{"id":426,"date":"2021-11-01T00:02:55","date_gmt":"2021-10-31T23:02:55","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkkommunalismus.wordpress.com\/?p=426"},"modified":"2021-11-01T00:02:55","modified_gmt":"2021-10-31T23:02:55","slug":"das-klima-retten-wir-nur-wenn-wir-natur-und-gesellschaft-als-ein-ganzes-sehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=426","title":{"rendered":"Das Klima retten wir nur, wenn wir Natur und Gesellschaft als ein Ganzes sehen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>15 Jahre nach seinem Tod sind die Ideen von Murray Bookchin relevant wie noch nie. Die TRISE-Konferenz \u201c100 Years Murray Bookchin\u201d deckte in acht Panels mit 24 Referent*innen sehr diverse Bereiche ab, von Rojava bis zum COP26-Klimagipfel, der diese Woche beginnt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im internationalen Recht herrscht ein Missverst\u00e4ndnis \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Mensch und Natur, findet die Rechtsspezialistin Marlene Payva. Umweltschutz werde nicht als Schutz von menschlichem und nicht-menschlichem Leben verstanden, sondern als juristisches Mittel, um die Natur so auszubeuten, dass ihre Zerst\u00f6rung minimal bleibe. Diese Rechtsauffassung erleichtere es mulitnationalen Konzernen, die Welt auszubeuten und zu verschmutzen, vor allem im globalen S\u00fcden. \u201cSie erlaubt ihnen, weiterhin Treibhausgase zu produzieren.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem mit internationalem Recht ist laut Marlene Payva, dass es die Natur als etwas ausserhalb Stehendes ansieht, getrennt vom Menschen: \u201cDas ist eine sehr beschr\u00e4nkte Sicht, um eine Antwort auf die Klimakrise zu geben.\u201d Internationales Recht verstehe sich zwar als anthropozentrisch, aber die Menschenrechte w\u00fcrden aussen vor gelassen. Der Mensch stehe im Zentrum, aber komplett ausserhalb der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Soziale \u00d6kologie von Murray Bookchin helfe dabei, den Blick zu erweitern: Sie sehe den Menschen als Teil eines gr\u00f6sseren Ganzen. \u201cSoziale \u00d6kologie liefert eine \u00f6kologische Dimension, die dem internationalen Recht fehlt\u201d, ist Marlene Payva \u00fcberzeugt. Die fundamentale Falschannahme \u00fcber die Beziehung Mensch-Natur, dass beide voneinander getrennt seien, m\u00fcsse abgelegt werden. Sie hoffe, dass diese Erkenntnis auch in die COP26-Konferenz in Glasgow einfliesse: \u201cWir brauchen Imagination, um der Krise zu begegnen.\u201d Bookchins Konzept der Ganzheit sei ausschlaggebend daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rojava: Bookchins Ideen in der Umsetzung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Wochenende vor dem Start der COP26 trafen sich 24 Referent*innen und Dutzende Teilnehmer*innen zur zweit\u00e4gigen Online-Konferenz zum 100. Geburstag von Murray Bookchin. Organisiert hatte den Anlass das Transnational Institute of Social Ecology (TRISE). Die Vielfalt der Themen war extrem breit: ein Zeichen daf\u00fcr, welchen Einfluss der amerikanische Theoretiker und Autor bis heute hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mehrere Redebeitr\u00e4ge befassten sich mit der Revolution in Rojava. Gegen Ende seines Lebens stand Bookchin in Briefkontakt mit Abdullah \u00d6calan, dem seit 1999 inhaftierten Vordenker der kurdischen Freiheitsbewegung. \u00d6calans Demokratischer Konf\u00f6deralismus basiert direkt auf Bookchins libert\u00e4ren Munizipalismus. Die TRISE-Konferenz stellte diesbez\u00fcglich einiges klar: Bookchins Einfluss sollte nicht \u00fcbersch\u00e4tzt, aber