{"id":534,"date":"2023-01-10T23:55:30","date_gmt":"2023-01-10T22:55:30","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkkommunalismus.wordpress.com\/?p=534"},"modified":"2023-01-10T23:55:30","modified_gmt":"2023-01-10T22:55:30","slug":"antirassismus-und-soziale-okologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=534","title":{"rendered":"Antirassismus und Soziale \u00d6kologie"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ausgabe Nr. 2 von \u201cHarbinger: a Journal of Social Ecology\u201d ist dem Thema Rassismus und Kolonialismus gewidmet. Soziale \u00d6kologie kritisiert seit jeher \u201cRasse\u201d als ein hierarchisches System. Doch die Autor*innen betonen, dass diese Analyse weiter vertieft werden muss.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"a1\">Murray Bookchin, der Impulsgeber der Sozialen \u00d6kologie, hat als Arbeitskampf-Organizer in den 1940ern die Unterdr\u00fcckung der mehrheitlich Schwarzen Arbeiter in einer Giesserei in New Jersey miterlebt.<sup><a href=\"#b1\">1<\/a><\/sup> In den 50ern und 60ern war er im Congress of Racial Equality, einer antirassistischen Bewegung, aktiv. Immer wieder betonte er, dass das malthusianische Narrativ der \u00dcberbev\u00f6lkerung rassistisch ist, und kritisierte die Umweltbewegung scharf daf\u00fcr. Stattdessen forderte er Wiedergutmachung f\u00fcr die Ressourcen, die Nordamerika und Europa aus den L\u00e4ndern des Globalen S\u00fcdens gepl\u00fcndert hatten \u2013 eine Forderung, die an die heute vielfach ge\u00e4usserte Forderung nach Reparationszahlungen erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"a2\">Als Theoretiker analysierte Bookchin Formen der Hierarchie und beschrieb mehrfache Diskriminierung, was heute als \u201cIntersektionalit\u00e4t\u201d bezeichnet wird. In einer bekannten Textpassage weist er darauf hin, dass nicht einfach \u201cder Mensch\u201d f\u00fcr die \u00f6kologische Krise verantwortlich ist: Unterdr\u00fcckte Gruppen wissen sehr wohl, dass die Welt entlang von hierarchischen Linien unterteilt ist, und wenn diese ignoriert werden, dann geschieht das auf ihre Kosten. \u201cSchwarze wissen es, wenn sie mit Weissen konfrontiert sind; Arme, wenn sie mit Reichen konfrontiert sind; die Dritte Welt, wenn sie mit der Ersten Welt konfrontiert ist; Frauen, wenn sie mit patriarchalen M\u00e4nnern konfrontiert sind.\u201d<sup><a href=\"#b2\">2<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl Bookchin oft als \u201ceurozentrisch\u201d kritisiert wird, da er in seinen B\u00fcchern vor allem westliche emanzipatorische Traditionen behandelt, liess er sich beispielsweise von der Schwarzen Befreiungsbewegung inspirieren. So erkannte er den Slogan \u201cBlack is beautiful\u201d als eine \u201chistorisch neue Forderung\u201d f\u00fcr ein gutes Leben, die \u00fcber die Forderungen der Franz\u00f6sischen Revolution weit herausreichten. Vor allen in seinen fr\u00fcheren Schriften bezog er sich oft auf indigene Gemeinschaften.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"a3\">Bookchin habe seine fundamentale Erkenntnis, \u201cdass die \u00f6kologische Krise eine soziale Krise ist\u201d, um eine explizit antirassistischen Analyse erweitert, schreibt Blair Taylor in der Ausgabe Nr. 2 von \u201cHarbinger\u201d. Er weist aber auch auf Leerstellen in seinem Werk hin. Die Kritik, dass Bookchin beispielsweise in seinen Urbanismus-Theorien kaum \u00fcber Rassismus schreibt, ist nicht neu. Blair Taylor kommt zum Schluss, dass die Soziale \u00d6kologie neue theoretische Erkenntnisse, die Bookchin nicht kannte oder vernachl\u00e4ssigte, inkorporieren muss, aber ohne gewisse problematische Annahmen von heutigen dekolonialen und postmodernen Theorie zu \u00fcbernehmen, vor denen Bookchin zurecht warnte.<sup><a href=\"#b3\">3<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>K\u00e4mpfe und Theorie befruchten sich gegenseitig<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"a4\">Ausgehend von den Massenmobilisationen nach dem Mord an George Floyd ist die Ausgabe Nr. 2 von \u201cHarbinger\u201d den Themen (Anti-)Rassismus und Kolonialismus gewidmet. Wie so oft in revolution\u00e4ren Bewegungen h\u00e4tten die K\u00e4mpfe auf der Strasse ihre theoretischen Inhalte, Rassismus und Abolitionismus<sup><a href=\"#b4\">4<\/a><\/sup>, ins \u00f6ffentliche Bewusstsein katapultiert \u2013 und nicht umgekehrt, schreiben die Autor*innen im Editorial.