeinschaftsfl\u00e4chen, den \u201eAllmenden\u201c [Wiesen und \u00c4cker], sowie den W\u00e4ldern und Forsten an die \u00f6rtliche Gemeinschaft noch heute aktuelle kommunalistische Programmpunkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Freigabe der Fischerei, der Jagd und auch des Holzverbrauchs in der kommunalen Gebietsk\u00f6rperschaft sind Punkte, die noch heute zur gemeinwirtschaftlichen orientierten Kommunalpolitik geh\u00f6ren. Die Beschr\u00e4nkungen der Abgaben an und Steuern f\u00fcr den Adel und den Klerus, die zwischen den D\u00f6rfern, St\u00e4dten und Landschaften und dem Kaiser standen und herrschten, auf notwendige Ausgaben f\u00fcr die Gemeinde (Kirche und Dorf \/ Stadt) sowie die Verteidigung geh\u00f6ren gleichfalls dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die zahlreich vorhandenen Druckereien wurden die Zw\u00f6lf Artikel, die mit einer Gesamtauflage von 25.000 St\u00fcck in 15 verschiedenen St\u00e4dten erschienen, nicht nur ein Bestseller, sondern auch eine schriftliche Vorlage f\u00fcr nahezu alle weiteren Aufst\u00e4nde in den anderen Regionen. Aber die ersten Haufen l\u00f6sten sich wegen der lokalen Zugest\u00e4ndnisse und dem Wunsch vieler Aufst\u00e4ndigen, schnell zur\u00fcck auf ihre \u00c4cker und in die St\u00e4dte zu kehren, schon im Fr\u00fchjahr 1525 auf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Spie\u00dfrutenlauf zu Ostern in Weinheim<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die revolution\u00e4re Flamme erlosch aber tats\u00e4chlich viel sp\u00e4ter. Bis zum Sommer 1525 loderte sie in vielen Orten des Schw\u00e4bischen Bundes, aber auch in Franken (Rothenburg ob der Tauber, W\u00fcrzburg), im Odenwald oder im Neckartal. Am 4. April f\u00fchlte sich Bauernj\u00f6rg mit seinen Landsknechten stark genug, um in Leipheim bei Ulm in die erste Schlacht des Bauernkrieges zu ziehen. Wenig sp\u00e4ter stand der Gemeine Mann im Elsass, in W\u00fcrttemberg, auf der Z\u00fcricher Landschaft und im Hochstift Bamberg auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der 31-j\u00e4hrige Graf Ludwig von Helfenstein verachtete den niedrigen Stand so sehr, dass er mit 60 Soldaten den 6000 Mann starken Neckertal-Odenw\u00e4lder Haufen angriff. Dies l\u00f6ste eine Kettenreaktion aus, die schlie\u00dflich zur \u201eWeinsberger Bluttat\u201c am Osterwochenende 1524 f\u00fchrte. Nach der Eroberung der Burg des Grafen und anschlie\u00dfend der ihr zu F\u00fc\u00dfen liegenden Stadt Weinheim, fassen die Bauern \u2013 nahezu basisdemokratisch im \u00fcblichen Kreis \u2013 kollektiv, gem\u00e4\u00df geltendem Kriegsrecht zehn Adelige durch \u201edie Spie\u00dfe laufen zu lassen\u201c. Diese gemeinschaftliche Form der Hinrichtungen \u2013 f\u00fcr Adlige ein sch\u00e4ndlicher Tod, der eigentlich nur f\u00fcr Landsknechte angewandt wurde, die sich ihren Kameraden gegen\u00fcber schuldig gemacht hatten \u2013 l\u00f6ste eine andauernde Emp\u00f6rung bei den Herrschenden aus. Immer wieder wurde der Tod von Graf von Helfenstein und seiner neun adligen Mitstreiter am 16. April 1525 f\u00fcr die angebliche Brutalit\u00e4t der Haufen angef\u00fchrt. Angesichts des gewaltigen Blutzolls auf Seiten der Aufst\u00e4ndigen eine historisch nicht zu haltende Bewertung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weingartener Vertrag findet an der Basis des Allg\u00e4uer Haufens keine Zustimmung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nur einen Tag nach Weinsberg schlie\u00dft der in Leipheim erfolgreiche Truchse\u00df mit zwei der drei oberschw\u00e4bischen Haufen den \u201eWeingartener Vertrag\u201c. Er wurde nur von vier Delegierten des Allg\u00e4uer Haufen unterzeichnet. 