{"id":1433,"date":"2026-07-01T20:54:02","date_gmt":"2026-07-01T20:54:02","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=1433"},"modified":"2026-07-02T09:05:15","modified_gmt":"2026-07-02T09:05:15","slug":"interview-mit-vincent-gerber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=1433","title":{"rendered":"Interview mit Vincent Gerber"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Vincent Gerber, Autor von <\/em><a href=\"https:\/\/unrast-verlag.de\/produkt\/murray-bookchin-und-die-soziale-oekologie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Murray Bookchin und die soziale \u00d6kologie. Eine intellektuelle Biografie<\/em><\/a><em>, redet im folgenden Interview dar\u00fcber, wie er zur sozialen \u00d6kologie gekommen ist und wie sie in der Praxis aussehen kann, von Rojava bis zu den Gilets jaunes.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>(Das Interview basiert auf der vom Netzwerk f\u00fcr Kommunalismus organisierten Online-Buchpr\u00e4sentation vom 18. Juni 2026.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Vincent, bitte erz\u00e4hl uns, was du machst und wie du auf die soziale \u00d6kologie gesto\u00dfen bist.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Heute arbeite ich im Verlagswesen in Genf und in meiner Ausbildung habe ich Geschichte an der Universit\u00e4t studiert, wo ich die soziale \u00d6kologie entdeckt habe. Das war ein v\u00f6lliger Zufall in meinem ersten Jahr. Ich war 19 und in einem Seminar \u00fcber die Intellektuellen des 20. Jahrhunderts mussten wir uns eine Pers\u00f6nlichkeit aussuchen und einen Vortrag \u00fcber sie halten. Ich war kein Aktivist und schon gar nicht ein Anarchist, ich kam nicht aus diesem Milieu, aber ich hatte ein Interesse an Utopie und alternativen Gesellschaften, und ich wollte jemanden finden, der wenig bekannt ist und von dem ich tats\u00e4chlich etwas lernen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der thematisch geordneten Liste standen verschiedene Namen, bei der \u00d6kologie waren das Arne N\u00e6ss von der Tiefen\u00f6kologie, Rachel Carson, Ivan Illich und Murray Bookchin, den ich nicht kannte. Also schaute ich im Internet nach, um wen es sich handelt, und dann begann es mich enorm zu interessieren. Ich hielt den Vortrag bei Professor Karel Bosko. Was ich nicht wusste: Er war in den 70er-Jahren einer der Gr\u00fcnder der Gr\u00fcnen Partei in Genf. Er war ziemlich erfreut, mich \u00fcber Bookchin reden zu h\u00f6ren, den er kannte, und er war es, der mir seine B\u00fccher zum Lesen gab. Als ich die ersten Texte las, fand ich besonders interessant, dass die Herrschaftsfrage zu einem zentralen Punkt gemacht wird, und zu sehen, dass die Probleme, die sich stellen, viel mehr sind als die Frage des Staates oder traditionelle anarchistische Fragen, sondern dass es darum geht, wie unsere Beziehungen unter dem Gesichtspunkt der Herrschaft problematisch sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr gepr\u00e4gt hat mich diese Perspektive, die Bookchin einnimmt, wenn er sich eine komplett andere Gesellschaft vorstellt und wie man sich politisch auf horizontale Weise auf der Ebene der Kommune organisieren kann. Er ging sehr weit mit diesem Gesellschaftsprojekt. Er zeigte, wie die Wirtschaft anders sein k\u00f6nnte, wie man politische Entscheidungen direktdemokratisch in einer Versammlung f\u00e4llen kann. Und wie wichtig es f\u00fcr ihn ist, alle Sph\u00e4ren des Lebens unter dieser Perspektive einer Welt ohne Herrschaft zu behandeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das ber\u00fchrt ebenso die Herrschaft von M\u00e4nnern \u00fcber Frauen, des Chefs \u00fcber die Angestellten, diese ganze Reihe von Problematiken, die sich alle aus demselben Problem ergeben, das auch die \u00f6kologische Frage