{"id":1193,"date":"2025-06-21T09:20:11","date_gmt":"2025-06-21T09:20:11","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=1193"},"modified":"2025-06-21T09:20:11","modified_gmt":"2025-06-21T09:20:11","slug":"wir-muessen-mit-dem-land-beginnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=1193","title":{"rendered":"Wir m\u00fcssen mit dem Land beginnen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die Art, wie sich moderne Gesellschaften ern\u00e4hren, ist nicht nur ungesund, un\u00f6kologisch und unbefriedigend \u2013 sie ist grunds\u00e4tzlich mit Ausbeutung und Herrschaft verbunden. Stephen E. Hunt zeigt auf, wie das Verh\u00e4ltnis zum Land unser Zusammenleben pr\u00e4gt, und wie beides anders sein k\u00f6nnte. Sein Buch \u201e<a href=\"https:\/\/www.collectiveinkbooks.com\/zer0-books\/our-books\/we-must-begin-with-land\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.collectiveinkbooks.com\/zer0-books\/our-books\/we-must-begin-with-land\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">We Must Begin with the Land<\/a>\u201c untersucht zahlreiche internationale Beispiele f\u00fcr eine nicht-dominatorische Landwirtschaft, die sich an den Prinzipien der sozialen \u00d6kologie orientiert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Plantagen des fr\u00fchen Kapitalismus wurden versklavte Menschen dazu gezwungen, dem Boden in m\u00f6glichst kurzer Zeit m\u00f6glichst viele verwertbare Produkte abzuringen. Plantagen sind der Prototyp einer \u201edominatorischen\u201c Landwirtschaft \u2013 ein rassistisches und kolonialistisches System, von dem sich eine gerade Linie zu den heutigen Praktiken der industriellen Landwirtschaft, der Tierfabriken, der Monokulturen und der neoliberalen Lebensmittelindustrie ziehen l\u00e4sst. Wenn Boden ein Investitionsobjekt ist und Essen nur \u00fcber den Umweg der Warenform produziert wird, nicht um das Bed\u00fcrfnis nach einer hinreichenden, gesunden Ern\u00e4hrung zu befriedigen, dann leiden Natur und Mensch.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es gibt und gab immer auch andere Weisen, sich zu ern\u00e4hren und nicht nur <em>vom<\/em>, sondern <em>mit<\/em> dem Land zu leben. Stephen E. Hunt<a href=\"#sdendnote1sym\" id=\"sdendnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> f\u00fchrt in seinem neuen Buch \u201eWe Must Begin with the Land\u201c eine F\u00fclle von aktuellen und zukunftsweisenden Beispielen auf, etwa Nahrungsmittelproduktion in Kurdistan als eine \u201eheilige Aktivit\u00e4t\u201c, oder die Landlosenbewegung MST in Brasilien, altes Ern\u00e4hrungswissen der Adivasi oder die nat\u00fcrliche Shumei-Landwirtschaft aus Japan. Er rechnet aber auch das Potenzial von Kleing\u00e4rten und solidarischer Landwirtschaft vor oder philosophiert \u00fcber das Vergn\u00fcgen, gemeinsam zu essen \u2013 der erz\u00e4hlerische Stil des Buchs macht Lust darauf, bewusster zu essen, vergessene regionale Spezialit\u00e4ten wie die \u201eBath asparagus\u201c (eine Art Wildspargel) zu entdecken oder \u00fcber Experimente wie Konsument*innen-Kooperativen nachzudenken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t, Agro\u00f6kologie, Allmende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Viele Stichworte, die zurzeit rund um Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft diskutiert werden, finden sich in dem Buch versammelt und werden auf einfache Art erkl\u00e4rt: Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t, Permakultur und regenerative Agro\u00f6kologie, Saatgut-Bibliotheken, aber auch Ideen und Konzepte zu Landnutzung und Eigentum, wie etwa Allmende (Commons) und Usufrukt (Nie\u00dfbrauch). Stephen E. Hunt macht sich Gedanken, wie Ern\u00e4hrungssysteme dekolonisiert werden oder im Sinn des Demokratischen Konf\u00f6deralismus verstanden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist beispielsweise La Via Campesina, das weltweit gr\u00f6sste kleinb\u00e4uerliche Netzwerk, horizontal und basisdemokratisch organisiert. Auch wenn sich nicht jede einzelne Kleinb\u00e4uer*in des Netzwerks explizit als Kommunalist*in bezeichnen w\u00fcrde, so ist die nichthierarchische Struktur von La Via Campesina doch \u201ekompatibel mit Versammlungen und R\u00e4ten\u201c im Sinn von Vertreter*innen der direktdemokratischen Denktradition wie Murray Bookchin und Hannah Arendt.\u201c<a href=\"#sdendnote2sym\" id=\"sdendnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Beim Lesen wird immer klarer: Essen ist politisch. Wird demokratisch \u00fcber Land und Produktion entschieden oder treiben Saatgutfirmen die B\u00e4uer*innen in die Abh\u00e4ngigkeit? Ist Landwirtschaft ein horizontales \u201ePluriversum\u201c oder ein zentralisiertes System, das einigen wenigen Weltkonzernen geh\u00f6rt? Dabei fordert Stehen E. Hunt nicht gleich die grosse Ern\u00e4hrungs-Revolution: Auch kleine Fortschritte hin zu alternativen Modellen k\u00f6nnen Selbstvertrauen und Solidarit\u00e4t schaffen und langsam das Feuer der umfassenden Transformation entfachen, die sich die soziale \u00d6kologie herbeiw\u00fcnscht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prinzipien der sozialen \u00d6kologie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Stephen E. Hunt spricht auch Tierhaltung an (ein Thema, das von sozialen \u00d6kolog*innen kontrovers diskutiert wird<a href=\"#sdendnote3sym\" id=\"sdendnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a>) und liefert erhellende Argumente, wann technologische L\u00f6sungen wie \u201evertical