{"id":598,"date":"2023-06-27T23:44:24","date_gmt":"2023-06-27T21:44:24","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkkommunalismus.wordpress.com\/?p=598"},"modified":"2023-06-27T23:44:24","modified_gmt":"2023-06-27T21:44:24","slug":"wenn-der-stoffdurchsatz-ins-unermessliche-steigt-ein-buch-uber-metabolismus-und-kapital","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=598","title":{"rendered":"Wenn der Stoffdurchsatz ins Unermessliche steigt: ein Buch \u00fcber Metabolismus und Kapital"},"content":{"rendered":"\n<p><em>\u00c9ric Pineault liefert in \u201cA Social Ecology of Capital\u201d (2023) einleuchtende Argumente f\u00fcr Degrowth und gegen \u00d6komodernismus. Er beschreibt, wie materielle Fl\u00fcsse durch den Kapitalismus strukturiert werden und zwangsl\u00e4ufig zu einem gigantischen Durchsatz f\u00fchren, der die Stabilit\u00e4t des Planeten infrage stellt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sagte Bookchin, dass alle \u00f6kologischen Probleme soziale Probleme sind, so beschreibt Pineault, wie dieser Zusammenhang genau funktioniert. Es geht ihm weniger um das Was, sondern um das Wie. Denn er stellt selber fest, dass seine Grundannahmen unbestritten sind: Seit der \u201cGrossen Beschleunigung\u201d (\u201cGreat Acceleration\u201d) ab den 1950er Jahren wird weltweit ein exponentiell wachsendes Mass an Materie und Energie umgesetzt, sodass der Planet und seine \u00d6kosysteme instabil zu werden drohen. Das betrifft insbesondere den Ausstoss an Treibhausgasen. Die Welt steuert angesichts einer Erderw\u00e4rmung um 2 bis 4,5 Grad auf eine Hothouse-Phase zu, in der grosse Gebiete nicht mehr bewohnbar sein werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind gesellschaftliche Strukturen und Praktiken, die uns so weit gebracht haben. \u00c9ric Pineault erkl\u00e4rt im Detail, wie diese verh\u00e4ngnisvolle Entwicklung als spezifisches Problem des Kapitalismus verstanden werden kann. Es geht nicht nur um Wachstum (growth), sondern um den Zwang zum Wachstum, zur Akkumulation, zur \u00dcberproduktion und zum \u00dcberkonsum (die alle miteinander verlinkt sind).<\/p>\n\n\n\n<p>In der Wiener Tradition der Sozialen \u00d6kologie verankert, befasst sich Pineault mit Stofffl\u00fcssen, mit dem Metabolismus, der Gesellschaft, Wirtschaft und Natur umfasst. Mit der Werttheorie von Marx, \u00f6kosozialistischen Theorien (John Bellamy Foster u. a.) und dem Treadmill-Konzept (Allan Schnaiberg) zeigt er, dass kapitalistische Zw\u00e4nge in diese Strukturen eingeschrieben sind. Im Unterschied zur Metabolic-Rift-Theorie stellt er nicht so sehr den Riss zwischen Gesellschaft und Natur in den Vordergrund, sondern die Mechanismen, die Stoff- und Energiefl\u00fcsse steuern und zu Treibern des unendlichen Wachstums, zu Treibern der Grossen Beschleunigung werden. Wie der Buchtitel verspricht, entwirft Pineault die Grundz\u00fcge einer Sozialen \u00d6kologie des Kapitalismus. Den Gesellschaft-Natur-Kapitalismus-Zusammenhang versteht er als eine soziale und \u00f6kologische Formation, als Metabolismus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Durchsatz statt BIP<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00c9ric Pineault beschreibt, wie \u00f6konomische Beziehungen als ein \u201cAkkumulationsregime\u201d institutionalisiert werden. Dieses Regime reproduziert die organisierend t\u00e4tige Kraft des Kapitals stets aufs Neue. Dabei wird Kapital in Form von materiellem \u201cStock\u201d akkumuliert (das englische Wort \u201cstock\u201d bedeutet sowohl Kapital als auch Lagerbestand), also von Artefakten wie Maschinen, Bauten und Produktebest\u00e4nden. Diese immer zunehmende Akkumulation wiederum zieht einen immer weiter beschleunigten Stoffdurchsatz nach sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Durchsatz ist laut Pineault die geeignetere Gr\u00f6sse, um Umweltauswirkungen zu messen, als das Bruttoinlandprodukt (BIP bzw. auf englisch GDP). Im Fokus steht ein biophysisches Ph\u00e4nomen, nicht bloss ein \u00f6konomischer Prozess.