und die Frage der Herrschaft \u00fcber die Natur umfasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war 2002, in meinem ersten Jahr an der Universit\u00e4t. Danach habe ich weiter Bookchin gelesen und mich sehr f\u00fcr seine B\u00fccher interessiert. Als ich 2006 ein Thema f\u00fcr meine Abschlussarbeit suchen musste, ging ich zu meinem Professor und sagte ihm, dass ich eine Arbeit \u00fcber Murray Bookchin schreiben m\u00f6chte. Er empfahl mir, dies zu tun, denn es gab sonst nichts aktuelles auf Franz\u00f6sisch \u00fcber ihn. Bookchin war in den medialen und intellektuellen Debatten komplett in Vergessenheit geraten. In Frankreich redete man in den 80er- und 90er-Jahren viel \u00fcber ihn, aber in den 2000er-Jahren kannte niemand mehr Bookchin.<\/p>\n\n\n\n<p>So habe ich mich in die Thematik hineingest\u00fcrzt. Das war 2006 \u2013 genau in dem Jahr, in dessen Sommer er verstarb. Mit seinem Tod erschienen dann auf einmal eine Menge von Beitr\u00e4gen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie kamst du dazu, ein Buch \u00fcber Murray Bookchin zu schreiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich griff meine Arbeit, die ich zwischen 2006 und 2008 geschrieben hatte, wieder auf und \u00fcberarbeitete sie stark \u00fcber mehrere Jahre hinweg. Daraus ist das Buch entstanden, das nun auf Deutsch \u00fcbersetzt worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Universit\u00e4t sagte ich mir, wenn ich schon so viel Arbeit hineingesteckt habe, soll es zu etwas n\u00fctzlich sein. So erstellte ich die Internetseite <a href=\"https:\/\/www.ecologiesociale.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ecologiesociale.ch<\/a>, auf der ich alles zusammengebracht habe, was ich auf Franz\u00f6sisch \u00fcber Murray Bookchin finden konnte, alle Artikel und B\u00fccher, die \u00fcbersetzt worden waren, Personen, die \u00fcber ihn geschrieben hatten. Ich versuchte, all diese Dokumente zusammenzutragen, die \u00fcberall in Zeitschriften und im Internet verstreut waren, damit, falls jemand wieder zu Bookchin arbeiten will, alles zu finden ist und nicht die ganze Arbeit, die ich gemacht hatte, nochmals gemacht werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe seitdem viel Zeit damit verbracht, Leute zu finden, die sich f\u00fcr Murray Bookchin interessieren, und ihnen Fragen zu stellen. Es gab einen Professor an der EPFL in Lausanne, der ihn gekannt hatte und ein Vorstandsmitglied des Institute for Social Ecology in Vermont war. Ich rief ihn an, denn er wohnte auch in Genf, und wir trafen uns. Ich fragte ihn: Gibt es denn jemanden, der dar\u00fcber forscht? Er sagte mir: Ja, es gibt dich! Es war ein bisschen so, dass sich niemand sonst f\u00fcr Bookchin interessierte, und das motivierte mich, den Faden wieder aufzunehmen und zu versuchen, das Buch zu publizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Buch wollte ich wirklich den Menschen und seine Arbeit auf eine verst\u00e4ndliche Weise darstellen. Nicht eine universit\u00e4re, gelehrte Arbeit schreiben, sondern ein Buch, das alle lesen k\u00f6nnen, um dieses Denken so breit wie m\u00f6glich bekannt zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so hatte ich f\u00fcr mehrere Jahre pl\u00f6tzlich den Hut des franz\u00f6sischsprachigen Repr\u00e4sentanten von Murray Bookchin auf. Als Bookchin starb, war das gro\u00dfe Diskussionsthema, dass seine Theorie, der libert\u00e4re Munizipalismus, sich nie realisiert hatte und mit ihm sterben w\u00fcrde. Mein Ziel war es, zu zeigen, dass es immer noch eine Theorie war, die f\u00fcr heute n\u00fctzlich ist und die wirklich T\u00fcren \u00f6ffnen kann, um nicht zu sagen: L\u00f6sungen bietet, die aber auf jeden Fall interessante Debattenbeitr\u00e4ge vorzuweisen hat und auf manche Problematiken