{"id":486,"date":"2022-04-18T23:44:01","date_gmt":"2022-04-18T21:44:01","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkkommunalismus.wordpress.com\/?p=486"},"modified":"2022-04-18T23:44:01","modified_gmt":"2022-04-18T21:44:01","slug":"autonomie-in-den-sumpfen-die-maroons-in-north-carolina-und-florida","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=486","title":{"rendered":"Autonomie in den S\u00fcmpfen: die Maroons in North Carolina und Florida"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die Maroons, geflohene versklavte Afrikaner*innen, bauten in abgelegenen Gebieten autonome Gemeinschaften auf, in denen sie eine direktdemokratische und \u00f6kologische Lebensweise pflegten. Modibo Kadalie stellt in seinem neuen Buch einiges richtig, was die Geschichtsschreibung bisher vernachl\u00e4ssigt oder falsch interpretiert hatte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst kamen die Spanier*innen, dann die Engl\u00e4nder*innen. Die einen suchten Gold, die anderen \u00fcbers\u00e4hten das Land mit profitablen Tabak- und Reisplantagen. F\u00fcr die indigene Bev\u00f6lkerung und die \u00d6kosysteme im S\u00fcdwesten der sogenannten USA hatte diese Invasion, die sich ab dem 16. Jahrhundert intensivierte, katastrophale Folgen.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"t1\">Genauso alt ist aber der Widerstand gegen die Invasoren. Dieser zeigte sich einerseits in Verteidigungskriegen (z. B. im Tuscarora War ab 1711), andererseits in Gegenentw\u00fcrfen zum hierarchischen, kapitalistischen, exktraktivistischen, anti-\u00f6kologischen und rassistischen Siedler*innen-Kolonialismus. Das Plantagensystem konnte wirtschaftlich nur funktionieren, weil es die Arbeit von verschleppten und versklavten Afrikaner*innen ausbeutete. Diese rebellierten immer wieder und viele von ihnen konnten fl\u00fcchten. Als \u201cMaroons\u201d gr\u00fcndeten sie eigene Gemeinschaften, meist in entlegenen Gebieten. Modibo Kadalie beschreibt in seinem neuen Buch \u201cIntimate Direct Democracy\u201d (2022) vor allem die Maroon Communities im Great Dismal Swamp an der Grenze von Virginia und North Carolina sowie die Siedlung Fort Mose in Florida. Er interpretiert die Maroon-Siedlungen als bewusst gew\u00e4hlte Lebensformen, nicht als historische Zuf\u00e4lligkeiten: Die Maroons sind in seiner Darstellung nicht die Spielb\u00e4lle<sup><a href=\"#s1\">1<\/a><\/sup> und passiven Opfer der Kolonialm\u00e4chte, sondern selbstbewusste Akteur*innen. Sie erschufen bewusst eine \u00f6kologischere und kommunalistischere Alternative zum Zwangsarbeits-System, dem sie entflohen waren.<sup><a href=\"#s2\">2<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Indigene und afrikanische Demokratie-Traditionen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Spannend ist, dass in den Maroon Communities nicht nur Afrikaner*innen lebten, sondern auch vertriebene Indigene sowie einzelne Weisse, die aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht mehr in der europ\u00e4isch-kolonialen Gesellschaft leben wollten. Die Lebensweise der Maroons unterschied sich in zwei wesentlichen Punkten von der europ\u00e4ischen: im Umgang miteinander und im Umgang mit der Natur. Die Maroon Communities waren direktdemokratisch organisiert \u2013 Modibo Kadalie spricht von \u201cintimer direkter Demokratie\u201d \u2013 und ihre Wirtschaftsweise kann als \u201c\u00f6kologisch\u201d bezeichnet werden, im scharfen Gegensatz zum Extraktivismus und zur monokulturellen Landwirtschaft der Kolonisator*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Modibo Kadalie zeigt, dass sowohl die indigenen V\u00f6lker, als auch die aus Afrika stammenden Menschen mit direktdemokratischen Traditionen vertraut war. Im Fall der Indigenen bezieht er sich unter anderem auf Beispiele aus \u201cThe Dawn of Everything\u201d (2021) von David Graeber und David Wengrow.