farming\u201c gut oder schlecht, \u00f6kologisch oder un\u00f6kologisch sind. Dabei l\u00e4sst er sich konsequent von den Prinzipien der sozialen \u00d6kologie leiten, die er am Anfang auflistet und ausf\u00fchrlich beschreibt \u2013 das ist eine weitere St\u00e4rke, die das Buch aussergew\u00f6hnlich macht. Der Titel \u201eWe Must Begin with the Land\u201c ist \u00fcbrigens ein Satz, der aus Murray Bookchins Essay \u00fcber radikale Landwirtschaft<a href=\"#sdendnote4sym\" id=\"sdendnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a> von 1972 stammt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bookchin beschreibt dort (und anderswo in seinem umfangreichen Werk), wie die angenommene \u201eBeherrschung\u201c der Natur dazu f\u00fchrte, dass die dominanten \u00f6konomischen Klassen riesige politische Macht an sich reissen konnten, und wie der Kapitalismus die Natur entzauberte und kommodifizierte. Er streicht den desastr\u00f6sen Trend zur Vereinfachung (\u201esimplification\u201c) heraus, der sich in Monokulturen und ausger\u00e4umten Landschaften zeigt. Die Menschheit h\u00e4lt er als \u201ezweite Natur\u201c f\u00fcr untrennbar mit der Natur verbunden, da sie aus ihr hervorgeht. Darin schlummert ein zuk\u00fcnftiges emanzipatorisches Potenzial, n\u00e4mlich dass die Menschheit eine freie und rationale Gesellschaft verwirklicht, in Bookchins Worten die \u201efreie Natur\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Stephen E. Hunt gelingt es, diese Theorien in den Alltag zu \u00fcbersetzen: Biodiversit\u00e4tsverlust ist ein Beispiel daf\u00fcr, was Bookchin mit \u201eirrationale Umkehrung der organischen Evolution\u201c meint; Technologie ist dann \u201eemanzipatorisch\u201c, wenn sie (Land-)arbeiter*innen von M\u00fchsal befreit und ihnen einen selbstbestimmten Umgang damit erm\u00f6glicht; dass Patriarchat, Kapitalismus und Naturzerst\u00f6rung verkn\u00fcpft sind und deshalb gleichzeitig angegangen werdenm m\u00fcssen, zeigen die Frauenkooperativen in Rojava. Eine sozial-\u00f6kologische Perspektive kann bei der Bewertung helfen, ob eine bestimmte Praxis wirklich transformatorisch, demokratisch und f\u00f6rderlich f\u00fcr menschliches und \u00f6kologisches Wohlergehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>So leistet Stephen E. Hunts \u201eWe Must Begin with the Land\u201c gleich zwei Dinge: Er stattet die Bewegung der sozialen \u00d6kologie mit konkreten Anwendungsbeispielen aus, und gleichzeitig f\u00fchrt er neue Leser*innen \u00fcber ein so zug\u00e4ngliches und allt\u00e4gliches Thema wie Essen in die Ideen der sozialen \u00d6kologie ein. Und zeigt: Bookchin war nicht ein trockener Politik-Theoretiker, sondern ein feinf\u00fchliger Mensch, der ein geradezu spirituelles Verh\u00e4ltnis zur Natur und zum Land und einen \u201etiefen Respekt f\u00fcr die lebende Welt und ihre \u00d6kosysteme\u201c besass.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:7px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"659\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Land-659x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1194\" style=\"width:230px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Land-659x1024.jpg 659w, https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Land-193x300.jpg 193w, https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Land-768x1194.jpg 768w, https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Land-988x1536.jpg 988w, https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Land-1317x2048.jpg 1317w, https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Land-scaled.jpg 1646w\" sizes=\"auto, (max-width: 659px) 100vw, 659px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Stephen E. Hunt: We Must Begin with the Land. Seeking Abundance and Liberation Through Social Ecology.<\/em><br><em>Buchbestellung (Paperback oder E-Book):<\/em> <a href=\"https:\/\/www.collectiveinkbooks.com\/zer0-books\/our-books\/we-must-begin-with-land\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.collectiveinkbooks.com\/zer0-books\/our-books\/we-must-begin-with-land<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#sdendnote1anc\" id=\"sdendnote1sym\">1<\/a> Stephen E. Hunt ist unter anderem bekannt als Herausgeber des Buchs \u201eEcological Solidarity and the Kurdish Freedom Movement: Thought, Practice, Challenges, and Opportunities (Environment and Society)\u201c (2021).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#sdendnote2anc\" id=\"sdendnote2sym\">2<\/a> Hunt 2025, S. 84.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#sdendnote3anc\" id=\"sdendnote3sym\">3<\/a> <a href=\"https:\/\/harbinger-journal.com\/issue-1\/the-social-ecological-case-for-animal-liberation\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/harbinger-journal.com\/issue-1\/the-social-ecological-case-for-animal-liberation<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#sdendnote4anc\" id=\"sdendnote4sym\">4<\/a> \u201eRadical Agriculture\u201c, <a href=\"https:\/\/theanarchistlibrary.org\/library\/murray-bookchin-radical-agriculture\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/theanarchistlibrary.org\/library\/murray-bookchin-radical-agriculture<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Art, wie sich moderne Gesellschaften ern\u00e4hren, ist nicht nur ungesund, un\u00f6kologisch und unbefriedigend \u2013 sie ist grunds\u00e4tzlich mit Ausbeutung und Herrschaft verbunden. 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