Antworten liefern kann, nach denen sich viele Menschen sehnen, die aber nie wirklich angegangen oder auf koh\u00e4rente Weise behandelt worden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Buch erschien dann 2013 bei einem kanadischen Verlag, der bereits Schriften von Bookchin ver\u00f6ffentlicht hatte. Und danach kam die Idee, andere seiner Artikel neu herauszugeben, insbesondere <em>Post-Scarcity Anarchism<\/em>, was eines seiner Hauptb\u00fccher ist und meiner Meinung nach eines seiner gelungensten. Ein Teil davon war bereits auf Franz\u00f6sisch \u00fcbersetzt worden, aber seit Langem vergriffen. 2016 konnten wir es neu herausgeben. Es besteht aus Artikeln der 60er- und 70er-Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach ver\u00f6ffentlichten wir ein weiteres Buch, <em>Pouvoir de d\u00e9truire, pouvoir de cr\u00e9er<\/em>, das rund zehn Artikel der 70er-, 80er- und 90er-Jahre enth\u00e4lt. Mein Ziel war, auf diese Weise das Denken von Bookchin wieder in Umlauf zu bringen, von seinen Anf\u00e4ngen bis zu den 90er-Jahren, damit die Leute \u00fcber mein bereits erschienenes Buch hinaus einen etwas vollst\u00e4ndigeren \u00dcberblick \u00fcber seine Schriften haben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es gab noch ein weiteres Buch, ein bisschen kleiner, in einer Serie \u00fcber die Vorl\u00e4ufer der <em>d\u00e9croissance<\/em> (die franz\u00f6sische Auspr\u00e4gung von Degrowth, Anm. d. \u00dc.), das ich mit Flor\u00e9al Romero geschrieben habe, das die Ideen der sozialen \u00d6kologie mit der <em>d\u00e9croissance<\/em> in Verbindung bringt. So folgten also mehrere B\u00fccher, aber alles hat mit dieser intellektuellen Biografie begonnen, die ich geschrieben habe, als ich von der Universit\u00e4t kam.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was hat sich seitdem ver\u00e4ndert und wie steht es heute um die Ideen von Murray Bookchin?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gab einen Wendepunkt, den ihr alle kennt, denke ich, mehr oder weniger um 2018 herum, mit der Revolution, die in Rojava stattgefunden hat. Auf einmal tauchte Bookchin wieder auf und viele Menschen begannen sich f\u00fcr seine Ideen zu interessieren, weil der libert\u00e4re Munizipalismus pl\u00f6tzlich einen konkreten Ausdruck gefunden hatte, in der gegenw\u00e4rtigen Welt und in einem modernen Konflikt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so hat sich schlussendlich das Ziel, das ich mir gesetzt hatte, Murray Bookchin in der franz\u00f6sischsprachigen Sph\u00e4re, jedenfalls im aktivistischen, engagierten Milieu, bekannt zu machen, unabh\u00e4ngig von meinem Wunsch realisiert. Ich habe auf meinem Niveau dazu beigetragen, aber es war \u00fcberhaupt nicht das, was ausschlaggebend daf\u00fcr war.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber zwischen der Revolution in Rojava und den Ereignissen in Frankreich mit den <em>Gilets jaunes<\/em>, die sich auch zu diesen Ideen bekannten, kehrte Bookchin, der in Vergessenheit geraten war, auf einmal wieder ins Zentrum der aktivistischen Debatte zur\u00fcck. Es war sehr interessant zu sehen, dass ihn viele Menschen wiederentdeckten und dass sich daraus viele Sachen entwickelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt, wo diese Theorien besser bekannt sind und die Leute sehen, was Kommunalismus oder libert\u00e4rer Munizipalismus bedeuten und dass sie nach direkter Demokratie streben, lautet die Frage: Wie k\u00f6nnen sie verwirklicht werden?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, heute gibt es zwei Herausforderungen: Wie kann das Denken von Bookchin eine Anwendung finden und wie kann es, seit er verstorben ist, weiterentwickelt werden. Fr\u00fcher ging es mir darum, Bookchin bekannt zu machen; heute geht es darum, wie wir \u00fcber ihn hinausgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hast du Vorschl\u00e4ge, wie seine Ideen umgesetzt werden k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja und nein. Ich habe lange dar\u00fcber nachgedacht. