{"id":1226,"date":"2025-08-10T21:25:39","date_gmt":"2025-08-10T21:25:39","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=1226"},"modified":"2025-08-10T21:25:39","modified_gmt":"2025-08-10T21:25:39","slug":"widerstaendige-oekologien-traditionen-an-die-wir-anknuepfen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=1226","title":{"rendered":"Widerst\u00e4ndige \u00d6kologien: Traditionen, an die wir ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Waren die <\/em><em>Anarchist*innen <\/em><em>im 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert <\/em><em>die <\/em><em>Vorl\u00e4ufer*innen heutiger emanzipatorischer Umweltbewegungen? <\/em><em>Das Buch <\/em><em><a href=\"https:\/\/www.matthes-seitz-berlin.de\/buch\/anarchistische-oekologien.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Anarchistische \u00d6kologien<\/a> von Milo Probst wirft Licht auf diese faszinierende und wenig bekannte Epoche in der Ideengeschichte der \u00d6kologie. <\/em><em>Fest steht: Wir m\u00fcssen nicht ganz von vorne beginnen, sondern finden wertvolle Theorie- und Praxiselemente bei den historischen Anarchist*innen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dass Karl Marx eine erstaunlich \u201e\u00f6kologische\u201c Perspektive hatte, haben John Bellamy Foster oder auch Kohei Saito bereits umfassend dargelegt. Aber Marx war nicht der Einzige, der sich in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts mit Metabolismen (Stoffwechselkreisl\u00e4ufen) und Mensch-Natur-Beziehungen besch\u00e4ftigte. In seinem Buch <em>Anarchistische \u00d6kologien <\/em>(2025) untersucht Milo Probst, wie sich Anarchist*innen im Zeitraum von etwa 1865 bis 1920 mit \u201eNaturhaftem\u201c auseinandersetzten und dies als politische Praxis verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein konkreter Bezug zur Natur ergibt sich beispielsweise aus der Land- und Bodenfrage, die zugleich die Eigentumsfrage ist. Eine anarchistische Praxis w\u00fcrde hier unter anderem Niessbrauch und kommunale Vergemeinschaftung bedeuten. Komplizierter ist es im Bereich der Technik. Milo Probst demontiert das Bild, dass sozialistische Str\u00f6mungen zu dieser Zeit v\u00f6llig technik- und fortschrittgl\u00e4ubig waren. Genausowenig lehnten sie aber Technik aus Prinzip ab. Insbesondere die Anarchokommunist*innen dachten sehr differenziert und versuchten beispielsweise, technische Infrastruktur und nat\u00fcrliche Zyklen miteinander in Einklang zu bringen<a href=\"#sdendnote1sym\" id=\"sdendnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> \u2013 so st\u00fcrzen vermeintliche Widerspr\u00fcche zwischen Natur und Technik in sich zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Natur spielt auch in anarchistischen Erziehungskonzepten eine Rolle. Der Bezug auf die Natur und auf den K\u00f6rper kann durchaus emanzipatorisch sein, auch wenn wir heute eher dazu tendieren, hinter allem als \u201enat\u00fcrlich\u201c Bezeichnetem einen Essenzialismus zu vermuten \u2013 nicht ohne Grund, denn rassistische und antifeministische Kr\u00e4fte berufen sich routinem\u00e4ssig auf \u201edie Natur\u201c. Probst verwehrt sich jedoch entschieden gegen Ansichten, die <em>jeglichen<\/em> Naturbezug als Essenzialismus verunglimpfen. Ein mutiger und wichtiger Positionsbezug!<\/p>\n\n\n\n<p>Anarchistische Praxis war und ist nicht ohne Widerspr\u00fcche \u2013 auch, was den Kolonialismus betrifft. So mussten sich Anarchist*innen, die ihre Commoning-Utopien etwa in Argentinien verwirklichen wollten, der Frage stellen, wie sie damit umgehen, wenn vermeintlich \u201ewildes\u201c Land gar nicht menschenleer ist, sondern bereits von Menschen belebt und genutzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Milo Probst stellt die Naturbez\u00fcge der historischen Anarchist*innen mit allen Ecken und Kanten dar \u2013 etwas selektiv, anhand von wenigen thematischen und geografischen Schwerpunkten, k\u00f6nnte kritisiert werden, aber der Gedankengang des Buchs ist koh\u00e4rent. Deutlich wird, dass Milo Probst Sympathie f\u00fcr die \u201epr\u00e4figurative Politik\u201c der Anarchist*innen empfindet: In den Rissen der Herrschaftssysteme sei es m\u00f6glich, die dominanten Beziehungsformen zu unterbrechen, zu st\u00f6ren und wom\u00f6glich zu \u00fcberwinden. Dieser Akt des Widerstrebens und Unterbrechens k\u00f6nne Ver\u00e4nderungen