{"id":560,"date":"2023-03-15T23:39:29","date_gmt":"2023-03-15T22:39:29","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkkommunalismus.wordpress.com\/?p=560"},"modified":"2023-03-15T23:39:29","modified_gmt":"2023-03-15T22:39:29","slug":"glitzer-im-kohlestaub","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=560","title":{"rendered":"Glitzer im Kohlestaub"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;Glitzer im Kohlestaub&#8220; ist ein n\u00fctzliches Buch f\u00fcr alle Klimaaktivist*innen und Sympathisant*innen der Klimagerechtigkeitsbewegung. In kurzen Kapiteln, die kreuz und quer gelesen werden k\u00f6nnen, erz\u00e4hlt es von Camps und Besetzungen wie z. B. im Hambacher Forst und bringt Themen wie Aktionsformen, Pressearbeit oder Antirassismus auf den Punkt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Herausgeber*innen, das Kollektiv &#8222;Zucker im Tank&#8220;, betonen bereits am Anfang des Buches, wie zentral der Kolonialismus f\u00fcr die Klimakrise ist. Mit dem Aufkommen des imperialen Wirtschafts- und Machtsystems hat der Prozess begonnen, der dazu f\u00fchrt, dass heute nicht nur das \u00dcberleben der Menschheit gef\u00e4hrdet ist, sondern auch dazu, dass die negativen Auswirkungen der Kimaerw\u00e4rmung extrem ungleich verteilt sind. Genauso alt ist jedoch der Widerstand. Auf jeder der \u00fcber 400 Seiten f\u00fchrt das Buch deshalb unten am Rand ein Beispiel des antikolonialen Widerstands von 1564 bis heute auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Themenkomplex Kolonialismus\/Rassismus\/<em>weiss*<\/em>-Sein zieht sich weiter, etwa in Form der ern\u00fcchternden Feststellung, dass rassistisches Verhalten leider auch in der Klimabewegung verankert sind, wie das Beispiel von Fridays for Future in Deutschland zeigt. Auch die Medien reproduzieren diese Muster, indem sie oft BIPoC als Interviewpartner*innen ablehnen, was Klimaorgas vor das Dilemma stellt, ob sie diese Muster durchbrechen oder ob sie in den Medien vertreten sein wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Kapitel sind dem Ableismus oder der psychologischen Gesundheit im Aktivismus gewidmet. Die Autor*innen legen Wert auf eine intersektionale Betrachtungsweise, was sich auch darin widerspiegelt, dass sie Content Notes anbringen, wenn ein Kapitel beispielsweise Schilderungen von Polizeigewalt und Erfahrungen mit erkennungsdienstlichen Massnahmen (ED) enth\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Praktischerweise kann jedes Kapitel, je nach Interesse, f\u00fcr sich gelesen werden, wodurch das Buch zu einem n\u00fctzlichen Nachschlagewerk f\u00fcr eine Vielfalt von Themenbereichen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Camps und Besetzungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Grundger\u00fcst bilden die Storys der Klimaaktionen, Camps, Besetzungen und Bewegungen der letzten 10, 15 Jahre, haupts\u00e4chlich im Norden und Westen von Deutschland. Es wird beschrieben, wie die Klimacamps von England nach Deutschland kamen. Die ersten Camps in England konnten an eine Tradition aus den 1990ern anschliessen, als sich Widerstand gegen die Strassenbaupl\u00e4ne in der Thatcher-\u00c4ra bildeten. Viele der heutigen Aktions- und Blockadetechniken wurden aus diesen Erfahrungen \u00fcbernommen. 2010 wurde dann das erste Klimacamp im Rheinland organisiert. Das Buch wirft ausserdem einen Blick auf die vorangehende Umweltbewegung in der DDR.<\/p>\n\n\n\n<p>Spannend wirds dann, wenn beispielsweise eine aktivistische Person in der Ich-Perspektive von der R\u00e4umung des sechs Meter tiefen Tunnelsystems im Hambacher Forst erz\u00e4hlt. Interessant ist auch, wie die Entstehung von Fridays for Future mit der basisdemokratischen Organisationsform und den autonomen Ortsgruppen ausgebreitet wird. Nebenbei erhalten die Leser*innen Praxistipps f\u00fcr den Umgang mit Medien, Parteien und anderen Orgas.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Interview schildern Aktivist*innen, wie der Alltag am Rand der Kohlegrube im widerst\u00e4ndigen Dorf L\u00fctzerath aussah (das leider wenige Monate nach Erscheinen des Buches ger\u00e4umt wurde). Die Menschen dort h\u00e4tten versucht, die &#8222;Utopie einer Gesellschaft ohne Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung&#8220; vorzuleben und zu zeigen, dass ein &#8222;gutes Leben f\u00fcr alle&#8220; m\u00f6glich sei. Eine solidarische Landwirtschaft sei aufgebaut worden, es seien dauerhafte Wohngemeinschaften entstanden und der Wille zum Widerstand sei sp\u00fcrbar gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Viele Aktionsformen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wertvoll sind die eingestreuten theoretischen Exkurse, zu Themen wie \u201cMit