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass die Orte, an denen sich eine Art von libert\u00e4rem Munizipalismus gebildet hat, wie heute in Rojava, 1936 in der Spanischen Revolution oder bei den Zapatistas, meistens dort waren, wo der Staat zusammengebrochen ist. Pl\u00f6tzlich zerfiel etwas, das man selber wieder aufbauen musste, wodurch es eine \u00d6ffnung gab. Aber nach und nach, als sich der Staat wieder aufrichtete und stabilisierte, wurde das demokratische Experiment zur Seite gestellt, um zu einem standardm\u00e4\u00dfigen Nationalstaat zur\u00fcckzukehren. In diesem Kontext sind die Perspektiven, eine Konf\u00f6deration von Kommunen oder Volksversammlungen (<em>assembl\u00e9es populaires<\/em>) einzusetzen, sehr kompliziert, weil es nicht etwas ist, wonach die Leute streben. Es ist f\u00fcr sie nicht etwas, das auf ein vitales Grundbed\u00fcrfnis antwortet.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich in Genf wohne, habe ich mir ausgehend von dem Ort, den ich kenne, die Frage gestellt, wie es hier gemacht werden k\u00f6nnte. Es gibt einige interessante Aspekte, denn Genf ist ein kleiner Kanton, der bereits in Gemeinden und Gruppen von Quartieren unterteilt ist und der ziemlich leicht auf eine horizontalere Weise gef\u00fchrt werden k\u00f6nnte. Auf jeden Fall k\u00f6nnte der Gegensatz zwischen dem Kanton und der Stadt Genf aufgebrochen werden, der sehr gro\u00df ist und zu vielen Missverst\u00e4ndnissen f\u00fchrt. In der kleinen aktivistischen Gruppe in meinem Umfeld haben wir viel dar\u00fcber diskutiert, wie Genf unter einem libert\u00e4r-munizipalistischen Modell transformiert werden k\u00f6nnte. Aber wir bleiben immer wieder bei der Frage stecken, wie es von den Leuten angenommen werden k\u00f6nnte, wie es auf ein Bed\u00fcrfnis antworten k\u00f6nnte, und nicht als eine zus\u00e4tzliche Pflicht angesehen w\u00fcrde, f\u00fcr die sie keine Zeit haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraus entstand die Idee, sich nicht auf die St\u00e4dte zu konzentrieren, sondern eher aufs Land zu schauen, wo die Leute mehr Zeit haben, aber auch das Gef\u00fchl, von den Stadtzentren im Stich gelassen zu werden. Auf die abgeh\u00e4ngten Zonen zu schauen, die verk\u00fcmmern und sich w\u00fcnschen, wieder lebendige Orte zu haben. Und es zeigte sich, dass es vor allem auf dem Land Probleme gibt, weil L\u00e4den schlie\u00dfen oder \u00c4rzte wegziehen und es schwierig ist, ein Dorfleben zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier kann die direkte Demokratie etwas beitragen und auf Bed\u00fcrfnisse antworten, weil sie eine die D\u00f6rfer neu belebt und Dorfzentren schafft, in denen die Menschen das Gef\u00fchl haben, etwas aufbauen zu k\u00f6nnen, worauf sie Lust haben und das sie an ihrem Lebensort gerne verwirklichen w\u00fcrden. Ein bisschen, wie es sich Bookchin vorgestellt hat. In der Stadt, wo alles teuer und \u00fcbers\u00e4ttigt ist, ist es viel schwieriger. Deshalb denke ich, dass es in unserem sehr urbanen Kontext besser ist, sich auf die M\u00f6glichkeiten und \u00d6ffnungen auf dem Land zu st\u00fctzen anstatt in den gro\u00dfen St\u00e4dten wie Genf, wo ich tats\u00e4chlich keine \u00d6ffnung sehe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kannst du ein konkretes Beispiel f\u00fcr ein solches Projekt auf dem Land nennen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gab k\u00fcrzlich einige Beispiele in Frankreich, insbesondere in der Gemeinde M\u00e9nil-la-Horgne<a href=\"#sdendnote1sym\" id=\"sdendnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> im