40 weitere machten ihre Unterschrift von der basisdemokratischen Zustimmung ihres Haufen abh\u00e4ngig. Weil diese wegen der Bedingungen verweigerten, sprach der Schw\u00e4bische Bund schon wenige Zeit sp\u00e4ter vom Vertrag mit dem Bodenseehaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgten zwischen S\u00fcdtirol, Salzburg, Stra\u00dfburg und Th\u00fcringen zahlreiche weitere Schlachten, die aber auf dem Feld praktisch immer von den Herrschenden, die auch bei Martin Luther Unterst\u00fctzung fanden, gewonnen wurden. Am 15. Mai 1525 unterlagen bei Frankenhausen die zahlenm\u00e4\u00dfig stark unterlegenen Th\u00fcringer Aufst\u00e4ndischen. Ihr f\u00fchrender Kopf, Thomas M\u00fcntzer, wurde am 27. Mai des Jahres hingerichtet. Mit der Niederwerfung der Salzburger am 2. Juli 1526 endeten die dezentralen Aufst\u00e4nde der Bauern, Knappen und St\u00e4dter gegen die Obrigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der \u201eGemeine Mann\u201c konnte etwas bewirken<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Adel und Klerus die Bauern besiegen konnte, da diese immer nur regional protestierten und k\u00e4mpften und zudem zur Ernte wieder zur\u00fcck auf das Feld gingen. Anfang Juli 1526 endeten im Salzburger Land die als Bauernkrieg bezeichneten K\u00e4mpfe, die eine Revolution des Gemeinen Mannes waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Peter Blickle kommt nach seinen umfangreichen Untersuchungen zu dem Schluss, dass die Revolte der Unterschicht nicht vergebens war und \u2013 auf lange Sicht \u2013 auch zur Abschaffung der Leibeigenschaft f\u00fchrte. Das Fazit des bekanntesten Bauernkriegsforscher: Der \u201eGemeine Mann\u201c konnte als Subjekt der Geschichte etwas bewirken.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Werner Szybalski<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>(Dieser Artikel ist zuerst auf <a href=\"https:\/\/szybalski.de\/\">szybalski.de<\/a> erschienen.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Literatur:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter Blickle<\/em><\/strong><em>; Der Bauernkrieg <\/em><em>\u2013 <\/em><em>Die Revolution des Gemeinen Mannes, <\/em><em>M\u00fcnchen; C.H. Beck; 1998; 5. Auflage 2018; 146 Seiten; ISBN 978-3-406-72225-7.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Christian Pantle<\/strong><\/em><em>; Der Bauernkrieg \u2013 Deutschlands gro\u00dfer Volksaufstand; Berlin; Propyl\u00e4en, 2024; 338 Seiten; 22 Euro; ISBN 978-3-549-10051-6.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Gerd Schwerhoff<\/strong>; Der Bauernkrieg; M\u00fcnchen; C.H. Beck; 2024; 724 Seiten; ISBN 978-3-406-82180-6.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eRevolution des Gemeinen Mannes\u201c erstreitet in blutig niedergeschlagenen Aufstand mehr \u201eFreyheyt\u201c. Vor 500 Jahren \u2013 beim Wechsel vom Mittelalter in die Neuzeit \u2013 rumorte es schon lange; sowohl in den d\u00f6rflichen als auch in den st\u00e4dtischen Gemeinschaften. Im Juni 1524 schlie\u00dflich erhoben sich zuerst im S\u00fcden des Schwarzwaldes die Bauern gegen Adel und Klerus. 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