der Presse sprechen\u201d oder zu direkter Aktion und zivilem Ungehorsam. Ein Kapitel er\u00f6rtert relativ umfassend das Thema Gewalt versus Gewaltlosigkeit und legt verschiedene Aspekte dar. Die Autor*innen stellen sich eher auf den Standpunkt, dass der Gewaltbegriff als Herrschaftsinstrument verstanden werden sollte. Gewaltfreiheit und die Einteilung in \u201cgute\u201d und \u201cschlechte\u201d Aktivist*innen sei unter Umst\u00e4nden eine sehr eurozentrische Position. Das Fazit geht in die Richtung, dass sich Aktivist*innen \u2013 mit solidarischem Blick \u00fcber den Tellerrand \u2013 gegen Spaltungsversuche wehren sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein konkretes Beispiel f\u00fcr eine solche solidarische Kritik gibt das Kapitel \u00fcber Extinction Rebellion. Diese Organisation erm\u00f6gliche zwar einen niederschwelligen Einstieg in den Aktivismus (was gut ist), aber sie habe auch ihre problematischen Seiten (ohne dass sie deshalb als Ganzes abgelehnt werden muss). Die Hauptkritik lautet, dass XR radikale Aktionsformen anwendet, ohne radikale Inhalte zu vermitteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Klare Worte findet das Buch zu Scheinl\u00f6sungen f\u00fcr die Klimakrise, etwa zu &#8222;Br\u00fcckentechnologien&#8220; wie LNG (Fl\u00fcssiggas) oder zu CDR (technische L\u00f6sungen zur CO<sub>2<\/sub>-Entnahme aus der Atmosph\u00e4re). Zu CO<sub>2<\/sub>-Kompensationen wird angemerkt, dass es \u2013 neben gruns\u00e4tzlicher Kritik am tats\u00e4chlichem Nutzen \u2013 den Menschen im globalen Norden nicht zusteht, Land in anderen Teilen der Welt f\u00fcr den Ausgleich des eigenen \u00dcberflusses zu beanspruchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine wirkliche L\u00f6sung kommt nicht um eine neue Wirtschaftsweise herum, die Grundbed\u00fcrfnisse erf\u00fcllt, statt von Profit und Wachstumszwang getrieben zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Commons, Organisierung, Gemeinschaft weben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Kapitel \u00fcber die Commons stellt sich klar gegen Reformismus und Staat und \u00f6ffnet revolution\u00e4re Perspektiven, wie eine zuk\u00fcnftige, klimafreundliche Gesellschaft erreicht werden k\u00f6nnte: \u201cWir brauchen daher starke soziale Bewegungen, die den \u00f6ffentlichen Diskurs und das Krisenbewusstsein beeinflussen k\u00f6nnen, die Menschen Angebote machen, sich zu organisieren, Commons zu bilden und sich f\u00fcr eine andere Gesellschaft einzusetzen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kapitel &#8222;Anarchie in Aktivismus und Alltag&#8220; stellt klar, dass anarchistische Organisierung nicht erst in der \u201cgrossen Revolution\u201d entstehen wird, sondern dass es darum geht, einen anarchistischen Umgang schon jetzt im Kleinen zu erproben: mit Bezugsgruppen, im Bereich der reproduktiven Arbeit, im Umgang mit Geschlecht usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu passt auch der R\u00fcckblick auf den Besuch der Zapatistas in Berlin im Jahr 2021. Die Autor*innen nehmen unter anderem die Anregung mit, sich aus der Vielfalt heraus zu organisieren, den Aktivismus zu territorialisieren und zu humanisieren, also sich Zeit nehmen, Gemeinschaft zu weben, auch mit den sch\u00f6nen Momenten wie Essen und Tanzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den erw\u00e4hnten Kapiteln ist die Liste der Themen noch lange nicht fertig. Auf den \u00fcber 400 Seiten gibt es jedesmal, wenn mensch das Buch zur Hand nimmt, viel zu entdecken \u2013 direkt aus der Praxis und aus erster Hand.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/glitz.jpg?w=336\" alt=\"\" class=\"wp-image-562\" width=\"142\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/glitz.jpg 336w, https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/glitz-202x300.jpg 202w\" sizes=\"auto, (max-width: 142px) 100vw, 142px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Zucker im Tank (Hg.): Glitzer im Kohlestaub \u2013 <em>Vom Kampf um Klimagerechtigkeit und Autonomie<\/em>, Assoziation A, Berlin\/Hamburg, 2022<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.assoziation-a.de\/buch\/Glitzer_im_Kohlestaub\" target=\"_blank\">Buchbeschrieb<\/a> des Verlags Assoziation A<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Weitere Infos zum Herausgeber*innenkollektiv: <a href=\"https:\/\/www.zuckerimtank.net\/language\/de\/home-de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">zuckerimtank.net<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Glitzer im Kohlestaub&#8220; ist ein n\u00fctzliches Buch f\u00fcr alle Klimaaktivist*innen und Sympathisant*innen der Klimagerechtigkeitsbewegung. 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