bewirken, weil Untergr\u00fcndiges an die Oberfl\u00e4che geholt und Neues einge\u00fcbt werde. Es werde zwar nie gelingen, in einem einzigen Satz aus modernen Naturverh\u00e4ltnissen herauszuspringen; vielmehr liege es an uns \u2013 die wir \u201eweder die Ersten noch die Letzten\u201c seien \u2013, kritisch an vergangene Traditionen anzukn\u00fcpfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Naturalismus und das Mehr-als-Menschliche<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Anliegen von Milo Probst ist es, die Naturentfremdung und insbesondere die moderne Trennung der zwei Bereiche Natur und Gesellschaft zu \u00fcberwinden. Dieses Anliegen teilt er mit den Verfechter*innen des \u201eMehr-als-Menschlichen\u201c. Anthropologische, historische oder politiktheoretische Beschreibungen sollen nicht nur Vorg\u00e4nge in menschlichen Gesellschaften analysieren, sondern auch die komplexen Relationen mit der nichtmenschlichen Natur einbeziehen. Es ist unschwer erkennbar, dass Milo Probst hier unter anderem das Denken von Philippe Descola als Ausgangspunkt nimmt. Er schl\u00e4gt sich aber nicht bedingungslos auf dessen Seite, sondern kritisiert Descolas Naturalismus-Begriff als ahistorisch und vereinheitlichend. Will heissen: Das \u201emoderne\u201c Naturverst\u00e4ndnis war nicht so universell verbreitet, wie es scheint. Die von Probst beschriebenen Anarchist*innen entzogen sich dieser engen \u201enaturalistischen\u201c Weltsicht; sie schlugen damals schon L\u00f6cher in die Mauer zwischen Natur und Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6glich war ihnen dies, weil sie in ihren Verh\u00e4ltnissen zu Naturhaftem (Boden, Technik, Erziehung, kommunale Utopien) immer schon die zwischenmenschlichen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse mitdachten \u2013 im Gegensatz, so ist zu sagen, zu liberalen und b\u00fcrgerlichen Umweltsch\u00fctzer*innen, die daf\u00fcr weniger Sensibilit\u00e4t besitzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bedeutung f\u00fcr die soziale \u00d6kologie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Heutige Umweltbewegungen k\u00f6nnen viel N\u00fctzliches aus <em>Anarchistische \u00d6kologien<\/em> sch\u00f6pfen. Insbesondere die Anh\u00e4nger*innen der sozialen \u00d6kologie werden an manchen Stellen im Buch ihre helle Freude haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das liegt zum Teil daran, dass Peter Kropotkin sowie \u00c9lis\u00e9e und \u00c9lie Reclus viel Platz einnehmen \u2013 anarchistische Denker, in deren Tradition die soziale \u00d6kologie steht. \u00dcber \u00c9lis\u00e9e Reclus, der stark von seinen Erfahrungen mit der Pariser Kommune von 1871 gepr\u00e4gt ist, gelangen viele Gedanken zu Kommune, F\u00f6deration und kommunalistischen Praktiken ins Buch.<a href=\"#sdendnote2sym\" id=\"sdendnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a> Vielleicht mehr noch als dies in anderen aktuellen B\u00fcchern \u00fcber Anarchismus der Fall ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Um nur einige Beispiele aufzuf\u00fchren: Probst schreibt etwa dar\u00fcber, wie in algerischen D\u00f6rfern die versammelte Dorfgemeinschaft Entscheidungen trifft, \u00fcber demokratisch und dezentral lebende russisch-ukrainische Bauern in \u00d6sterreich oder \u00fcber die Vorstellung einer \u201eF\u00f6deration von dezentralen und in den Naturr\u00e4umen eingebetteten Kommunen\u201c. Murray Bookchin, Theoretiker der sozialen \u00d6kologie, hat in \u201eDie \u00d6kologie der Freiheit\u201c \u00fcbrigens eine fast gleichlautende Formulierung verwendet.<a href=\"#sdendnote3sym\" id=\"sdendnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Auch Kropotkins Vorstellung von der Evolution der Gesellschaft und die Unterteilung in zwei \u201eStr\u00f6me\u201c der Zivilsation \u2013 in eine Geschichte \u201evon unten\u201c der gegenseitigen Hilfe und in eine Geschichte der Herrschenden \u2013 hat Bookchin aufgenommen, ebenso die Parallele der nat\u00fcrlichen Evolution (Darwin) und der gesellschaftlichen Entwicklung. Auch f\u00fcr Bookchin gilt, dass er Natur \u201eals kosmische Naturgesetze in die Aushandlung der Regeln f\u00fcr ein gemeinschaftliches Zusammenleben\u201c in seine politische Konzeption integriert hat. Folgende Passage \u00fcber den Anarchokommunismus um 1870 k\u00f6nnte auch f\u00fcr Bookchin gelten: \u201eKultur war nicht die Negation des Nat\u00fcrlichen, sondern die Fortsetzung von Prinzipien, die von Beginn an im Kosmos schlummerten. [&#8230;] So gesehen war der Anarchismus eine Politik der Natur im weitesten Sinne. [&#8230;] die Realisierung kosmologischer Prinzipien, die Menschen und Nicht-Menschen umfassten.