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weiter erw\u00e4hnen sie das wachsende Interesse an Autor*innen der Schwarzen anarchistischen, antistaatlichen Tradition, wie Lucy Parsons, Ashanti Alston oder Modibo Kadalie, aber auch direkte Aktion gegen die Einwahnderungsbeh\u00f6rde ICE und gegen das Grenzregime. Aber auch den Gedanken, anstelle der Polizei die Sicherheit kollektiv selber zu organisieren. Diese Verbindung von \u201coppositionellen\u201d und \u201crekonstruktiven\u201d Dimensionen des revolution\u00e4ren Kampfes \u00fcberlappe mit der Theorie und Praxis der Sozialen \u00d6kologie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \u201cHarbinger\u201d-Autor*innen stellen schliesslich fest, dass die Soziale \u00d6kologie sowohl wichtige Erkenntnisse f\u00fcr antirassistische Bewegungen bieten kann, als auch sich selber weiterentwickeln muss, indem sie sich mit antirassistischen und antikolonialistischen K\u00e4mpfen besch\u00e4ftigt. Die neue Ausgabe von \u201cHarbinger\u201d sei eine Einladung, solche Ideen quer durch die Bewegungen hindurch zu diskutieren und auszutauschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Natur, Wildnis, rassifizierte Medizin und kolonialistische blinde Flecken<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Autor*innen der neun Essays in \u201cHarbinger\u201d thematisieren ausserdem \u00d6kofaschismus und den Naturbegriff in der Politik; sie zeigen auf, dass Rassismus auch \u00f6kologische Auswirkungen hat (anhand der Agglomeration von amerikanischen St\u00e4dten); sie kritisieren eine Medizin, die auf genetischen und rassifizierten Kategorien beruht; sie beschreiben, wie mit dem Konzept von \u201cWildnis\u201d indigene V\u00f6lker enteignet werden. Ausserdem weisen sie auf antisemitische Tropen im Werk von \u00d6calan hin und vergleichen Schwarze und kurdische revolution\u00e4re Traditionen. Ausblicke auf die Ambiguit\u00e4t des \u201cHomesteading\u201d (Siedlungen, Landsitze) und ein Aufruf, die \u201cweissen\u201d und kolonialistischen blinden Flecken der heutigen munizipalistischen Bewegung zu hinterfragen, runden die Ausgabe ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ausgabe Nr. 2 von \u201cHarbinger\u201d kann <a href=\"https:\/\/harbinger-journal.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a> komplett gelesen werden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:70px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\" id=\"b1\"><sup><a href=\"#a1\">1<\/a><\/sup> Harbinger Nr. 2, Blair Taylor: \u201cSocial Ecology, Racism, Colonialism and Identity: Assessing the Work of Murray Bookchin\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\" id=\"b2\"><sup><a href=\"#a2\">2<\/a><\/sup> Murray Bookchin, Dave Foreman: Defending the Earth: A Dialogue Between Murray Bookchin and Dave Foreman, 1999, S. 23f.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\" id=\"b3\"><sup><a href=\"#a3\">3<\/a><\/sup> Blair Taylor stellt ausserdem eine Forsetzung seines Essays in Aussicht, die eine auf Sozialer \u00d6kologie beruhende Theorie des Rassismus umreissen wird. (Anmerkung: Der Essay in &#8222;Harbinger&#8220; Nr. 2 ist sehr detailliert und kann hier nur ansatzweise skizziert werden.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\" id=\"b4\"><sup><a href=\"#a4\">4<\/a><\/sup> Abolitionismus im Sinn von \u201cpolice abolition movement\u201d (zu unterscheiden von Abolitionismus als Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei) ist eine politische Bewegung, die Polizei durch andere Systeme der \u00f6ffentlichen Sicherheit ersetzen will.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgabe Nr. 2 von \u201cHarbinger: a Journal of Social Ecology\u201d ist dem Thema Rassismus und Kolonialismus gewidmet. Soziale \u00d6kologie kritisiert seit jeher \u201cRasse\u201d als ein hierarchisches System. Doch die Autor*innen betonen, dass diese Analyse weiter vertieft werden muss. 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