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Beispiel der Maroon-Siedlung Fort Mose in Florida verweist er auf die reichhaltige Geschichte von Autonomie und kollektiver Selbstverwaltung in der Guinea-Region, von wo ein Grossteil der versklavten Afrikaner*innen stammte. Allerdings will das Buch keine Anleitung f\u00fcr direkte Demokratie sein und verbleibt, was Praxisbeispiele betrifft, oberfl\u00e4chlich. Es geht Modibo Kadalie mehr um den historiografischen Rahmen, also darum, wie Geschichte erz\u00e4hlt wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trostloser Sumpf \u2013 reichhaltiges \u00d6kosystem<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Deutlich wird hingegen, wie eng soziale und \u00f6kologische Aspekte miteinander verkn\u00fcpft sind. Die europ\u00e4ischen Kolonialist*innen sahen in den Landschaften des von ihnen besetzten Kontinents eine unproduktive Wildnis, die zuerst fruchtbar gemacht und f\u00fcr die Profitlandwirtschaft zugerichtet werden musste. Dass sie dem Great Dismal Swamp diesen Namen gaben \u2013 \u201cdismal\u201d bedeutet \u201cd\u00fcster, trostlos\u201d \u2013, ist exemplarisch. F\u00fcr die indigenen V\u00f6lker waren die \u00d6kosysteme jedoch eine reichhaltige Quelle von Lebensg\u00fctern. Mit einer Mischung aus Jagd, Fischerei, Gem\u00fcse- und Getreideanbau konnten sie diese auf nachhaltige Weise bewirtschaften. Die Kolonisierung war somit nicht nur ein Angriff auf ein intimes, direktdemokratisches Zusammenleben, sondern auch auf eine \u00f6kologische Wirtschaft. Am Beispiel des Reisanbaus zeigt Kadalie die verheerenden Auswirkungen auf die K\u00fcste von North Carolina und Florida. Landschaftlich \u00e4hnelte diese Gegend dem Golf von Guinea und die versklavten Menschen brachten zum Teil ein Know-how \u00fcber Reisanbau mit, was sich die Kolonialist*innen zunutze machten. Doch w\u00e4hrend in Afrika im Einklang mit der Natur Reis angebaut wurde, zerst\u00f6rten die Profit-Anbaufl\u00e4chen in Amerika die wertvollen \u00d6kosysteme.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"t3\">Ein Wort noch zur Sprache von Modibo Kadalie. Er spricht nicht von \u201cSklaven\u201d, sondern konsequent von \u201cversklavten Afrikaner*innen\u201d<sup><a href=\"#s3\">3<\/a><\/sup>. Er benutzt nicht das Wort \u201cSklavenplantage\u201d, sondern redet \u201censlaved labor farming\u201d. Anstatt \u201centflohene Sklaven\u201d sagt er \u201cfreedom seekers\u201d (Freiheitssuchende). Dieser Sprachgebrauch unterstreicht das Menschsein von versklavten Individuen und verdeutlicht, dass ihre Versklavung etwas willk\u00fcrlich Auferlegtes ist und nicht grundlegend zu ihrer Identit\u00e4t geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Sprachgebrauch f\u00e4llt auf: Wenn Kadalie von den Gemeinschaften der Maroons spricht, bezeichnet er sie durchgehend als \u201ceco-communities\u201d. Es mag zun\u00e4chst \u00fcberraschen, einen solchen \u201ctrendigen\u201d Begriff aus der modernen \u00d6kologiebewegung in einer historischen Abhandlung \u00fcber das 18. Jahrhundert anzutreffen. Aber Kadalie f\u00fchrt uns damit vor Augen, dass gesellschaftliche Utopien nicht nur in kopflastigen Diskussionen existieren, sondern vielfach in der Realit\u00e4t erprobt wurden \u2013 auch an Orten und in Zeiten, in denen wir sie nicht vermuten w\u00fcrden. Wenn wir uns heute fragen, wie wir unsere St\u00e4dte sozial gerecht und \u00f6kologisch nachhaltig gestalten k\u00f6nnen, dann sind die Maroon Communities sicher eine n\u00fctzliche Inspirationsquelle.