\u201c<a href=\"#sdendnote4sym\" id=\"sdendnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Auch \u00fcber emanzipatorische Technik und das Konzept von F\u00fclle im Anarchokommunismus hat Bookchin ausf\u00fchrlich geschrieben.<a href=\"#sdendnote5sym\" id=\"sdendnote5anc\"><sup>5<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn Milo Probst nicht explizit auf die heutige Str\u00f6mung der sozialen \u00d6kologie zu sprechen kommt, so tr\u00e4gt das Buch doch dazu bei, einige ihrer grundlegende Ideen \u2013 die eine lange historische Tradition haben \u2013 einem gr\u00f6sseren Kreis von Leser*innen bekannt zu machen. Und es liefert viele theoretische und praktische Argumente daf\u00fcr, dass es gute Ideen sind. Es ist Milo Probst hoch anzurechnen, dass er sich vornimmt, verschiedene \u201eVorstellungen von Befreiung historisch zu analysieren und nach ihrer Materialit\u00e4t zu befragen, statt sie vorschnell mit einem arroganten Wisch auf der M\u00fcllhalde der Geschichte zu entsorgen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"479\" src=\"https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/anarch_oeko_probst.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1227\" srcset=\"https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/anarch_oeko_probst.jpg 300w, https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/anarch_oeko_probst-188x300.jpg 188w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Zum Buch: <a href=\"https:\/\/www.matthes-seitz-berlin.de\/buch\/anarchistische-oekologien.html\">https:\/\/www.matthes-seitz-berlin.de\/buch\/anarchistische-oekologien.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<div style=\"height:66px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#sdendnote1anc\" id=\"sdendnote1sym\">1<\/a> Und nahmen somit die heutige Str\u00f6mung des Solarpunk vorweg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#sdendnote2anc\" id=\"sdendnote2sym\">2<\/a> Der Bezug zur \u201eGedankenwelt der Kommune\u201c geschieht auch \u00fcber Kristin Ross, die \u00fcber die Pariser Kommune und \u00fcber die \u201eForm der Kommune\u201c schreibt, wie sie beispielsweise bei der ZAD von Notre-Dame-des-Landes in Erscheinung getreten ist. Auf Kristin Ross beziehen sich unter anderem die \u00d6kologiebewegung Les soul\u00e8vements de la terre, aber auch heutige Vertreter*innen der sozialen \u00d6kologie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#sdendnote3anc\" id=\"sdendnote3sym\">3<\/a> \u201eDiese gr\u00f6sseren oder f\u00f6derativen Kommunen, durch \u00d6kosysteme und Bio-Regionen miteinander verbunden, m\u00fcssen kunstvoll in ihre nat\u00fcrliche Umgebung eingepasst werden.\u201c (Murray Bookchin: Die \u00d6kologie der Freiheit, Unrast Verlag 2025, S. 419.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#sdendnote4anc\" id=\"sdendnote4sym\">4<\/a> Kritisiert werden k\u00f6nnte, dass Milo Probst dem anarchistischen Entwicklungsbegriff pauschal Teleologie vorwirft. Das mag im Kontext des Buchs stimmen, ist aber nicht zwingend so. Eine \u201eLogik einer politischen \u00d6kologie des Organismus\u201c, die dem Leben und der Natur einen \u201eimmanent emanzipatorischen Zweck\u201c verleiht, muss nicht zwingend teleologisch sein, wie Bookchin mit seiner ergebnisoffenen Vorstellung von Evolution gezeigt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#sdendnote5anc\" id=\"sdendnote5sym\">5<\/a> Towards a Liberatory Technology <a href=\"https:\/\/theanarchistlibrary.org\/library\/lewis-herber-murray-bookchin-towards-a-liberatory-technology\">https:\/\/theanarchistlibrary.org\/library\/lewis-herber-murray-bookchin-towards-a-liberatory-technology<\/a>, Post-Scarcity Anarchism <a href=\"https:\/\/theanarchistlibrary.org\/library\/murray-bookchin-post-scarcity-anarchism-book\">https:\/\/theanarchistlibrary.org\/library\/murray-bookchin-post-scarcity-anarchism-book<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Waren die Anarchist*innen im 19. und fr\u00fchen 20. 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