Norden von Frankreich, wo der B\u00fcrgermeister, der bei den <em>Gilet jaunes<\/em> war, nicht mehr zur Wiederwahl antreten wollte. Aber es gab keine anderen Kandidierenden in der Gemeinde, also sagte er: Wir werden eine Wahlliste vorlegen, aber unter der Bedingung, dass ich nicht B\u00fcrgermeister bin, sondern dass eine demokratische Volksversammlung geschaffen wird. Das war vor vier oder f\u00fcnf Jahren. Und von da an versammelten sich Menschen, die \u00fcberhaupt nicht politisiert oder linksradikal waren. Ein Teil der etwa hundert Einwohnenden, zwei Drittel oder die H\u00e4lfte, konnten so ihre Bed\u00fcrfnisse \u00e4u\u00dfern, indem sie sagten: Das Restaurant wurde geschlossen, wir m\u00fcssen eine Person finden, die es weiterf\u00fchrt, damit das Dorf wieder lebt und nicht alle Leute in die Stadtzentren abwandern. Sie haben auch ein Projekt f\u00fcr ein Windrad initiiert, das sich nicht im Besitz eines privaten Unternehmens befindet, sondern der Kommune geh\u00f6rt, um auf direktem Weg Energie f\u00fcr die Einwohnenden zu erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es zeigte sich, dass das Einsetzen dieser Volksversammlung \u2013 im franz\u00f6sischen System, das \u00fcberhaupt nicht so ist, wie man es in der Schweiz kennt, und in dem es sehr wenig direkte Demokratie gibt \u2013 das kommunale Leben wiederbelebt hat. Die Leute haben auf einmal wieder die Gewohnheit aufgenommen, sich auszutauschen und zu sagen, wir w\u00fcnschen dies, wir w\u00fcnschen das. Und der B\u00fcrgermeister hat sich in den Hintergrund gestellt und ist nur da, um die Entscheidungen, die von der Versammlung gef\u00e4llt wurden, f\u00fcr g\u00fcltig zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig ist, dass die Leute sich bewusst werden, was direkte Demokratie ist, und dass sie dazu gebracht werden, diese Institutionen zu nutzen, auch wenn es nur auf einer niedrigen Stufe ist, auch wenn es ein bisschen symbolisch ist. Aber oft kommen die Leute auf den Geschmack und dann kommt etwas in Gang. Ich habe in einer Wohn-Kooperative zusammen mit Studierenden im Bereich der Universit\u00e4t gearbeitet, und viele dieser jungen Menschen, die an den Versammlungen teilnahmen und sahen, dass sie direkt \u00fcber ihren Lebensort mitbestimmen konnten, dass sie wirklich etwas entscheiden konnten, haben in der Folge diese Entscheidungsmethode beibehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ich denke, das ist ein bisschen das Ziel der sozialen \u00d6kolog*innen: auf diese Weise die Perspektive der direkten Demokratie einbringen. Sei es auf der Arbeit, in der Lokalpolitik, im Quartier, im Wohnblock, zu versuchen, immer einen Schritt weiterzugehen und den Leuten zu zeigen, dass es anders gehen k\u00f6nnte und dass direkte Demokratie tats\u00e4chlich funktionieren kann und dass sie \u00fcberhaupt nicht kompliziert, weniger effizient oder absurd ist, wie man uns oft weismachen will. Sondern dass sie im Gegenteil eine Weise ist, in unserem Leben Verantwortung zu \u00fcbernehmen und ein Gewicht zu erhalten, in der Tat eine Entscheidungsmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir ist wichtig zu sagen, dass ich den Eindruck habe, das man wirklich ganz, ganz tief beginnen muss. Heute ist der Kapitalismus \u00fcberall und die Alternativen sind sozusagen inexistent, auf jeden Fall in unserem europ\u00e4ischen Kontext. Und deshalb m\u00fcssen wir bei den grundlegenden Elementen und auf kleiner Stufe anfangen, auch wenn wir wissen, dass das an sich nicht revolution\u00e4r ist. Aber es ist eine Kultur, die wir zeigen und f\u00f6rdern k\u00f6nnen, die sp\u00e4ter zu etwas Gr\u00f6\u00dferem wird. Aber im Moment ist alles so verstopft, dass ich vor allem \u00d6ffnungen und M\u00f6glichkeiten