{"id":1452,"date":"2026-10-13T22:16:34","date_gmt":"2026-10-13T22:16:34","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=1452"},"modified":"2026-10-14T10:17:27","modified_gmt":"2026-10-14T10:17:27","slug":"ein-oekologischer-internationalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=1452","title":{"rendered":"Ein \u00f6kologischer Internationalismus"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u00bbUnsere Perspektive ist nicht ein Kampf \u203agegen<em>\u2039<\/em> etwas, sondern die Gesellschaft aus einer \u00f6kologischen Perspektive neu zu organisieren.\u00ab Ein Workshop in Basel gab eine Einf\u00fchrung in die Grunds\u00e4tze und Erfahrungen der \u00d6kologiebewegung <a href=\"https:\/\/teveko.org\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/teveko.org\">TEV-EKO<\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00d6kologischer Aktivismus ist in der kurdischen Bewegung nichts Neues, schon 2005 wurde diese Arbeit in Nordkurdistand und Rojava aufgenommen. Einige der Bewegung verbundene Menschen fanden jedoch, dass es auch in Europa unbedingt eine unabh\u00e4ngige Organisation f\u00fcr ein \u00f6kologisches Leben braucht, und so wurde im Dezember 2024 TEV-EKO gegr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz gesagt ist TEV-EKO \u00bbein demokratischer Ansatz, um \u00d6kologie umzusetzen\u00ab, wie ein Referent an einem Workshop des Sommercamps \u00bb<a href=\"https:\/\/www.climatejustice.ch\/bildet-banden-2026\/\">Bildet Banden<\/a>\u00ab im September 2026 in Basel erkl\u00e4rte. Es gebe zwar bestehende Organisationen, aber die seien oft mit Parteipolitik verbunden. Das sei ungen\u00fcgend, meinte der Referent: \u00bb\u00d6kologie ist ein Problem, das die ganze Erde betrifft und weil es so allumfassend ist, braucht es eine Organisation mit einem eigenen Charakter und einer \u00f6kologischen Perspektive.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dieser Perspektive bezieht sich TEV-EKO auf die soziale \u00d6kologie (<em>social ecology<\/em>), wie sie von Murray Bookchin beschrieben wurde. \u00bbEs handelt sich um eine rationale Perspektive, die Gesellschaft und die Realit\u00e4t verbindet und als ein Ganzes ansieht und eine Balance herstellen will\u00ab, f\u00fchrte der Referent aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Im Kleinen beginnen: eine regional strukturierte Gesellschaft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Kurdistan gibt es grosse Probleme mit Energie, Wasser, Strassen, Logistik \u2013 aber keine politische L\u00f6sung. Bis jetzt waren \u00d6kologiebewegungen meistens eine Reaktion auf etwas, beispielsweise den Bau einer Autobahn oder eines Staudamms. Der Vorschlag von TEV-EKO hingegen lautet: Es geht um die ganze Gesellschaft; um den Lebensstil der <em>kapitalistischen<\/em> <em>Moderne<\/em>, der uns aufgedr\u00e4ngt wird. Der Weg von TEV-EKO ist, nicht den Kapitalismus direkt anzugreifen, sondern die Gesellschaft zu st\u00e4rken, sodass sie ein Bewusstsein entwickelt. Kein \u00bbGegen\u00ab, sondern eine neue Dimension: Menschen, Tiere, Pflanzen, Insekten, sie alle stehen einer demokratischen Beziehung zu einander, wie es die soziale \u00d6kologie besagt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Transformation hin zu einer <em>demokratischen Moderne<\/em> beginnt im Kleinen, denn eine regional strukturierte Gesellschaft kann die Bed\u00fcrfnisse der Menschen erkennen und erf\u00fcllen. Der Referent nannte das Beispiel von Solothurn: Die Politik will eine Durchgangsstrasse bauen, mit der Begr\u00fcndung, \u00bbdass wir diese Verkehrsverbindung brauchen\u00ab. Aber wenn die Menschen, die dort leben, gefragt werden, zeigt sich, dass sie andere Bed\u00fcrfnisse haben. Wollen sie diese Strasse wirklich?