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit vielen Diagrammen erl\u00e4utert er, wie dieses Modell funktioniert. Er verfolgt das Fliessen von nat\u00fcrlichen Rohstoffen von der Extraktion \u00fcber ihre Inwertsetzung durch Arbeit (Produktion), die Realisierung (Konsumation) bis zur Dissipation, also zur Entsorgung. An allen diesen Punkten wird Kapital akkumuliert \u2013 und dieser Akkumulation wird alles andere untergeordnet. Nicht aus \u201cGier\u201d, sondern aufgrund von Systemzw\u00e4ngen. Und mit besonders aggressiver Wucht in Zeiten des \u201cfossil-industriellen metabolischen Regimes\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eingesperrt in fossile Zw\u00e4nge<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Zw\u00e4nge schildert er mit einleuchtenden Beispielen. So beschreibt er, wie \u201cLock-ins\u201d entstehen, also der wirtschaftliche Zwang, sich auf bestimmte Technologien und Produktionsmittel und -methoden festzulegen, aus denen die Wirtschaft kaum noch herausfindet. Besonders folgenschwer sind diese Lock-ins im Bereich der fossilen Energiertr\u00e4ger.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kommt es zum Lock-in? Am Anfang steht der kapitalistische Konkurrenzkampf \u2013 ganz simpel. Jedes Unternehmen muss stetig wachsen, damit es von seinen Konkurrenten nicht aufgefressen wird. Doch die Mechanismen, die dabei ins Spiel gesetzt werden, sind komplex. Ein Unternehmen muss sich nicht nur behaupten, sondern versuchen, die Spielregeln zu seinen Gunsten zu \u00e4ndern, das heisst aktive Kontrolle \u00fcber seine Umgebung auszu\u00fcben. Je mehr ein Unternehmen w\u00e4chst, desto gr\u00f6sser wird diese Umgebung und desto mehr Kapital muss es in die Kontrolle stecken \u2013 deshalb die zunehmende Kapitalisierung allerorts: Arbeiter*innen werden entlassen, daf\u00fcr wird in Effizienz investiert. Diese Investitionen m\u00fcssen aber \u00fcber eine lange Zeit amortisiert werden, und das geht nur, wenn der Durchsatz quantitativ gesteigert wird (was immer zulasten der Natur ist). Wenn ein Unternehmen erst einmal so viel in seine Maschinen investiert hat, dann wird es sich nachher mit allen Mitteln dagegen werden, dass diese entwertet werden: Innovative Startups, die effizientere oder umweltschonendere Technologien anbieten k\u00f6nnten, werden aufgekauft, und Regulierungen werden mit Lobbying bek\u00e4mpft.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Konsumbereich nimmt das die Form der \u201cgeplanten Obsoleszenz\u201d an, also dass beispielsweise ein Smartphone so gebaut wird, damit es nach sp\u00e4testens zwei Jahren nicht mehr richtig funktioniert und die Konsument*innen ein neues kaufen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles l\u00e4uft auf Wachstum und Akkumulation heraus, die sich sowohl gegenseitig antreiben, als auch einander bedingen. Sie sind \u00fcberdies die Ursache von wachsenden Investitionen und \u00dcberkonsum, denn der \u00f6konomische \u00dcberschuss (\u201csurplus\u201d) muss zwangsl\u00e4ufig absorbiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Emanzipation ist m\u00f6glich: