{"id":1331,"date":"2025-12-27T19:19:53","date_gmt":"2025-12-27T19:19:53","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=1331"},"modified":"2025-12-28T12:48:18","modified_gmt":"2025-12-28T12:48:18","slug":"raete-als-politische-tradition-buchbesprechung-alles-muss-man-selber-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=1331","title":{"rendered":"R\u00e4te als politische Tradition (Buchbesprechung: \u00bbAlles muss man selber machen\u00ab)"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Menschen haben sich zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten immer wieder mit Arbeiter*innenr\u00e4ten, Vollversammlungen, Nachbarschaftskomitees, Dorfgemeinschaften, revolution\u00e4ren Clubs und \u00e4hnlichen Formen organisiert. Christopher Wimmer erz\u00e4hlt in \u00bb<a href=\"https:\/\/dietzberlin.de\/produkt\/alles-muss-man-selber-machen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Alles muss man selber machen<\/a>\u00ab (2025) die Geschichte solcher R\u00e4tebewegungen nach. Damit leistet er einen wertvollen Beitrag zur politischen Diskussion in der deutschsprachigen Linken: Vielen d\u00fcrfte nicht bewusst sein, dass die historischen Beispiele von Selbstverwaltung nicht blo\u00df versprengte Einzelereignisse sind, sondern eine eigenst\u00e4ndige Traditionslinie darstellen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein spannendes, dichtes Buch, das mensch beim Lesen kaum aus der Hand legen m\u00f6chte: Mit jedem Kapitel kommen neue umwerfende Details hinzu, die sich bald zu der immer sichereren Erkenntnis verfestigen, dass basisdemokratische Selbstverwaltung nicht nur theoretisch m\u00f6glich ist, sondern unz\u00e4hlige Male erprobt und praktiziert worden ist. In Algerien, Tansania, Polen, Ungarn oder Argentinien haben R\u00e4te das gesellschaftliche Leben organisiert; Fabriken und Gutsh\u00f6fe wurden enteignet und basisdemokratisch verwaltet; in Deutschland h\u00e4tte der R\u00e4tekommunismus nach dem Ersten Weltkrieg zu einem komplett anderen Lauf der Geschichte f\u00fchren k\u00f6nnen, wenn er sich h\u00e4tte behaupten k\u00f6nnen; die Kommunen in Venezuela bauen Gegenmacht von unten auf, wor\u00fcber bei uns aber kaum je berichtet wird; solidarische Dorfgemeinschaften und Kommunalversammlungen gab und gibt es von Peru bis zum Balkan; in der Makhnovshchina (Ukraine) lebten Millionen von Menschen in einer autonomen, herrschaftsfreien Zone. Zu den bekannteren Beispielen im Buch geh\u00f6ren etwa Chile unter Salvador Allende oder die Zapatistas in Chiapas.<\/p>\n\n\n\n<p>Christopher Wimmer bleibt in seiner historischen Darstellung objektiv, erst im Schlusskapitel nimmt er eine Interpretation und Wertung vor. Er startet beim Selbstverwaltungsmodell in Nord- und Ostsyrien (Rojava), das in der heutigen Linken allgemein bekannt ist und viele Sympathien genie\u00dft, springt dann ins 19. Jahrhundert zur\u00fcck und arbeitet sich chronologisch vor. Rojava dient dabei als Bezugspunkt und Kontrastfolie f\u00fcr die historischen Beispiele, die im Verlauf des Buches folgen \u2013 gemeinsam mit dem zweiten wichtigen \u00bbPrototyp\u00ab basisdemokratischer Selbstverwaltung, der Pariser Kommune von 1871. Immer wieder im Buch werden R\u00e4tebewegungen und -systeme, ob stark oder schwach ausgepr\u00e4gt, auf diese beiden Beispiele bezogen. Eine zentrale Stelle ist das Kapitel \u00fcber Jugoslawien, das viele relevante Themen beispielhaft abdeckt, und nat\u00fcrlich wird auch die (autorit\u00e4r gewordene) Sowjetunion beleuchtet, wie auch die sp\u00e4tere Forderung, die Sowjets (R\u00e4te) \u00bbbeim Wort zu nehmen\u00ab. Wie bei anderen Ph\u00e4nomenen gilt, dass R\u00e4tesysteme nie in einer idealen Reinform auftreten, sondern sich in komplexen Abstufungen manifestieren und in jeweilige Gemengelagen eingeflochten sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Christopher Wimmer leistet mit diesen gegenseitigen Bezugnahmen etwas, was zumindest in der deutschsprachigen