auch nicht untersch\u00e4tzt werden. Ideen der Sozialen \u00d6kologie waren schon fr\u00fcher in der kurdischen Bewegung verankert, etwa durch den Kontakt der in Kurdistan lebenden Bev\u00f6lkerung mit Natur oder durch das alevitische Glaubenssystem, das den Respekt vor der Natur hoch bewertet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"zf1\">Soziale \u00d6kologie werde in den Mainstream-Medien kaum in Zusammenhang mit Rojava wahrgenommen, meinte Stephen Hunt, Herausgeber eines neuen Buches \u00fcber \u00d6kologie und die kurdische Bewegung<a href=\"#f1\"><sup>1<\/sup><\/a>. Der \u00f6kologische Aspekt ber\u00fchre aber alle Aspekte der Revolution. Generell, nicht nur in Bezug auf Rojava, seien systemische Ursachen der \u00f6kologischen Krise in der \u00f6ffentlichen Diskussion bisher abwesend gewesen \u2013 gerade im Hinblick auf COP26 werde dieses Thema umso wichtiger.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stephen Hunt spann den Bogen weiter zu antikolonialen, \u00f6kologischen K\u00e4mpfen wie die Europa-Reise von 2021 der Zapatistas und den Kampf der Mapuche in Chile sowie zu basisdemokratischen Projekten wie Symbiosis, Cooperation Jackson, Barcelona en Com\u00fa und TRISE.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rojava-Erlebnisse aus erster Hand<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus einem Dorf ausserhalb von Qamishli schaltete sich Heval Teko\u015f\u00een dazu, ein Europ\u00e4er, der seit zwei Jahren in Rojava lebt (oder korrekter ausgedr\u00fcckt: in AANES, der Autonomen Administration von Nord- und Ostsyrien). Er empfinde die dortige Gesellschaft als ziemlich im Einklang mit Bookchins Schriften. Es sei keine Konsumgesellschaft: Die H\u00e4user seien leer, es gebe keine M\u00f6bel oder andere materiellen Objekte in den Zimmern, daf\u00fcr Menschen, die st\u00e4ndig ein und aus gingen. Die Gesellschaft sei nicht-produktivistisch: Effizienz sei nicht die Top-Priorit\u00e4t. Deshalb werde viel weniger gearbeitet, daf\u00fcr h\u00e4tten alle mehr Zeit. Alle seien neugierig und wollten alles \u00fcber ihr Gegen\u00fcber wissen. Die Gruppenharmonie sei unglaublich gross, das Ego sehr reduziert, und die Leute reagierten nicht defensiv auf Kritik, sondern sachlich. Ein Beispiel: In Kurdistan gebe es erst wenig Bewusstsein \u00fcber Tierrecht. Als Heval Teko\u015f\u00een einen Genossen kritisierte, weil dieser eine Katze geschlagen hatte, habe dieser nicht defensiv reagiert, sondern erfreut. \u201cEr war gl\u00fccklich, dass er etwas f\u00fcr mich tun konnte!\u201d, berichtete Heval Teko\u015f\u00een. Auch die anderen h\u00e4tten daraufhin aufgeh\u00f6rt, Tiere schlecht zu behandeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heval Teko\u015f\u00een strich ferner die materielle Unsicherheit heraus: Er wisse nie, ob er ein Auto habe, wenn er eins brauche, aber er habe 100 Prozent Gewissheit, dass sofort zehn Leute herumtelefonieren und ihm innert f\u00fcnf Minuten ein Auto organisieren w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus dem Chat kam darauf die Frage, ob diese Werte schon vor der Revolution in der Gesellschaft verankert gewesen seien. Heval Teko\u015f\u00een bejahte dies. Die Revolution sorge daf\u00fcr, dass das auch weiterhin so bleibe. Sie sch\u00fctze die Gesellschaft davor, (westlich-)positivistisch zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine weitere Frage war, ob in den Versammlungen von Rojava per Mehrheitsabstimmung entschieden wird. Heval Teko\u015f\u00een dazu: Es f\u00e4nden jeden Tag Tausende von Versammlungen statt, zum Teil in Wohnzimmern, aber oft werde