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Erfahrungen mit sozialer \u00d6kologie in Kurdistan<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Nordkurdistan gibt es bereits viel Erfahrung mit der regionalen Umsetzung von sozialer \u00d6kologie. Bei Regionalwahlen in den Jahren 2014 und 2019 unterschrieben Kandidierende eine Charta, dass sie im Sinn dieser Ideen handeln wollen. Das Dokument thematisierte \u00f6kologisches Handeln in Balance mit der Natur, beispielsweise dass in den D\u00f6rfern Feuerbrigaden aufbaut werden oder Pflanzensamen f\u00fcr die G\u00e4rten bereitgestellt werden. \u00bbWir brauchen eine soziale Perspektive auf die \u00d6kologie\u00ab, sagte der Referent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00d6kologie betrifft nicht nur l\u00e4ndliche Gebiete: 86 Prozent der globalen Bev\u00f6lkerung lebt in St\u00e4dten, deshalb ist es notwendig, \u00f6kologische Arbeit auch in St\u00e4dten zu leisten. TEV-EKO setzt sich damit auseinander, wie die Realit\u00e4t hier bei uns ist und wie die Idee in der Region gest\u00e4rkt und umgesetzt werden kann. Dass das nicht einfach ist, zeigt das Beispiel Kurdistan: Dort war die Idee da, aber dann kam der Staat und setzte Zwangsverwaltungen ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit etwa 50 Jahren, insbesondere nach dem Jahr 2000, haben die kapitalistische Moderne und die Staaten ihre hegemoniale Spaltung intensiviert. Im Mittleren Osten \u00fcben der Iran und die T\u00fcrkei hegemonialen Druck aus, indem sie \u00fcber die Quellen des Euphrat und Tigris verf\u00fcgen und entscheiden, ob sie Wasser nach Irak und Syrien fliessen lassen oder nicht. Dasselbe gilt f\u00fcr Israel in Bezug auf Oman und Lybien, aber auch in Afrika, Europa oder S\u00fcdamerika werden Wasser und andere Ressourcen in der sich versch\u00e4rfenden Klimakrise als Druckmittel eingesetzt, als eine eine Form der Kriegsf\u00fchrung. In einer Zeit, in der sich der Faschismus organisiere, und die von einem weltweiten Aufstieg der Rechten gepr\u00e4gt sei, brauche es eine \u00f6kologische Intervention, meinte der Referent: \u00bbWir m\u00fcssen unsere Kr\u00e4fte b\u00fcndeln und sie konfrontieren.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Es braucht eine internationalistische \u00f6kologische Organisation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die neue Weltordnung, die der Welt von Trump und anderen aufgedr\u00e4ngt wird, tritt nicht nur in Kurdistan zutage, sondern global. In Venezuela und Kuba, aber auch Deutschland mit der AfD, in Frankreich oder in der Schweiz mit der (zum Gl\u00fcck gescheiterten) 10-Millionen-Initiative. Die Rechte benutzt die Klimakrise, um die Angst vor Migration, Wasser- und Lebensmittelknappheit zu instrumentalisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Referent forderte ein Umdenken in der Linken und ein Besinnen auf die \u00d6kologie: \u00bbKlassische L\u00f6sungen funktionieren nicht mehr gegen Autoritarismus\u00ab. Wir m\u00fcssten Strukturen organisieren und Netzwerke bilden \u2013 insbesondere internationalistische. In der 1. und 2. Internationale sei \u00d6kologie kein Thema gewesen, jetzt liege es jedoch in unserer Verantwortung, diese Perspektive aufzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Diskussion: gesellschaftlicher Aufbau<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Anschluss an das Referat entspann sich eine l\u00e4ngere Diskussion unter den Workshopteilnehmenden. Eine Person bemerkte, dass es bereits internationalistische \u00f6kologische Aktivit\u00e4ten gebe, zum Beispiel Klimacamps, Waldbesetzungen, internationale Delegationen und Konferenzen. Die Klimagerechtigkeitsbewegungen seien jedoch oft thematisch getrennt, etwa gegen Atomkraftwerke, Fracking, Kohle, gegen Rechts oder gegen den Bau eines konkreten Datacenters. Die Person pl\u00e4dierte f\u00fcr einen Perspektivenwechsel in den K\u00e4mpfen: Frontal gegen das System k\u00f6nnten wir nicht gewinnen, deshalb m\u00fcsse der Fokus auf gesellschaftlichen Aufbau gelegt werden, etwa mit dem Aufbau von Nachbarschaftsstrukturen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Anwesende entgegnete, dass die kurdische Frauenbewegung dies umsetze. \u00d6kologie sei zwar nicht der einzige Aspekt, aber Teil einer ganzheitlichen Organisierung. Dabei gehe es auch um die Frage: \u00bbWie k\u00f6nnen wir das umsetzen, dass Menschen f\u00fcr die \u00d6kologie k\u00e4mpfen und nicht in die Falle des Faschismus tappen und seinen Narrative verfallen?