suche, um die Schwachstellen im Kapitalismus zu finden, der heute omnipr\u00e4sent und sehr stark ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was m\u00f6chtest du uns zum Schluss noch mitteilen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, es ist wichtig, dass die soziale \u00d6kologie fortf\u00e4hrt zu reflektieren und sich auf andere Themen hin entwickelt. Seit Bookchin gestorben ist, versuchen wenige Leute, die Prinzipien der sozialen \u00d6kologie zu modernisieren oder zu aktualisieren. Ich denke, es ist jetzt 50 Jahre her, seit die Grundlagen gelegt wurden, und es gibt Sachen, die wir im Hinblick auf heute \u00fcberdenken m\u00fcssen, oder Elemente, die wir entwickeln m\u00fcssen, die er selber wenig entwickelt hat, wie die Wirtschaft oder solche Sachen \u2013 versuchen, einen Schritt weiter zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist die andere gro\u00dfe Herausforderung heute, wenn wir erfolgreich \u00fcberzeugen wollen: seine Anf\u00e4nge wieder aufnehmen und zeigen, wie wir sie auf unsere Zeit, unseren Kontext, unsere Gesellschaft adaptieren k\u00f6nnen, und zu schauen, welche \u00d6ffnungen oder welche Entwicklung gedacht werden k\u00f6nnen. Vielleicht gibt es Sachen zu kritisieren, zu verbessern. Ich denke, ein Denken ist nie fertig, es sollte nie erstarren, sondern immer hinterfragt werden. In diesem Sinn ist es wichtig, dass sich die soziale \u00d6kologie weiterhin entwickelt und dass diese Ideen modernisiert und in aktuellen Kontexten angewendet werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(Publikumsfrage) Kannst du mehr \u00fcber den Zusammenhang von sozialer \u00d6kologie und den <\/strong><em><strong>Gilet jaunes <\/strong><\/em><strong>erz\u00e4hlen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang ging es bei den <em>Gilets jaunes<\/em> vor allem um Benzinpreise und individuelle finanzielle Probleme. Aber eine Gruppe von <em>Gilets jaunes<\/em>, die ein bisschen mehr links war, hat sich in Commercy zusammengefunden und die Idee aufgenommen, eine \u00bbKommune der Kommunen\u00ab zu schaffen, inspiriert von Bookchin. Sie standen in Verbindung mit Sixtine van Outryve<a href=\"#sdendnote2sym\" id=\"sdendnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a>, die viel \u00fcber die soziale \u00d6kologie geschrieben hat und diese Alternative gef\u00f6rdert hat, ein Projekt, das etwas Neues brachte, das bisher gefehlt hatte und das \u00fcber Protest hinausging.<\/p>\n\n\n\n<p>Es begann zu wachsen und eine Konf\u00f6deration von Kommunen entwickelte sich am Rand der offiziellen Macht, wie es Bookchin wollte, als ein politisches Projekt, eine politische Strategie. Aber dann kam 2020 und Covid, und mit dem Beschluss, dass alle zu Hause bleiben m\u00fcssen, hat die franz\u00f6sische Regierung diese Bewegung erstickt. Zwei Jahre sp\u00e4ter gelang es nicht, den Faden aufzunehmen und schlie\u00dflich kam alles zu einem Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was M\u00e9nil-la-Horgne betrifft: Der alte B\u00fcrgermeister war sehr in die \u00bbKommune der Kommunen\u00ab in Commercy involviert, er hatte an diesen Zusammenk\u00fcnften teilgenommen, er hat Bookchin gelesen und fand, ein bisschen wie ich, ja, das ist eine sehr gute L\u00f6sung, eine sehr gute Idee, und sagte sich, jetzt ist die Gelegenheit, das auf einer kleineren Ebene umzusetzen und etwas von diesem Projekt der <em>Gilets jaunes<\/em> zu bewahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant an diesem Beispiel der <em>Gilets jaunes<\/em> ist, dass es zeigt, dass es ein Interesse f\u00fcr die direkte Demokratie gibt, als Alternative zur repr\u00e4sentativen Demokratie, die heute in der Kritik steht und sich immer mehr in Richtung einer Aristokratie entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und darauf m\u00fcssen wir bauen. Hier m\u00fcssen wir ansetzen, um etwas zu erreichen. Diesen popul\u00e4ren Appell gilt es zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(Publikumsfrage) Gibt es Unterschiede zwischen den D\u00f6rfern in Frankreich und Deutschland?