{"id":528,"date":"2022-12-10T16:34:02","date_gmt":"2022-12-10T15:34:02","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkkommunalismus.wordpress.com\/?p=528"},"modified":"2022-12-10T16:34:02","modified_gmt":"2022-12-10T15:34:02","slug":"demokratisches-repertoire-in-paris-1871-und-deutschland-1918-analyse-kommunalistischer-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=528","title":{"rendered":"\u201cDemokratisches Repertoire\u201d in Paris 1871 und Deutschland 1918: Analyse kommunalistischer Praxis"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die falsche Dichotomie zwischen partizipativer und repr\u00e4sentativer Politik soll aufgehoben werden, sagt Politikwissenschaftler Gaard Kets. Er betrachtet den Kommunalismus nicht als Programm, sondern als Analyse kommunalistischer Praxis. Dieses \u201cdemokratische Repertoire\u201d beschreibt er am Beispiel der Pariser Kommune und der R\u00e4tebewegung in Deutschland.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Kommunalismus, f\u00fcr sich genommen, ist eine radikale Form der Demokratie \u2013 wenn man Kommunalismus als koh\u00e4rente Ideologie, als Programm darstellen m\u00f6chte. Der Politikwissenschaftler Gaard Kets von der Radboud-Universit\u00e4t Nijmegen und Mitinitiant des Projekts \u201c<a href=\"https:\/\/vivelacommune.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Vive la Commune! Communalism as a Democratic Repertoire<\/a>\u201d wirft einen anderen Blick auf die Thematik. Anstelle eines programmatischen Ansatzes, wie er z. B. bei Bookchin zu finden ist, hat er ein akademisches Verst\u00e4ndnis: Ihm geht es um eine beschreibende Analyse von \u201cKommune\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Kets untersucht das \u201cdemokratische Repertoire\u201d, ein Konzept von Charles Tilly, das in verschiedenen Kontexten angewendet werden kann. Im Gegensatz zu programmatischen Ans\u00e4tzen sieht er im Kommunalismus \u201cein Set von Praktiken und Erfahrungen, Theorien und Institutionen\u201d, nicht nur eine praktische Umsetzung eines Programms. Der Vorteil sei, dass die Kommune nicht auf eine Perspektive reduziert werde, sei es die marxistische, sei es die anarchistische, sei es die republikanische.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R\u00e4tebewegung in Deutschland 1918<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>K\u00fcrzlich erz\u00e4hlte Gaard Kets von seiner Forschung an einem Vortrag im Rahmen einer <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/m\u00fcnster-ist-bunt.de\/2022\/11\/09\/die-ausstellung-steht\/\" target=\"_blank\">Ausstellung<\/a> zur Pariser Kommune in M\u00fcnster (organisiert von der M\u00fcnsterliste). Insbesondere sprach er von der R\u00e4tebewegung in Deutschland 1918. Diese habe sich nicht nur gegen die parlamentarische Republik und das Gewerkschaftswesen gerichtet, sondern auch gegen den Bolschewismus, sei also der linkskommunistischen Tradition verbunden. Die R\u00e4te waren auch eine Kritik an der SPD und an dem Politikverst\u00e4ndnis, das Bookchin \u201cstatecraft\u201d (Staatsr\u00e4son) nennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gaard Kets beschrieb eine Vielfalt an Praktiken: Die politische Form der R\u00e4te sollte die Wirtschaft demokratisieren, es gab Soldatenr\u00e4te, in denen Anerkennung und W\u00fcrde thematisiert wurde, und es entstanden Stadtteilr\u00e4te, die zum Teil mit Delegierten mit imperativem Mandat funktionierten. Alles in allem dr\u00fcckte sich die Bewegung in verschiedenen Formen aus, die sich zwischen R\u00e4tedemokratie und Parlamentarismus bewegten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gaard Kets wies darauf hin, dass die R\u00e4te in Deutschland eigentlich sehr exkludierend waren: Es fehlten Frauen und Arbeitslose. Inspirierend sei aber, was \u201crundherum\u201d passiert sei. Verschiedene Gruppen h\u00e4tten sich eingebracht, etwa Schriftsteller*innen und K\u00fcnstler,*innen \u2013 und ja, auch Frauenr\u00e4te habe es gegeben. Verschiedenste Vereine h\u00e4tte sich als R\u00e4te konstitutiert. \u201cEs gab eine Menge Leute, die demokratisch einbezogen werden wollten\u201d, so Kets. Die Bewegung habe einen inspirierenden, experimentellen, chaotischen Charakter gehabt, eine \u201cgeordnete Unordnung\u201d, wie schon zuvor in der Pariser Kommune.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R\u00e4te und Parlament<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gaard Kets ist \u00fcberzeugt, dass dieses vielf\u00e4ltige R\u00e4tesystem gut mit repr\u00e4sentativen Formen zusammenpasst. Ein Narrativ des Entweder-oder treffe auf die Deutsche Revolution nicht zu: Die meisten Protagonist*innen, ob in der SPD, USPD oder KPD, seien sich einig gewesen, dass die Frage nicht ein Entweder-oder zwischen Parlament und R\u00e4ten gewesen sei. Die R\u00e4te seien ausserdem in parlamentarischer Form organisiert gewesen, mit Instrumenten wie Motionen, Fraktionen und Aussch\u00fcsse. Das habe unter anderem daran gelegen, dass der parlamentarische Diskurs einfach schon l\u00e4nger vorhanden und weiter entwickelt gewesen sei als der R\u00e4tediskurs.