politisch-historischen Literatur bisher kaum in dieser Deutlichkeit der Fall war: Er legt \u00fcberzeugend dar, dass R\u00e4te und Selbstverwaltung nicht nur als zusammenhangslose Ausnahmen da und dort aufflackern, sondern Kontinuit\u00e4ten aufweisen \u2013 dass sie also eine eigene Geschichte und eine eigene Traditionslinie besitzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nicht Form, sondern Inhalt: das t\u00e4gliche Leben organisieren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Induktiv vorgehend, also von den empirischen, historischen Fakten ausgehend und erst dann verallgemeinernd, umrei\u00dft Wimmer im Schlusskapitel einige Merkmale von R\u00e4tesystemen. Unter den sechs Elementen, die er auflistet, sind beispielsweise das <em>imperative Mandat <\/em>und der <em>F\u00f6deralismus<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wimmer warnt aber davor, die R\u00e4teform zu fetischisieren: Selbstverwaltung l\u00e4sst sich ja auch prima in liberal-kapitalistische Systeme integrieren. Die ausgelosten B\u00fcrgerr\u00e4te, die seit einigen Jahren in Mode sind (die Wimmer allerdings nicht explizit erw\u00e4hnt), haben vielleicht ein bisschen \u00bbmehr Demokratie\u00ab gebracht, aber sie haben den Kapitalismus nicht umgest\u00fcrzt. R\u00e4tesysteme, wie sie das Buch versteht, beruhen dagegen auf einem revolution\u00e4ren Impuls. Sie implizieren einen anderen Begriff von B\u00fcrger*innen, die nun nicht mehr abstraktes Staatsvolk sind, sondern \u00bbdie konkret politisch handelnden und beteiligten Menschen\u00ab. Diese Wendung kommt mehrmals vor: R\u00e4tesysteme und basisdemokratische Selbstverwaltung sind nicht nur ein Format, das demokratischere oder sozialere Politik hervorbringt, sondern ihnen geht es um eine tiefgreifende \u00bbPolitisierung und Beteiligung der gesamten Gesellschaft\u00ab. Das gesellschaftliche \u00bbGewebe\u00ab, die sozialen \u00bbBeziehungsweisen\u00ab werden neu gestaltet, dabei verschwindet im Idealfall auch der Unterschied zwischen Wirtschaft und Politik, zwischen betrieblicher und kommunaler Selbstverwaltung \u2013 und vor allem zwischen \u00bbwichtigen politischen Angelegenheiten\u00ab und \u00bbAlltagsleben\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"o1\">Christopher Wimmer grenzt ferner die von ihm beschriebe R\u00e4tetradition gegen ein leninistisches Verst\u00e4ndnis ab, das R\u00e4te blo\u00df als zeitlich begrenzte Kampforgane zur Errichtung der Diktatur des Proletariats instrumentalisiert, sowie gegen eine Verengung auf Arbeiter*innenr\u00e4te, die lediglich die Produktion demokratisieren.<sup><a href=\"#u1\" data-type=\"internal\" data-id=\"#u1\">1<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Und nat\u00fcrlich kommt Christopher Wimmer nicht daran vorbei, das \u2013 offensichtliche \u2013 Scheitern von vielen historischen R\u00e4tebewegungen zu thematisieren. Wer mit Selbstverwaltung sympathisiert, steht unter hohem Rechtfertigungsdruck: Wenn liberale Medien beispielsweise \u00fcber Rojava berichten (oder wenn Schulb\u00fccher die Sowjetunion \u00bberkl\u00e4ren\u00ab), st\u00fcrzen sie sich auf die \u00bbinneren Widerspr\u00fcche\u00ab und implizieren oft, dass die Menschen aufgrund ihrer Natur einfach nicht f\u00e4hig sind, sich selber zu regieren. Meistens l\u00e4uft es darauf hinaus, dass Kapitalismus und die parlamentarische Demokratie eben doch das beste Modell sind, das wir haben. Christopher Wimmer pr\u00e4sentiert dagegen eine differenzierte Auslegeordnung der Problemfelder. Kurz gesagt gibt es zwei gro\u00dfe Ursachen f\u00fcr das Scheitern: eine innere, n\u00e4mlich dass die Umsetzung den basisdemokratischen Anspr\u00fcchen nicht gen\u00fcgt, und eine \u00e4u\u00dfere \u2013 die Zerschlagung durch milit\u00e4rische Macht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kritische W\u00fcrdigung aus kommunalistischer Sicht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Um es klar festzuhalten: Eine \u00bbGeschichte des Kommunalismus\u00ab k\u00f6nnte sehr \u00e4hnlich aussehen wie Christopher Wimmers \u00bbGeschichte der R\u00e4tebewegungen\u00ab. Die Schnittmenge gemeinsamer historischer Beispiele w\u00e4re relativ gro\u00df, nur die Betonung und Gewichtung l\u00e4ge da und dort etwas anders, ebenso die theoretischen und kulturellen Bezugnahmen (z. B. auf die Tradition des Anarchismus). Der Begriff \u00bbR\u00e4te\u00ab w\u00fcrde vielleicht weniger oft vorkommen, daf\u00fcr die Begriffe \u00bbVersammlung\u00ab und \u00bbKommune\u00ab etwas h\u00e4ufiger.