einfach beraten und die Leute gingen wieder nach Hause. Das politische System \u201cernte\u201d nur, was in der Bev\u00f6lkerung diskutiert werde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Paideia: politische Charakterbildung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Begriff, der an der Konferenz immer wieder fiel, war \u201cPaideia\u201d. Damit wurde im antiken Griechenland die politische Charakterbildung bezeichnet, also die \u201cKompetenz, an demokratischen Versammlungen teilzunehmen\u201d, wie Panelist Davide Grasso erkl\u00e4rte. Er verglich die zwei kurdischen W\u00f6rter \u201cdesthilatdar\u00ee\u201d (Herrschaft oder politische Macht) und \u201cotorite\u201d (die Autorit\u00e4t, die Lehrer*innen oder F\u00fchrer*innen haben, episodische, nicht institutionalisierte Autorit\u00e4t). Paideia sei in diesem Sinn nichts anderes als die breite Streuung von otorite in der Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Risse im Kapitalismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thomas Murray verglich \u201cCrack Capitalism\u201d von John Holloway mit Bookchin. John Holloway ist auch ein Bef\u00fcrworter der Kommune und der Versammlungen (er bezieht sich unter anderem auf die Pariser Kommune, die Sowjets und die Zapatistas), aber er geht es von einer andere Seite an. Wir br\u00e4uchten keine aufgekl\u00e4rte Avantgarde, so Holloway, die Arbeiter*innen k\u00f6nnten ihre Identit\u00e4t als Arbeiter*innen zur\u00fcckweisen, etwa indem sie sich eine kurze Auszeit vom Bildschirm n\u00e4hmen \u2013 das seien die kleinen \u201cCracks\u201d (Risse) im Kapitalismus. Die Frage sie, wie diese Cracks zusammenfliessen k\u00f6nnten und sich die M\u00f6glichkeit der Selbstbestimmung auftue.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bookchin hingegen, meinte Thomas Murray, lege Wert auf Koh\u00e4renz in der Theorie, Charakterbildung (Paideia), formelle Organisierung und kollektive Planung. Die R\u00e4te in Spanien, Deutschland und Russland seien nicht von alleine gekommen, sondern es habe dazu auch F\u00fchrungspersonen gebraucht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch TRISE-Mitglied Yavor Tarinski betonte, dass Institutionen n\u00f6tig sind. Der Fokus m\u00fcsse (mit Polanyi) auf Politik gerichtet werden, nicht nur auf \u00d6konomie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u00d6ko-Totalitarismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Metin G\u00fcven warnte vor der zunehmenden Staatsautorit\u00e4t (state domination). Linke w\u00fcrden sich zu sehr auf den Neoliberalismus einschiessen. Sie sollten sich aber angesichts der Klimakrise auf eine neue \u00c4ra des \u00d6ko-Totalitarismus und \u00d6kofaschismus vorbereiten. Staatliche Herrschaft nehme zu, deshalb sollte Klassenreduktionismus vermieden werden und Staaten studiert werden. Soziale \u00d6kogie sei ein wichtiger Teil solcher Studien. Eine weitere Panelistin, Emet De\u011firmenci, zeigte den Zusammenhang zwischen \u00d6kofaschismus, Menschenhass, Biozentrismus und white supremacy auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Von der Bookchin-Lesegruppe ins Stadtparlament<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dimitri Roussopoulos, der Verleger von Black Rose Books, erz\u00e4hlte aus der langj\u00e4hrigen direktdemokratischen Praxis in Montr\u00e9al, der \u201cdezentralisiertesten Stadt in Nordamerika\u201d. Ein weiterer Kanadier, Rob Case, berichtete vom Kampf in der Stadt Guelph (Gegend von Wellington) gegen den Konzern Nestl\u00e9, der drei Quellen aufgekauft hat, um Wasser in Flaschen zu verkaufen. Dank direkten Beziehungen zu Stadtparlamentarier*innen sei es m\u00f6glich gewesen, in gewissen Bereichen ein Veto gegen Nestl\u00e9 zu erreichen. \u201cDa konnte man sehen, wie Murray Bookchins Theorien vor unseren Augen lebendig wurden\u201d, so Rob Case. Interessantes Detail: Im Stadtparlament sitzen zwei Abgeordnete, deren Kandidatur aus einer Bookchin-Lesegruppe hervorging.