<\/p>\n\n\n\n<p>Gaard Kets bezeichnete die Situation als \u201cdistributed leadership\u201d \u2013 ein Begriff aus der politischen \u00d6kologie (Rodrigo Nunes: Neither Vertical Nor Horizontal, Verso, 2021), oder wie es Kurt Eisner in der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik beschrieb: eine Demokratisierung des \u00f6ffentlichen Geistes.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das kommunalistische Repertoire<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend z\u00e4hlte Gaard Kets einige Punkte aus dem \u201ckommunalistischen Repertoire\u201d vor:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>R\u00e4te entstehen spontan, sind nicht vom Staat oder einer Partei zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/li>\n\n\n\n<li>von unten nach oben<\/li>\n\n\n\n<li>imperatives Mandat<\/li>\n\n\n\n<li>Delegierte jederzeit abberufbar<\/li>\n\n\n\n<li>f\u00f6deralistisch<\/li>\n\n\n\n<li>exekutive und legislative Funktion<\/li>\n\n\n\n<li>Volksmiliz statt stehendes Heer (ein bekanntes Programm der Sozialist*innen im Allgemeinen, geh\u00f6rt aber auch zum kommunalistischen Repertoire)<\/li>\n\n\n\n<li>viele weitere Elemente aus der Marx\u2019schen Interpretation der Pariser Kommune<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Neuere Formen des Kommunalismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die rein klassenk\u00e4mpferische Interpretation des Kommunalismus sei nach nach derm Zweiten Weltkrieg aus dem Fokus ger\u00fcckt, fuhr Gaard Kets fort. In der Praxis sei es zu neuartigen Interpretation gekommen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Frankreich in den 1960er-Jahren: Die Stadt ist der Ort politischer Revolution, nicht der Arbeitsplatz.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Gilets Jaunes, die eine \u201cKommune der Kommunen\u201d anstreben<\/li>\n\n\n\n<li>Fearless Cities, die weltweite Munizipalismus-Bewegung<\/li>\n\n\n\n<li>der Demokratische F\u00f6deralismus in Rojava<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Diese neuen Erscheinungen seien weit gefasst und offen f\u00fcr verschiedene Interpretationen, meinte Gaard Kets anerkennend \u2013 etwas, das der Linken im Allgemeinen zu fehlen scheine!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie k\u00f6nnte Kommunalismus in der Praxis aussehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss teilte Gaard Kets einige Visionen, wie Kommunalismus in der Praxis aussehen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>1. Die Grenze zwischen global und lokal auf innovative Weise bearbeiten: Es geht nicht bloss um einen Mittelweg zwischen Neoliberalismus und Ethnonationalismus, sondern um einen echten Internationalismus. Das Konzept der Kommune kann eine transnationale, plurale Alternative bieten. Internationale Solidarit\u00e4t und Konzentration auf das Lokale erg\u00e4nzen sich.<\/p>\n\n\n\n<p>In M\u00fcnchen gab es \u00fcbrigens Ideen \u00fcber eine Zusammenarbeit mit ungarischen R\u00e4ten, \u00fcber eine R\u00e4terepublik von der Wolga bis zur Donau.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Die falsche Dichotomie zwischen repr\u00e4sentativer Wahlpolitik und partizipativer Politik kann aufgel\u00f6st werden. Gaard Kets sieht keinen Widerspruch zwischen direktdemokratischem Engagement (Versammlungsbewegungen wie Occupy, Nuit debout) und der Strategie, repr\u00e4sentative Institutionen zu besetzen. Beispielsweise habe die Bewegung 15M in Barcelona eine starke Basis in den Stadtteillen mit lokaler Wahlvertretung kombiniert.<\/p>\n\n\n\n<p>3. Die Linke kann nicht einfach Instrumente der Demokratie \u00fcbernehmen, ohne sie umzugestalten. Arbeitsplatz, Schulen, Unis, Nachbarschaften und Gemeinden k\u00f6nnen Orte sein, an denen pr\u00e4figurativ eine zuk\u00fcnftige Gesellschaft vor-gelebt werden kann. Die Pariser Kommune und die Deutsche Revolution k\u00f6nnen zeigen, wie ein solches vielschichtiges Vorgehen in der Praxis aussehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Unvollst\u00e4ndige Literaturliste zur Pariser Kommune:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Carolyn J. Eichner: The Paris Commune: A Brief History, Rutgers University Press, 2022<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Kristin Ross: Communal Luxury, Verso, 2016<\/em><br><em>Essay aus dem Buch: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.versobooks.com\/blogs\/3169-communal-luxury-kristin-ross\" target=\"_blank\">https:\/\/www.versobooks.com\/blogs\/3169-communal-luxury-kristin-ross<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Detlef Hartmann, Christopher Wimmer: Die Kommunen vor der Kommune 1870\/71, Asoziation A, 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die falsche Dichotomie zwischen partizipativer und repr\u00e4sentativer Politik soll aufgehoben werden, sagt Politikwissenschaftler Gaard Kets. Er betrachtet den Kommunalismus nicht als Programm, sondern als Analyse kommunalistischer Praxis. Dieses \u201cdemokratische Repertoire\u201d beschreibt er am Beispiel der Pariser Kommune und der R\u00e4tebewegung in Deutschland. 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