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gute Frage. Ich denke, die Besonderheit der D\u00f6rfer in Frankreich ist, dass sie sehr wenig demokratisch sind. Der B\u00fcrgermeister und seine Beigeordneten entscheiden quasi alles. W\u00e4hrend es in Deutschland, glaube ich, eher wie in der Schweiz ist, wo es zumindest einen Gemeinderat oder ein Gemeindeparlament gibt, das viel mehr Macht hat als in Frankreich. Ich kenne das deutsche System schlecht, aber ich denke, dass es viel f\u00f6deralistischer ist als dasjenige in Frankreich, das sehr hierarchisch ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(Publikumsfrage) Die politischen Strukturen sind das Eine, aber die Idealisierung des Landlebens sieht aus der Perspektive eines deutschen Dorfkindes vielleicht etwas anders aus, weil die Sozialstruktur anders ist. Mein pers\u00f6nlicher Eindruck ist, dass es in Frankreich mehr alternative Strukturen auf dem Land gibt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, aber in Frankreich gibt es beides. M\u00e9nil-la-Horgne zum Beispiel ist sehr rechts, es ist \u00fcberhaupt nicht ein alternatives Dorf. Viele haben die rechtsextreme Partei Front National gew\u00e4hlt. Aber es stimmt, dass es dieses Element in Frankreich gibt, insbesondere in der N\u00e4he von Genf gibt es viele alternative Orte, aber es gibt auch viel konservativere D\u00f6rfer, die rechts w\u00e4hlen und nicht besonders offen f\u00fcr Anderes sind. Aber am Ende streben auch rechts eingestellte Menschen nach einer direkten Demokratie. Das sieht man sogar bei der UDC (Union de la droite et du centre, Wahlallianz zwischen Rechts und Mitte-Rechts). Es gibt trotz allem Bereiche, wo man sich trifft, manchmal ungl\u00fccklicherweise, unabh\u00e4ngig von politischen Gr\u00e4ben. In den Gemeinden jedenfalls geht es den Leuten um ihre Bed\u00fcrfnisse. Die politischen Grundfragen sind dabei nicht unbedingt aussagekr\u00e4ftig \u2013 man k\u00f6nnte \u00fcberrascht werden!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><em>\u00dcbersetzung: NfK<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#sdendnote1anc\" id=\"sdendnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a>Crowdfunding f\u00fcr einen Dokumentarfilm \u00fcber M\u00e9nil-la-Horgne: <a href=\"https:\/\/www.helloasso.com\/associations\/condor-vision-production\/collectes\/une-democratie-directe-en-actes\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.helloasso.com\/associations\/condor-vision-production\/collectes\/une-democratie-directe-en-actes<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#sdendnote2anc\" id=\"sdendnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a>Sixtine van Outryve: Realising direct democracy through representative democracy: From the Yellow Vests to a libertarian municipalist strategy in Commercy, <a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/abs\/10.1177\/00420980231156026\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/abs\/10.1177\/00420980231156026<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vincent Gerber, Autor von Murray Bookchin und die soziale \u00d6kologie. Eine intellektuelle Biografie, redet im folgenden Interview dar\u00fcber, wie er zur sozialen \u00d6kologie gekommen ist und wie sie in der Praxis aussehen kann, von Rojava bis zu den Gilets jaunes. (Das Interview basiert auf der vom Netzwerk f\u00fcr Kommunalismus organisierten Online-Buchpr\u00e4sentation vom 18. Juni 2026.) 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