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gemeinsamer theoretischer Bezugspunkt sind jedoch Autor*innen wie Hannah Arendt und Cornelius Castoriadis. Wimmers theoretische Reflexion baut wesentlich auf ihren Konzepten von direkter Demokratie auf; genauso ist auch der Kommunalismus eng mit ihnen verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re ein gro\u00dfer Gewinn, wenn heutige basisdemokratische, antiautorit\u00e4re Bewegungen diese Gemeinsamkeiten erkennen w\u00fcrden und sich als Teil einer gemeinsamen Tradition verstehen w\u00fcrden \u2013 vom R\u00e4tekommunismus bis zum Demokratischen Konf\u00f6deralismus, aber auch dar\u00fcber hinaus, bis zum autonomen Marxismus, zum Anarchosyndikalismus, zur Stadtteilarbeits-, Commons- und Kooperativen-Bewegung. In \u00bbAlles muss man selber machen\u00ab werden jedenfalls alle, die sich mit Selbstverwaltung besch\u00e4ftigen, tonnenweise Anschauungsmaterial finden, das ihnen bisher vielleicht entgangen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em>-md, Netzwerk f\u00fcr Kommunalismus<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:38px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/dietzberlin.de\/produkt\/alles-muss-man-selber-machen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Christopher Wimmer: Alles muss man selber machen. Zur Geschichte der R\u00e4tebewegungen, von der Pariser Kommune bis Rojava. Karl Dietz Verlag Berlin, 2025.<\/em><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Webseite von Christopher Wimmer: <a href=\"https:\/\/christopherwimmer.de\/2025\/11\/13\/alles-muss-man-selber-machen-2\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">christopherwimmer.de\/2025\/11\/13\/alles-muss-man-selber-machen-2\/<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"698\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/alles-muss.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1332\" style=\"width:272px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/alles-muss.jpg 698w, https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/alles-muss-204x300.jpg 204w\" sizes=\"auto, (max-width: 698px) 100vw, 698px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Grafik: Karl Dietz Verlag Berlin<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\" id=\"u1\"><a href=\"#o1\" data-type=\"internal\" data-id=\"#o1\">1<\/a> Prominente Erw\u00e4hnung findet au\u00dferdem das Konzept, welches im Englischen als \u00bbdual power\u00ab bezeichnet wird. Diese Situation tritt ein, wenn Gegenmacht \u00bbvon unten\u00ab so stark wird, dass sie die Legitimit\u00e4t und de facto die Relevanz der herrschenden Ordnung infrage stellt. (Siehe u. a. auf S. 197 Ungarn, S. 208 Nantes, S. 219 Algerien, S. 237 Chiapas.) Wimmer benutzt daf\u00fcr den Ausdruck \u00bbDoppelherrschaft\u00ab. Ein alternativer Begriff w\u00e4re \u00bbDoppelmacht\u00ab oder \u00bbduale Macht\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschen haben sich zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten immer wieder mit Arbeiter*innenr\u00e4ten, Vollversammlungen, Nachbarschaftskomitees, Dorfgemeinschaften, revolution\u00e4ren Clubs und \u00e4hnlichen Formen organisiert. Christopher Wimmer erz\u00e4hlt in \u00bbAlles muss man selber machen\u00ab (2025) die Geschichte solcher R\u00e4tebewegungen nach. 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