{"id":587,"date":"2023-05-27T12:34:48","date_gmt":"2023-05-27T10:34:48","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkkommunalismus.wordpress.com\/?p=587"},"modified":"2023-05-27T12:34:48","modified_gmt":"2023-05-27T10:34:48","slug":"aus-der-komfortzone-kommen-und-ohne-kapitalismus-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=587","title":{"rendered":"Aus der Komfortzone kommen und ohne Kapitalismus leben"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Das Netzwerk RESC verbindet gleichgesinnte Kollektive, Landwirtschaftskooperativen, Volksversammlungen, Bildungsgruppen und weitere Gruppen in Frankreich. Das Ziel: Alternativen aufbauen, um eine postkapitalistische Gesellschaft bereits im Jetzt zu leben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt bereits viele Beispiele f\u00fcr kommunalistische Kultur und Praxis \u2013 sie miteinander zu vernetzen, ist die Absicht des R\u00e9seau \u00c9cologie Sociale et Communalisme (Netzwerk Soziale \u00d6kologie und Kommunalismus, RESC) in Frankreich. In ihrem Grundlagentext (\u201c<a href=\"https:\/\/www.ecologiesociale.ch\/appel-du-reseau-esc\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">feuille de route<\/a>\u201d) rufen sie alle Gruppen, in ihren jeweiligen Territorien, dazu auf sich zu konf\u00f6derieren.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"1o\">Rund zehn Gruppen haben sich bereits zusammengeschlossen, darunter Einwohner*innen-Initiativen, Versammlungen<sup><a href=\"#1u\">1<\/a><\/sup>, Landwirtschafts- oder Bildungsprojekte. Der Aufruf zur Vernetzung richtet sich auch an antipatriarchale Organisationen, an migrantische Solidarit\u00e4tsguppen oder an die ZAD-Bewegung. Die bei RESC beteiligten Kollektive und Personen treffen sich regelm\u00e4ssig, so steht als n\u00e4chstes im Mai eine dreit\u00e4gige Zusammenkunft mit Workshops, Vortr\u00e4gen und kulturellem Programm an. Im Juli wird das RESC zudem am <a href=\"https:\/\/anarchy2023.org\/en\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">libert\u00e4ren Treffen in St. Imier<\/a> (Schweiz) mitwirken. <\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Hauptachsen, mit denen sich das RESC besch\u00e4ftigt, sind:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Autonomie (Produktion, Verteilung, Tausch, Geld)<\/li>\n\n\n\n<li>Wiederaneignung der Commons<\/li>\n\n\n\n<li>popul\u00e4re Bildung, politische Gegenmacht, konkrete Alternativen<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Netzwerk in veschiedenen Regionen aktiv<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben mit R\u00e9my vom RESC gesprochen, der uns etwas genauer erz\u00e4hlt, was es mit dem Netzwerk auf sich hat.<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00e9my nennt zwei Initialz\u00fcndungen, die zur Bildung des RESC gef\u00fchrt haben. Zum einen wurde vor einigen Jahren ein Institut f\u00fcr Soziale \u00d6kologie und Kommunalismus (Institut d\u2019 \u00e9cologie sociale et communalisme) gegr\u00fcndet, das ein grosses Treffen in Lyon veranstaltete. Laut R\u00e9my haben es einen eher intellektuellen Charakter gehabt und sei weit weg vom Konkreten gewesen. Inzwischen hat es sich aufgel\u00f6st. Zum anderen pr\u00e4sentierte der Autor Flor\u00e9al Rom\u00e9ro sein Buch \u201c<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.editionsducommun.org\/products\/agir-ici-et-maintenant-floreal-m-romero\" target=\"_blank\">Agir ici et maintenant<\/a>\u201d (\u201cHier und jetzt handeln\u201d, eine Auseinandersetzung mit den Theorien von Murray Bookchin, <a href=\"https:\/\/www.fnac.com\/a13707008\/Floreal-Romero-Agir-ici-et-maintenant\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">16 \u20ac<\/a>) auf einer kleinen Buchtour.