Degrowth<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Schlussfolgerungen aus all dem sind eigentlich banal und logisch: Technische L\u00f6sungen und \u00d6komodernismus gehen am Kern des Problems vorbei, gr\u00fcner Kapitalismus sowieso, es gibt also nur eins \u2013 den gigantischen Material- und Energiedurchsatz massiv reduzieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Argumente daf\u00fcr sind derart schlagend, das nach der Lekt\u00fcre kaum eine Alternative m\u00f6glich scheint. Jegliche Plausibilit\u00e4t des Gegenarguments, dass eine Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Durchsatz m\u00f6glich sein k\u00f6nnte, r\u00fcckt in weite Ferne.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die Wiener Version der Sozialen \u00d6kologie methodisch einen anderen Ansatz hat als Murray Bookchins \u201csocial ecology\u201d, teilen die beiden Richtungen neben dem Namen auch eine \u00e4hnliche Grundhaltung. \u00c9ric Pineault, der Sch\u00fcler beider Traditionen ist, f\u00fcgt sie in seinen eigenen Ausf\u00fchrungen m\u00fchelos ineinander. Von Bookchin, dessen Andenken er sein Buch widmet, \u00fcbernimmt er die utopische Hoffnung und die dialektische Herangehensweise. \u201c\u00c9ric, wir wissen noch nicht, was der Kapitalismus ist\u201d, sagte der Mentor in den 1990ern zu seinem Sch\u00fcler. Dass der Kapitalismus und unser Verst\u00e4ndnis davon gem\u00e4ss sozial-\u00f6kologischer Theorie keine fixe \u201cEssenz\u201d haben, sondern im Werden begriffen sind, gibt Anlass zu Hoffnung: Eine Gesellschaft ist m\u00f6glich, die jenseits von kapitalistischer Akkumulation und ihren zerst\u00f6rerischen \u00f6kologischen Beziehungen ist. In diesem Sinn sieht Pineault sein Buch als Beitrag an Bookchins Politik der Emanzipation, angetrieben von der dialektischen Spannung zwischen dem, \u201cwas ist\u201d und dem, \u201cwas sein k\u00f6nnte\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Um aus der Tretm\u00fchle des Wachstums auszubrechen, m\u00fcssen wir kapitalistisches Eigentum und kapitalistische Produktionsbeziehungen aufbrechen, aber auch das \u201cfixe Kapital\u201d in Form von fossiler Infrastruktur demontieren und die entsprechenden Lebens- und Arbeitsgewohnheiten ablegen. Unter den Ans\u00e4tzen f\u00fcr eine soziale Emanzipation erw\u00e4hnt \u00c9ric Pineault einen, der all diese Fragen am gr\u00fcndlichsten untersucht habe: Degrowth (inklusive Degrowth-orientierter \u00d6kosozialismus). W\u00e4hrend er es anderen \u00fcberlasse, Degrowth \u201czu pr\u00e4sentieren, debattieren und zu verteidigen\u201d, liefere die Soziale \u00d6kologie des Kapitalismus den Rahmen, um die Mechanismen, die es zu \u00fcberwinden gelte, kritisch zu analysieren.<\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.plutobooks.com\/9780745343778\/a-social-ecology-of-capital\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00c9ric Pineault: A Social Ecology of Capital, Pluto Press 2023<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/socecocap.jpg?w=406\" alt=\"\" class=\"wp-image-600\" width=\"229\" height=\"366\" srcset=\"https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/socecocap.jpg 406w, https:\/\/kommunalismus.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/socecocap-188x300.jpg 188w\" sizes=\"auto, (max-width: 229px) 100vw, 229px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00c9ric Pineault liefert in \u201cA Social Ecology of Capital\u201d (2023) einleuchtende Argumente f\u00fcr Degrowth und gegen \u00d6komodernismus. 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