{"id":180,"date":"2020-09-18T15:17:07","date_gmt":"2020-09-18T13:17:07","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkkommunalismus.wordpress.com\/?p=180"},"modified":"2020-09-18T15:17:07","modified_gmt":"2020-09-18T13:17:07","slug":"politik-fur-die-vielen-nicht-fur-die-wenigen-interview-mit-debbie-bookchin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=180","title":{"rendered":"Politik f\u00fcr die Vielen, nicht f\u00fcr die Wenigen \u2013 Interview mit Debbie Bookchin"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Debbie Bookchin (Aktivistin und Tochter von Murray Bookchin) gibt im nachfolgenden Interview eine pr\u00e4gnante Zusammenfassung, was libert\u00e4rer Munizipalismus bedeutet \u2013 und warum er eine Inspiration f\u00fcr (Klima)aktivist*innen sein kann. Das Interview wurde von einem Schweizer Mitglied von Make Rojava Green Again am Kongress \u201cChallenging Capitalist Modernity\u201d 2017 in Hamburg aufgenommen und wird hier erstmals in schriftlicher Form ver\u00f6ffentlicht. (\u00dcbersetzung: Netzwerk f\u00fcr Kommunalismus.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>MRGA: Was ist libert\u00e4rer Munizipalismus, k\u00f6nnen Sie es in einigen Worten erkl\u00e4ren?<\/strong><br><strong>Debbie Bookchin:<\/strong> Es ist wirklich nicht kompliziert. Libert\u00e4rer Munizipalismus ist ein Konzept, bei dem allt\u00e4gliche Menschen die Kontrolle \u00fcber ihr allt\u00e4gliches Leben \u00fcbernehmen, indem sie sich in lokalen Versammlungen treffen. Und der Grund, warum libert\u00e4rer Munizipalismus so wichtig ist, ist weil er einen dritten Weg zwischen Staat und Strasse \u00f6ffnet. Die Leute protestieren und protestieren und protestieren, aber Protestieren reicht nicht. So kann nie wirklich die Staatsmacht erlangt werden. Andererseits, wenn Leute tats\u00e4chlich die Staatsmacht ergreifen, dann wissen wir aus der Geschichte, dass das nur in gebrochenen Versprechen endet. In diesem Sinn ist libert\u00e4rer Munizipalismus ein dritter Weg. Was er sagt, ist: Es ist Zeit f\u00fcr die Linke, f\u00fcr Aktivist*innen, f\u00fcr Leute, die sich um die Umwelt sorgen, in ihre St\u00e4dte und D\u00f6rfer zu gehen und mit ihren Nachbar*innen zu reden und zusammen kleine kommunale Gruppen zu starten, um gegen Gentrifizierung, gegen globale Erw\u00e4rmung zu k\u00e4mpfen. Aber auch um Personen, die die Gruppe repr\u00e4sentieren, f\u00fcr Gemeinde- und Stadtratswahlen aufzustellen. Denn diese lokalen Gemeinde- und Stadtr\u00e4te k\u00f6nnen erm\u00e4chtigt (<em>empowered<\/em>) werden. Und wenn sie erm\u00e4chtigt werden, und wir genug Leute in die lokalen Beh\u00f6rden hinein kriegen, k\u00f6nnen sie damit beginnen, dem Staat die Macht wegzunehmen und sie zur\u00fcck zu den Menschen zu bringen. Und wenn die Menschen mehr und mehr erm\u00e4chtigt werden, dann wird Politik zu etwas, das f\u00fcr die Vielen ist, nicht nur f\u00fcr wenige.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was hat libert\u00e4rer Munizipalismus mit den Kurd*innen zu tun?<\/strong><br>Nun, die Kurd*innen sind wirklich wichtig. Sie tun etwas Ausserordentliches. Sie regieren eine enorm grosse Landmasse, die fast zweimal so gross ist wie Belgien, indem sie genau diese Philosophie des liber\u00e4tren Munizipalismus anwenden, oder wie sie es nennen, Demokratischer Konf\u00f6deralismus. Das heisst, dass sie die Leute in ihren Nachbarschaften erm\u00e4chtigen, sich zu treffen und Delegierte in die Stadt, und in was wir Landkreis nennen w\u00fcrden, zu entsenden. So werden Entscheidungen getroffen, die von unten kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was sie tun, ist ein grossartiges Beispiel. Es zeigt, dass so etwas m\u00f6glich ist, sogar in einem sehr grossen Gebiet. Oft heisst es ja: \u201cOh, lokale Selbstverwaltung ist nicht m\u00f6glich, denn wie w\u00fcrde man mit etwas Grossem wie Klimawandel umgehen?\u201d Nun, stellen Sie sich vor! Es ist genau auf der lokalen Ebene, wo wir anfangen m\u00fcssen, mit dem Klimawandel umzugehen! Weil es die lokalen K\u00f6rperschaften sind, die sich Macht nehmen k\u00f6nnen, wie zum Beispiel der Bundesstaat Kalifornien, der Emissionsstandards \u00e4ndert. Auf der lokalen Ebene k\u00f6nnen die Menschen arbeiten und Druck auf den Staat aus\u00fcben, um etwas zu bewirken, was, wenn wir uns nur darauf verlassen, Leute durch traditionelle Mechanismen ins Amt zu w\u00e4hlen, nicht funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und was hat libert\u00e4rer Munizipalismus mit \u00d6kologie zu tun? Warum sollten Klimaaktivist*innen sich durch libert\u00e4ren Munizipalismus inspirieren lassen?