<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00e9my arbeitete damals in der Bourgogne, wo er einen libert\u00e4ren Buchsalon f\u00fchrte. Seine Aktivit\u00e4ten h\u00e4tten ihn aber nicht befriedigt: Es habe sich alles um Gegenmacht gedreht, aber was ihm gefehlt habe, sei das konstruktive Moment gewesen. Dann sei er auf Flor\u00e9al Rom\u00e9ro gestossen, der sehr strukturiert aufzeige, wie ein Postkapitalismus im Jetzt konstruiert werden k\u00f6nnte, ohne zu warten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Buchtour begegneten sich verschiedene Leute, die \u00e4hnliche Ideen hatten und eine lokale \u00d6konomie aufbauen wollten. So entstand die Idee, ein Netzwerk zu bilden. Die beteiligten Gruppen kommen aus unterschiedlichen Regionen von Frankreich, haupts\u00e4chlich aus den Regionen C\u00e9vennes, Avergne, Ard\u00e8che, Pyr\u00e9n\u00e9es, Massif Central, aber auch aus der Bretagne und dem Nordwesten. Ein paar Mal hat sich das RESC bereits getroffen, jeweils mit 30 bis 40 Personen, die an den Diskussionen teilnahmen, jede*r als Vertreter*in ihrer lokalen Kollektive, Kooperativen, Feminismus-, Landwirtschafts- oder Bildungs-Initiativen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am erstes Treffen wurde der erw\u00e4hnte Text \u201cfeuille de route\u201d konsensbasiert erarbeitet und im letzten Oktober bildeten sich Arbeitsgruppen, beispielsweise zu Autonomie oder Commons.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bildung, Gegenmacht und Alternativen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Neben Autonomie und Gegenmacht ist der dritte Grundpfeiler, wie oben erw\u00e4hnt, wiederum in drei Bereiche geteilt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. Popul\u00e4re Bildung.<\/strong> Hier geht es darum, \u00fcber Themen, die in der Luft schweben, zu diskutieren. Bildung soll den Menschen zu erm\u00f6glichen, sich mittels Reflexion zu bereichern; sie will ihnen Tools und Kenntnisse \u00fcber Ursachen geben. Sie regt an, dar\u00fcber nachzudenken, wo wir uns in der globalen und historischen Situation befinden; welche Beziehung wir zur repr\u00e4sentativen Demokratie haben; welche gesellschaftlichen \u00c4nderungen wir vorschlagen. Dazu geh\u00f6ren auch Gespr\u00e4chs\u00fcbungen gemacht, bei denen alle die Gelegenheit haben, sich auszudr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Antikapitalistische Gegenmacht <\/strong>(\u201crapport de force\u201d) aufbauen. R\u00e9my gibt zwar zu, dass er nach Jahren des Aktivismus m\u00fcde ist von vielen Demonstrationen, die wenig Erfolg brachten. Trotzdem sieht er grosses Potenzial in widerst\u00e4ndischen Bewegungen wie beispielsweise die Bewegung \u201cSoul\u00e8vements de la Terre\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Alternativen<\/strong> auf dem eigenen Terrain konstruieren. Das k\u00f6nnen beispielsweise Wohnungskollektive oder Produktionskooperativen sein. R\u00e9my sieht in ihnen ein \u201cgesellschaftliches Labor\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rolle des RESC ist es, die Tools der popul\u00e4ren Bildung, die Bewegungen (wie die \u201cSoul\u00e8vements de la Terre\u201d) oder landwirtschaftliche Bewegungen) und die Alternativen miteinander zu verbinden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Experimentieren statt fertige L\u00f6sungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Pers\u00f6nlich hat R\u00e9my das Gl\u00fcck, in einer Kommune zu leben, die bereits eine sehr konkrete Praxis hat. Wenn Besucher*innen kommen, beobachtet er oft, dass sie den Wunsch haben, ihr Leben zu ver\u00e4ndern, und darauf warten, dass ihnen eine L\u00f6sung pr\u00e4sentiert wird. Er mache ihnen dann jeweils klar, dass die L\u00f6sung, die er zusammen mit seinen Bezugspersonen gefunden habe, nicht auch zwingen f\u00fcr sie passen m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch \u201clibert\u00e4re\u201d Personen h\u00e4tten viele Reflexe verinnerlicht, die aus der kapitalistischen Kultur stammen, f\u00fcgt R\u00e9my hinzu. Gr\u00f6ssere Schritte zu gehen, beispielsweise auch Materielles zu teilen, sei noch eine hohe H\u00fcrde f\u00fcr viele. Anstatt fertige L\u00f6sungen zu pr\u00e4sentieren, bevorzugt er \u201c\u00dcbungen\u201d und ein \u201cimaginatives Umherschweifen\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Traum ist es, diese Experimente in eine andere Gr\u00f6ssenordnung zu skalieren: Wenn es nicht nur 20\u2019000 landwirtschaftliche Kleinbetriebe g\u00e4be, sondern eine Million, dann k\u00f6nnten sie, als Konf\u00f6deration, zu einer Kraft werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zurzeit ist das RESC erst im Aufbau und es begreift sich wirklich als ein Netzwerk, das Verbindungen zwischen Gruppen herstellt. Viele der beteiligten Aktivist*innen seien im Bereich Soziale \u00d6kologie oder Kommunalismus t\u00e4tig, auch wenn sie sich nicht auf Bookchin bez\u00f6gen, erkl\u00e4rt R\u00e9my.