\u00ab Menschen, auch wenn sie (noch) eine andere Meinung haben, sollten nicht als \u00bbdiese Idioten von der anderen Seite\u00ab gesehen werden. \u00bbSie verstehen es, wenn wir es ihnen erkl\u00e4ren\u00ab, war die Person \u00fcberzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Leben als Grundlage: Franz von Asisi, Thomas M\u00fcntzer und \u015eeyh Bedreddin<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Publikumsfrage drehte sich um die extrem ungleiche Reichtumsverteilung und die Hoffnung auf eine neue Wirtschaftsweise. Der Referent von TEV-EKO sagte mit den Worten von Abdullah \u00d6calan, dass Kapitalismus nicht durch eine Revolution abgeschafft wird, sondern durch eine Transformation der Gesellschaft: \u00bbWir m\u00fcssen realistisch sein, wir k\u00f6nnen den Milliard\u00e4ren nicht ihr Geld wegnehmen und es der Gesellschaft geben, es braucht Zeit, um die \u00f6konomische Ungleichheit abzuschaffen.\u00ab Er pl\u00e4dierte daf\u00fcr, sich regional zu organisieren, Kooperativen und Kommunen zu bilden, um die Bed\u00fcrfnisse der Menschen mit einer regionalen \u00d6konomie zu erf\u00fcllen und einen Prozess der wirtschaftlichen Demokratisierung anzustossen. Dazu sei es erforderlich, neue politische Strukturen mit einem R\u00e4tesystem zu bilden \u2013 und in der Sowjetunion und in Kuba sei die Revolution ja auch nicht an einem Tag umgesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zudem d\u00fcrften die Fehler der vergangenen Revolutionen nicht wiederholt werden. Eine neue Formation der demokratischen Moderne k\u00f6nne sich stattdessen an Vorbildern wie Franz von Asisi, Thomas M\u00fcntzer und \u015eeyh Bedreddin orientieren. Sie verbindet, dass sie das Leben als Grundlage f\u00fcr eine demokratische Kultur ansahen. Eine kurdische Aktivistin f\u00fcgte hinzu: \u00bbWenn wir von Demokratie sprechen, meinen wir nicht westliche Art, sondern es geht um Basisdemokratie, um wirkliche Entscheidungen des Volkes.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Internationalismus: demokratische Einheit in der Facetten-Vielfalt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Diskussion schnitt auch Themen wie Emotionen und Religion an: Auf jeden Fall m\u00fcssten \u00f6kologische Konzepte auf zug\u00e4ngliche Art und sinnstiftend vermittelt werden. \u00bbWeg von einem angeblichem Radikalismus\u00ab, wie eine teilnehmende Person sich ausdr\u00fcckte. Dazu geh\u00f6re auch das Aushalten von Differenzen, lautete ein weiteres Votum. Insbesondere brauche es eine bessere Fehlerkultur in der weissen Klimabewegung, \u00bbnicht sich ein f\u00fcr allemal festlegen, sondern sich auf dem Weg gegenseitig weiterhelfen.\u00ab Diversit\u00e4t sei auf jeden Fall ein Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und da schlug der TEV-EKO-Referent wieder den Bogen zum Internationalismus, der sich durch Vielfalt und Facettenreichtum auszeichne: \u00bbDas Nicht-Perfekte ist unser Ziel \u2013 eine demokratische Einheit in der Facetten-Vielfalt.\u00ab In diesem Sinne sei im Sozialismus ein Demokratisierungsprozess und eine Praxis des neuen Denkens n\u00f6tig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Weitere Informationen zu TEV-EKO: <a href=\"https:\/\/teveko.org\">teveko.org<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbUnsere Perspektive ist nicht ein Kampf \u203agegen\u2039 etwas, sondern die Gesellschaft aus einer \u00f6kologischen Perspektive neu zu organisieren.\u00ab Ein Workshop in Basel gab eine Einf\u00fchrung in die Grunds\u00e4tze und Erfahrungen der \u00d6kologiebewegung TEV-EKO. \u00d6kologischer Aktivismus ist in der kurdischen Bewegung nichts Neues, schon 2005 wurde diese Arbeit in Nordkurdistand und Rojava aufgenommen. 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