{"id":415,"date":"2021-10-04T00:04:08","date_gmt":"2021-10-03T22:04:08","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkkommunalismus.wordpress.com\/?p=415"},"modified":"2021-10-04T00:04:08","modified_gmt":"2021-10-03T22:04:08","slug":"fur-einen-umweltschutz-der-99-buchrezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=415","title":{"rendered":"F\u00fcr einen Umweltschutz der 99% (Buchrezension)"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Angesichts der drohenden Klimakatastrophe m\u00fcssen wir \u201cgemeinsam die kollektiven und demokratischen Gestaltungsm\u00f6glichkeiten \u00fcber unser Zusammenleben zur\u00fcckgewinnen\u201d. Milo Probst pl\u00e4diert f\u00fcr einen \u201cUmweltschutz der 99%\u201d und rekonstruiert eine vergessene Erz\u00e4hlung, die dringend in linke und \u00f6kologische Diskussionen einfliessen sollte: die K\u00e4mpfe, Bewegungen und Subjekte, in denen sich Klassenkampf und Sorge f\u00fcr menschliches und nicht-menschliches Leben \u00fcberschneiden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die g\u00e4ngigen Umweltschutzdiskurse sind sozialen Fragen bisher eher aus dem Weg gegangen. Individueller Konsumverzicht oder gar \u201cgr\u00fcner Kapitalismus\u201d hiessen die Antworten. Die klassische Linke ihrerseits hat Umweltfragen vernachl\u00e4ssigt und manche Gewerkschaften befinden sich im Dilemma, weil Klimaschutz scheinbar im Widerspruch zu besseren Arbeitsbedingungen und dem Erhalt von Arbeitspl\u00e4tzen steht. In der aktuellen Klimabewegung macht sich jedoch \u2013 zum Gl\u00fcck \u2013 zunehmend die Erkenntnis breit, dass sich Umweltschutz nicht von sozialer Gerechtigkeit abkoppeln l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund ist das Buch \u201cF\u00fcr einen Umweltschutz der 99%\u201d zu verstehen. Milo Probst, Jg. 1991, Historiker und Aktivist aus Basel, macht sich darin f\u00fcr eine \u201cintersektionale Klassenpolitik\u201d stark. Antirassismus, Dekolonisierung, Feminismus, Care-Arbeit, Arbeitsk\u00e4mpfe, Kampf gegen Armut, Verteidigung der Commons vor neoliberaler Privatisierung, Kampf gegen Umweltsch\u00e4den, die vor allem \u00e4rmere Menschen und Regionen treffen \u2013 das h\u00e4ngt alles zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von der Kommune zu den Zapatistas<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und das ist bei Weitem keine neumodische Erscheinung: Milo Probst f\u00fchrt uns von den Umweltaktivist*innen der ZAD der la Colline im Januar 2021 zu andalusischen Arbeiter*innen, die 1888 gegen den gesundheits- und umweltsch\u00e4dlichen Kupferabbau demonstrierten, oder zur Sklav*innenrevolte auf dem Schiff \u201cAmistad\u201d im Jahr 1820, oder zur \u201cKommune von Paris\u201d von 1871, als sich die B\u00fcrger*innen 72 Tage lang selbst verwalteten, oder zu den Zapatist*innen, die sich 1994 die Autonomie erk\u00e4mpften und alte, kommunale Politik- und Wirtschaftsformen wieder zum Leben erweckten. In all diesen K\u00e4mpfen zeigt sich sowohl die Sorge um das menschliche Leben als auch die Sorge um die Natur.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine vergessene Geschichte, die selten im Zusammenhang erz\u00e4hlt wird. Milo Probst muss sie aus Bruchst\u00fccken zusammensetzen, muss den roten Faden suchen, der oft abbricht, aber an anderer Stelle wieder auftaucht. F\u00fcndig wird Probst unter anderem im Argentinien, das Ende 19.\/Anfang 20. Jahrhundert ein Anzugspunkt f\u00fcr Anarchist*innen war. Der Anarchist Pierre Quiroule kn\u00fcpft f\u00fcr ihn viele F\u00e4den zusammen, ja generell die Anarchist*innen, beispielsweise Emma Goldman oder die IWW-Mitgr\u00fcnderin Lucy Parsons.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Thema \u201cMensch und Natur\u201d ist auch so ein roter Faden, der sich durchs Buch zieht. (Mehrmals wird auch der Sozial-\u00d6kologe Murray Bookchin zitiert.) Das kann romantisch daherkommen \u2013 Arbeiter, die auf dem Waldboden liegen und ihre Sinne \u00f6ffnen, oder Rosa Luxemburg, die in den V\u00f6geln ihre liebsten Genoss*innen sieht \u2013, aber auch ganz konkret, wenn Rodungen das Klima ver\u00e4ndern und Menschen dagegen Widerstand leisten. Oft ist es auch ein Kampf um die Commons. Das \u201cCommoning\u201d-Kapitel im Buch ist sehr dicht und steckt voller wichtiger Ideen; schon der erste Abschnitt fasst die Thematik ausserdordentlich pr\u00e4gnant zusammen. Wir erfahren, wie Commons, die Pariser Kommune und der Kommunalismus zusammenh\u00e4ngen \u2013 wiederum in einer lebhaften Erz\u00e4hlung, die an dieser Stelle zu den Anarchist*innen im Schweizer Jura f\u00fchrt. Nicht trotz, sondern gerade wegen den vielen historischen Beispielen und Details sind die 175 Seiten sehr spannend und fl\u00fcssig zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine andere Welt wird f\u00fchl- und denkbar<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Indem Milo Probst diesen historischen Text webt, hofft er, ein neues politisches Subjekt, ein \u201cneues Wir\u201d, zu finden. Ein Wir, das \u201calle einschliesst, die in diesem System ausgebeutet, unterdr\u00fcckt, diskriminiert und ausgeschlossen werden\u201d. Dazu geh\u00f6ren auch alle, die Reproduktionsarbeit leisten \u2013 nicht nur das m\u00e4nnliche Proletariat. \u201cUmweltschutz nicht gegen oder jenseits von Arbeit zu denken, heisst, jene Formen von Arbeit aufzuwerten, die menschliches und nicht-menschliches Leben produzieren, statt es zu zerst\u00f6ren.\u201d Mit Reclus, Nettlau, Quiroule und weiteren Protagonist*innen aus vergangenen und aktuellen Struggles beschreibt er eine Utopie, die auf \u201cpflegende Beziehungen zur Natur\u201d setzt, auf Kooperation statt Ausbeutung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch zeigt mit seiner Reise durch Zeiten und Orten auf, dass kein absoluter Interessengegensatz zwischen Gewerkschaften und Umweltschutz besteht: Es versucht Br\u00fccken zu bauen, etwa zwischen Lohnabh\u00e4ngigen und Umweltaktivist*innen. Es fordert dazu auf, Momente zu suchen, \u201cin denen wir wieder \u00fcber unsere K\u00f6rper, Leben und Beziehungen verf\u00fcgen k\u00f6nnen, in denen eine andere Welt schon jetzt f\u00fchlbar und denkbar wird.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/edition-nautilus.de\/programm\/fuer-einen-umweltschutz-der-99\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Probst, Milo: F\u00fcr einen Umweltschutz der 99%, Edition Nautilus, Hamburg 2021<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts der drohenden Klimakatastrophe m\u00fcssen wir \u201cgemeinsam die kollektiven und demokratischen Gestaltungsm\u00f6glichkeiten \u00fcber unser Zusammenleben zur\u00fcckgewinnen\u201d. 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