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rob Case erz\u00e4hlte, wie Nestl\u00e9 eine grosse Protestbewegung ausgel\u00f6st habe, die ihn mit Hoffnung erf\u00fclle. Die meisten Leute seien v\u00f6llig abgekoppelt von einer aktiven Politik. Der Nestl\u00e9-Protest habe sie aus ihrem selbstzufriedenen Wohlbehagen herausgesch\u00fcttelt. In der lokalen, \u00f6kologischen Graswurzelbewegung w\u00fcrden sie die Skills f\u00fcr das \u201cSpiel der kollektiven Entscheidungen\u201d lernen. Das sei zwar noch kein libert\u00e4rer Munizipalismus, aber ein Anfang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rob Case unterstrich, dass bei alledem der Fokus nicht sein sollte, im Parlament eine politische Agenda umzusetzen, sondern sich mit demokratischen Prozessen zu befassen. Anregungen dazu f\u00e4nden sich \u00fcbrigens unmittelbar vor den eigenen Augen: bei der Haudenosaunce-Konf\u00f6deration, der \u00e4ltesten heute existierenden demokratischen Institution in Nordamerika. Indigene Gesellschaften h\u00e4tten andere Arten des Regierens. \u201cIch sage nicht, das wir das \u00fcbernehmen sollten, aber es kann unsere Imagination erweitern\u201d, sagte Rob Case.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kollektive lokale Antwort auf Staatsgewalt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ben Price thematisierte, wie in den USA der Staat die lokale Selbstverwaltung beschr\u00e4nkt: \u201cDie Staatsgewalt \u00fcber die Gemeinden ist absolut.\u201d Lokale Aktivist*innen erfahren Repression durch die Gerichte, welche Firmen-Eigentum vor munizipaler Legislation sch\u00fctzen. Beispielsweise wenn es um Mindestlohn, Schutz des Wassers vor fossilen Industrien, Pestizide, Fracking oder Mieter*innenschutz gehe. \u201cDie Gerichte wollen diesen Widerstand im Keim ersticken, bevor er auf andere Gemeinden \u00fcbergreift.\u201d Diese institutionalisierte Form der Unterdr\u00fcckung sei auch rassistisch, da der Besitz unter weisser Kontrolle vor Umverteilung gesch\u00fctzt wird. Ein besonders krasses Beispiel ist auch die rassistische Bleivergiftung der mehrheitlich Schwarzen Bev\u00f6lkerung in Flint, MI.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Freiheit heisst f\u00fcr Ben Price nicht, den Staat um Erlaubnis zu fragen, sondern die autonomen Gemeinde-Rechte (community rights) durch lokale Gesetzgebung durchzusetzen \u2013 eine kollektive Antwort auf unterdr\u00fcckerische Strukturen zu finden. Es gebe auch Erfolge: Beispielsweise konnte in Halifax, VA das Recht der Gemeinde auf eine giftfreie Umwelt gegen die Betreiber einer Uranmine durchgesetzt werden. Weitere Beispiele sind die \u201csanctuary cities\u201d, welche Immigrant*innen vor Deportation sch\u00fctzen, oder die \u201cDefund the police\u201d-Bewegung. Solche Bewegungen k\u00f6nnten viel von den Schriften von Murray Bookchin profitieren, meinte Rob Case.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ethische Kapitalismuskritik: dialektischer Naturalismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Georgios Daremas redete \u00fcber die Kontinuit\u00e4t von Natur und Gesellschaft \u2013 erste und zweite Natur, wie es bei Bookchin heisst und wie es auch bei Hegel in seiner Dialektik mitgedacht wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Georgios Daremas strich eine revolution\u00e4re Einsicht Bookchins heraus: \u201cEine Gesellschaft, die die Idee hat, die Natur z\u00e4hmen zu wollen, muss \u00fcberwunden werden!