<\/strong><br>Mein Vater sagte, dass wir die Beziehung zu unserem Planeten nicht heilen werden, solange wir nicht unsere Beziehung untereinander heilen. Und libert\u00e4rer Munizipalismus erm\u00f6glicht den Leuten, aktiv zu werden und sich zu engagieren. Aber er fordert auch traditionelle hierarchische Verh\u00e4ltnisse heraus. Wir m\u00fcssen das Patriarchat herausfordern. Wir m\u00fcssen erkennen, dass die ganze Art und Weise, wie der Kapitalismus mit der Natur interagiert, zum Teil eine Reflektion des Effekts ist, dass sich die Menschen in dominierenden, hierarchischen Beziehungen miteinander befinden, wo die eine Gruppe immer von der anderen Gruppe unterdr\u00fcckt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Also, um uns zu \u00e4ndern, um die Probleme in Bezug auf die globale Erw\u00e4rmung zu beheben, m\u00fcssen wir den Kapitalismus herausfordern. Die \u201cWachs-oder-stirb\u201d-Wirtschaft des Kapitalismus ist es, was unseren Planeten zerst\u00f6rt. Und um den Kapitalismus herauszufordern, m\u00fcssen wir den Staat herausfordern. Denn es ist der Staat, der den Kapitalismus aufrecht erh\u00e4lt. Und um den Staat herauszufordern, m\u00fcssen wir Demokratischen F\u00f6deralismus oder libert\u00e4ren Munizipalismus betreiben. Und wir m\u00fcssen beginnen, uns als rationale Menschen zu verstehen, die hier sind, um den Planeten zu betreuen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also geht es auch um eine Ethik, es geht darum, eine neue ethische Perspektive zu bringen. Menschliche Wesen sind die einzige Form der Natur, die wirklich in der nat\u00fcrlichen Welt intervenieren und sie sehr dramatisch ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, entweder zum Guten oder zum Schlechten. Und w\u00e4hrend wir dieses Gef\u00fchl entwickeln, dass wir unsere Verantwortung tragen, wenn wir uns in Versammlungen treffen, wenn wir gegenseitige Hilfe (<em>mutual aid<\/em>) und Kooperation praktizieren, macht uns das gleichzeitig freundlicher der Umwelt gegen\u00fcber. Es erh\u00f6ht die Wahrscheinlichkeit, dass wir wirklich zur nat\u00fcrlichen Welt Sorge tragen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Letzte Frage, es ist vielleicht die komplizierteste, aber auch die interessanteste. Ich bin an ein Treffen von Extinction Rebellion in Z\u00fcrich gegangen und wenn ich sie richtig verstanden habe, sehen sie auch, dass die heutige Staats-\/parlamentarische Demokratie nicht funktioniert und die Gesellschaft nicht radikal ver\u00e4ndern kann. Und als ein Gegenmodell schlagen sie B\u00fcrger*innenversammlungen vor. Was sind die Unterschiede zwischen diesem Model und libert\u00e4rem Munizipalismus?<\/strong><br>Nun, B\u00fcrger*innenversammlungen sind einfach ein Aspekt des libert\u00e4ren Munizipalismus. Libert\u00e4rer Munizipalismus ruft die B\u00fcrger*innen auf, zusammenzukommen und Versammlungen abzuhalten. Das ist eines der Dinge, die er sagt. Er sagt auch, dass wir uns bilden m\u00fcssen, dass wir die revolution\u00e4re und radikale Geschichte verstehen m\u00fcssen, um nicht die Fehler der Vergangenheit zu machen. Wir m\u00fcssen Leute f\u00fcr \u00c4mter kandidieren lassen, wir treffen uns nicht nur in Versammlungen. Ich denke, B\u00fcrger*innenversammlungen, wie Extinction Rebellion sie machen, sind ein grosser Schritt. Und jetzt m\u00fcssen die Menschen \u00fcberlegen, wie sie sich zur tats\u00e4chlichen elektoralen Politik verhalten wollen. Aber beide diese Dinge sind sehr verschieden von repr\u00e4sentativer Demokratie. Weil, wie ich drinnen (in der Konferenz) sagte, in einer B\u00fcrger*innenversammlung delegierst du eine Person, die f\u00fcr die Versammlung spricht. Und wenn sie nicht im Sinn der Versammlung spricht, dann rufst du sie zur\u00fcck. Sie schuldet der Versammlung immer Rechenschaft. In einem Wahllokal f\u00fcr eine*n Kandidat*in zu stimmen, die*der nicht von einer Versammlung ist, das ist bloss die gew\u00f6hnliche, alte repr\u00e4sentative Politik. Und die Menschen sind am Schluss entt\u00e4uscht, weil die Kandidat*innen machen, was sie wollen. Deshalb m\u00fcssen wir die repr\u00e4sentative Politik \u00e4ndern. Ich denke, ihre Zeit ist vorbei. So wie es mal eine Zeit gab, in der K\u00f6nige alles beherrschten, und dann endete das, so ist jetzt die Zeit, repr\u00e4sentative Demokratie zu beenden und sie durch ein Delegierten-System, basierend auf lokalen Versammlungen, zu ersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Let\u2019s do it!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Debbie Bookchin (Aktivistin und Tochter von Murray Bookchin) gibt im nachfolgenden Interview eine pr\u00e4gnante Zusammenfassung, was libert\u00e4rer Munizipalismus bedeutet \u2013 und warum er eine Inspiration f\u00fcr (Klima)aktivist*innen sein kann. 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