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Website hat das RESC noch nicht, aber es ist geplant, dass Inhalte auf <a href=\"https:\/\/www.ecologiesociale.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ecologiesociale.ch<\/a> hochgeladen werden (eine Website in der franz\u00f6sischsprachigen Schweiz mit Informationen \u00fcber Soziale \u00d6kologie), wo auch schon der Text \u201cfeuille de route\u201d zu finden ist. Ausserdem gibt das RESC eine zweiseitige Wandzeitung heraus, die an verschiedenen Orten ver\u00f6ffentlicht wird, beispielsweise am \u00f6ffentlichen Aushang von Gemeindeh\u00e4usern. Eine Arbeitsgruppe schreibt jeweils einen politischen Text f\u00fcr die erste Seite, auf der zweiten Seite berichten die lokalen Kollektive von ihren Aktualit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Was sagen eigentlich die B\u00fcrgermeister (\u201cmaires\u201d) in den Gemeinden zu den Aktivit\u00e4ten von RESC? Manche sind \u00fcberhaupt nicht interessiert, sagt R\u00e9my, w\u00e4hrend andere froh seien, dass es in der Region engagierte Kollektive gebe. Neben der Landwirtschaft und der lokalen \u00d6konomie nennt R\u00e9my ein weiteren wichtigen Bereich, um mehr Leute zu erreichen: eine kulturelle Agenda mit Theater, Konzerten usw.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kapitalismus bek\u00e4mpfen, Alternativen aufbauen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend meint R\u00e9my, dass es schon sehr viele Leute, die sehr gute Arbeit im Sinn der Sozialen \u00d6kologie leisten w\u00fcrden. Aber was sie machen, sei noch nicht genug. Es brauche den Willen, noch einen Schritt weiter zu gehen, das Gereifte noch reifer zu machen (\u201cde maturiser le mature\u201d): \u201cWir m\u00fcssen wirklich aus der Komfortzone kommen und ohne Kapitalismus leben.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Das RESC gehe diesen Weg auf zwei Beinen: einerseits den Kapitalismus bek\u00e4mpfen, andererseits Alternativen konstruieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das braucht alles Zeit, ist sich R\u00e9my bewusst. Es sollte nichts \u00fcberst\u00fcrzt werden: Von Tal zu Tal, von Kollektiv zu Kollektiv m\u00fcssten alle ihren richtigen Rhythmus finden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><em>Bild: Bastien Sens-M\u00e9y\u00e9, Cascade au centre du village de Florac (cropped) <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/\" target=\"_blank\">CC BY-SA 4.0<\/a> <\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Infos auf Englisch und Franz\u00f6sisch: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/observatoiresituationniste.com\/2022\/05\/21\/roadmap-for-the-social-ecology-and-communalism-sec-network-feuille-de-route-du-reseau-ecologie-sociale-et-communalisme\/\" target=\"_blank\">Roadmap for the Social Ecology and Communalism (SEC) Network\/FEUILLE DE ROUTE DU R\u00c9SEAU Ecologie Sociale et Communalisme<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:51px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\" id=\"1u\"><sup><a href=\"#1o\">1<\/a><\/sup> Beispielsweise in der Gemeinde Florac in den C\u00e9vennes gibt es eine st\u00e4ndige Versammlung der Einwohner*innen (\u201cassembl\u00e9e permanente\u201d).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Netzwerk RESC verbindet gleichgesinnte Kollektive, Landwirtschaftskooperativen, Volksversammlungen, Bildungsgruppen und weitere Gruppen in Frankreich. 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