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bookchins dialektischer Naturalismus besagt, dass die Evolution eine Richtung hat: Sie f\u00fchrt zu immer komplexeren, differenzierteren Formen. Auf diesem Grundprinzip basierte Bookchin seine ethischen Prinzipien f\u00fcr die Gesellschaft sowie seine ethische Kritik am Kapitalismus und am Individualismus, der die Gesellschaft zersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weitere eher philosophische Themen an der Konferenz waren die Demokratisierung der Technologie und der Vergleich von techn\u00e9 und \u201chyperobjects\u201d in Bezug auf Covid-19 \u2013 dies sei nur erw\u00e4hnt nur, um die grosse Bandbreite zu zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Agro\u00f6kologie in Indien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Umweltzerst\u00f6rungen waren nat\u00fcrlich auch ein grosses Thema. Beispielsweise das desastr\u00f6se Wassersystem von Los Angeles oder die koloniale Umgestaltung der traditionellen Landwirtschaft im Ganga-Yamuna-Flussbecken (Doab) in Indien. Am letzteren Beispiel zeigt sich der Zusammenhang von \u00d6kologie und gesellschaftlichen Vorg\u00e4ngen: Der Zugang zu den kommunalen Landressourcen wurde eingeschr\u00e4nkt, wie Anita Prakash berichtete. Die \u00e4rmere Bev\u00f6lkerung, die den Dschungel in Notzeiten als Ressource nutzte, kam dadurch besonders unter Druck. Im Gegensatz wurde die Nutzung von Dschungel und Wasser kommerzialisiert, die Folge waren Hungersn\u00f6te. Eine Zukunft sieht Anita Prakash in der Agro\u00f6kologie. Aber Hindernisse wie der ungleiche Zugang zu Land, die \u00f6konomische Unsicherheit der Farmer*innen und die hohen Schulden m\u00fcssten beseitigt werden. Die Theorien von Murray Bookchin seien wichtig f\u00fcr eine solche Transition. Es brauche eine interdisziplin\u00e4re Linie, welche die Auswirkungen sozialer Ungerechtigkeit und \u00f6kologische Prozesse integriere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Feministische Sorge-Kultur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber Aktivismus-Forschung berichtete Federico Venturini. Er pl\u00e4diert daf\u00fcr, die Dichotomie Forscher*in\/Aktivist*in aufzul\u00f6sen. Forscher*in sollten solidarisch mit Bewegung sein und nachfragen, welche Bed\u00fcrfnisse sie h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eve Olney und Krini Kafiris stellten das Radical Institute (Irland) vor. Mit Workshops und anderen Projekten m\u00f6chten sie eine Sorge-Kultur (culture of care) schaffen, die feministisch, radikal und politisch ist \u2013 stark beeinflusst von Murray Bookchin und seinen Theorien \u00fcber Hierarchie. Unter anderem bieten sie einen \u201cPaideia Teenage Autonomous Space\u201d an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"zf2\">Ausser dem erw\u00e4hnten Rojava-Buch wurde ein \u00d6kologie-Buch aus Australien vorgestellt.<a href=\"#f2\"><sup>2<\/sup><\/a> Australien werde von der Sozialen \u00d6kologie oft vergessen, weil es so weit weg sei, sagte Mitherausgeber Stuart Hill, aber in Australien gebe es eine \u00fcber 40-j\u00e4hrige sozial-\u00f6kologische Tradition.