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><em>Modibo Kadalie ist seit den 1970er-Jahren in B\u00fcrger*innenrechts-, Black-Power- und Pan-Afrikanismus-Bewegungen aktiv. Er war Professor f\u00fcr Sozial- und Verhaltenswissenschaften an der Savannah State University in Georgia und ist Gr\u00fcnder des <a href=\"https:\/\/ariddse.org\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Autonomous Research Institute for Direct Democracy and Social Ecology<\/a>. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Infos zum Buch:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Intimate Direct Democracy \u2013 Fort Mose, the Great Dismal Swamp, and the Human Quest for Freedom; Modibo Kadalie (Author); Andrew Zonneveld (Editor and Foreword)<\/em>, <a href=\"https:\/\/on-our-own-authority-publishing.square.site\/product\/kadalie-intimate-direct-democracy\/26?cs=true&amp;cst=custom\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/on-our-own-authority-publishing.square.site\/product\/kadalie-intimate-direct-democracy\/26?cs=true&amp;cst=custom<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>(Auch erh\u00e4ltlich bei AK Press <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.akpress.org\/intimate-direct-democracy.html\" target=\"_blank\">https:\/\/www.akpress.org\/intimate-direct-democracy.html<\/a>)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Bild: Buchcover. Artwork: Megan Leach<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\" id=\"s1\"><sup><a href=\"#t1\">1<\/a><\/sup> Fort Mose, eine Maroon-Siedlung in Flordia, wurde zwar offiziell von der spanischen Monarchie unterst\u00fctzt, um die Ausbreitung der englischen Kolonialmacht zu behindern. Modibo Kadalie stellt aber im Gegensatz zur herk\u00f6mmlichen Geschichtsschreibung die Maroons als Akteure ins Zentrum. Wird Geschichte meistens aus der Perspektive von einzelnen m\u00e4chtigen Personen und den administrativen Apparaten ihrer hierarchischen sozialen Formationen erz\u00e4hlt, so wendet Kadalie seinen Blick zur Peripherie hin, wo \u201cweniger hierarchische, mehr sozial egalit\u00e4re, intimere, sozial-\u00f6kologische Formationen\u201d existierten. Diese w\u00fcrden im Vergleich zu \u201czivilisierten\u201d, \u201centwickelten\u201d Gesellschaften als \u201cprimitiv\u201d bezeichnet \u2013 aber das sei eine arrogante und auf falschen Vorurteilen beruhende Sichtweise. (Kadalie 2022, S. 80)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\" id=\"s2\"><sup><a href=\"#t1\">2<\/a><\/sup> \u201cIn many ways, the maroons were consciously fashioning an alternative, more ecological, and more communalistic social life.\u201d Kadalie 2022, S. 107.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\" id=\"s3\"><sup><a href=\"#t3\">3<\/a><\/sup> Zur Debatte \u201cslave vs. enslaved\u201d: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/slate.com\/human-interest\/2015\/05\/historians-debate-whether-to-use-the-term-slave-or-enslaved-person.html\" target=\"_blank\">https:\/\/slate.com\/human-interest\/2015\/05\/historians-debate-whether-to-use-the-term-slave-or-enslaved-person.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Maroons, geflohene versklavte Afrikaner*innen, bauten in abgelegenen Gebieten autonome Gemeinschaften auf, in denen sie eine direktdemokratische und \u00f6kologische Lebensweise pflegten. 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