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Soziale \u00d6kologie und Animal Liberation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Thema, das einen eigenen Artikel verdient h\u00e4tte, kann hier nur kurz angeschnitten werden: Laura Schleifer stellte sich auf den Standppunkt, dass Tierbefreiung (animal liberation) und Veganismus mit der Sozialen \u00d6kologie kompatibel sind \u2013 ja, dass sie sogar von ihr inkorporiert werden m\u00fcssten. Erg\u00e4nzend zu Bookchins These, dass die Herrschaft von Mensch \u00fcber Natur aus der Herrschaft von Mensch \u00fcber Mensch stammt, stellt Laura Schleifer eine \u00e4hnliche These auf: Die Herrschaft von Menschen \u00fcber Tiere hat einen Einfluss, wie Menschen andere Menschen dominieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Laura Schleifer untermauerte ihre These damit, dass mit dem Aufkommen der Viehzucht auch Kriege und Kolonialisierung aufkamen, weil immer mehr Land ben\u00f6tigt wurde. Viehzucht-Gesellschaften (z. B. unter Dschingis Khan) eroberten andere (zum Teil egalit\u00e4re) Gesellschaften und f\u00fchrten den Feudalismus ein. Sie setzen sogar Tiere (Pferde) als Kriegswaffen ein. Gefangene wurden wie Tiere versklavt, gebrandmarkt, ihre Reproduktion wurde kontrolliert (Kastration, Eunuchen, gender-basierte Gewalt), Menschen und Tiere wurden in die Submission gepr\u00fcgelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Aufkl\u00e4rung sei dann die Frage, was den Menschen vom Tier unterscheide, dazu benutzt worden, den Kolonialismus zu rechtfertigen. Die Kolonisierten seien als n\u00e4her bei den Tieren angesehen worden: Sie h\u00e4tten beispielsweise keine emotionale Selbstkontrolle wie \u201cwir Europ\u00e4er\u201d. Das ziehe sich bis heute durch: zu Trump, der Immigrant*innen als Tiere bezeichne, zu Kindern in (Tier-)K\u00e4figen und berittenen Border-Patrols mit Peitschen. Schlachth\u00f6fe seien eine H\u00f6lle f\u00fcr die Tiere und die Mitarbeitenden, die oft Ex-Gefangene oder undokumentierte Arbeitende seien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Soziale \u00d6kologie w\u00fcrde zudem eine Re-Naturalisierung von Land voraussetzen, meinte Laura Schleifer. Veganismus, also Tiere nicht zu essen, w\u00fcrde massive Fl\u00e4chen frei machen, auf denen die \u00d6kologie und indigene Gesellschaften florieren k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die gesamte Konferenz kann auf dem <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/channel\/UCdrtCFbkNQTIVuOP0F3q4uw\/videos\" target=\"_blank\">Youtube-Kanal<\/a> von TRISE nachgeschaut werden (<a href=\"http:\/\/trise.org\/2021\/09\/09\/trise-2021-conference-the-program-is-out\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Programm<\/a>).<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\"><em>Bildhinweis: Der Screenshot zeigt die Pr\u00e4sentation von Azize Cay, die sich mit informeller Hierarchie, Organisation und Aktivismus in AANES auseinandersetzte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"f1\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.227), 16px);\"><a href=\"#zf1\">1<\/a> Hunt, S. (eds.), 2021, Ecological Solidarity &amp; the Kurdish Freedom Movement, Lexington books<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"f2\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.227), 16px);\"><a href=\"#zf2\">2<\/a> Wright, D &amp; Hill, S (eds.), 2020, Social Ecology and Education: Transforming Worldviews and Practices. Routledge<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15 Jahre nach seinem Tod sind die Ideen von Murray Bookchin relevant wie noch nie. Die TRISE-Konferenz \u201c100 Years Murray Bookchin\u201d deckte in acht Panels mit 24 Referent*innen sehr diverse Bereiche ab, von Rojava bis zum COP26-Klimagipfel, der diese Woche beginnt. 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