{"id":796,"date":"2024-03-20T20:12:50","date_gmt":"2024-03-20T20:12:50","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=796"},"modified":"2024-06-11T21:59:32","modified_gmt":"2024-06-11T21:59:32","slug":"oeffentlicher-luxus-buchbesprechung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=796","title":{"rendered":"\u00d6ffentlicher Luxus"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\">(Buchbesprechung)<\/p>\n\n\n\n<p><em>In diesem schmalen Band steckt viel drin: Vergesellschaftung, Daseinsvorsorge f\u00fcr alle, demokratisches Entscheiden \u00fcber Wirtschaft und Land, Kritik des privaten Reichtums als Ausschluss von anderen Menschen, radikale F\u00fclle, konkrete Utopie. \u201e<a href=\"https:\/\/dietzberlin.de\/produkt\/oeffentlicher-luxus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00d6ffentlicher Luxus<\/a>\u201c gibt Ideen und Leitlinien f\u00fcr den aktuellen Vergesellschaftungs-Diskurs.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Utopie mag f\u00fcr viele kaum vorstellbar sein, aber eigentlich liegt sie ganz nah: eine kosten- und bedingungslose Grundversorgung f\u00fcr alle. Der Sammelband \u201e\u00d6ffentlicher Luxus\u201c, herausgegeben von <a href=\"https:\/\/communia.de\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/communia.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Communia<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.bundjugend.de\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.bundjugend.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">BUNDjugend<\/a>, l\u00e4sst greifbar werden, wie sch\u00f6n die Welt sein k\u00f6nnte, wenn sie nicht nach Marktlogik und Konkurrenz aufgebaut w\u00e4re. Wohnraum in den St\u00e4dten w\u00e4re wieder zug\u00e4nglich, weil Immobilien keine Geldanlagen mehr w\u00e4ren. Freizeitangebote wie Schwimmb\u00e4der oder Bibliotheken w\u00e4ren kostenlos und Einrichtungen des t\u00e4glichen Lebens, wie Kinderhorte, \u00f6ffentliche Kantinen, soziale Zentren usw. w\u00e4ren m\u00f6glichst in jedem Quartier vorhanden. Aufs Auto k\u00f6nnten die meisten verzichten, weil der \u00f6ffentliche Verkehr stark ausgebaut w\u00e4re. Sorgearbeit w\u00fcrde nicht mehr in profitorientierten Privatunternehmen oder als externalisierte, unbezahlte Arbeit geleistet, sondern kollektiv organisiert. Eine Polizei, die wie heute nur dazu dient, bestehende Machtverh\u00e4ltnisse aufrecht zu erhalten, w\u00e4re nicht mehr n\u00f6tig, und rassifizierte Menschen w\u00e4ren nicht st\u00e4ndig mit rassistischen Kontrollen konfrontiert. An die Stelle der uneingel\u00f6sten Versprechen des Kapitalismus tr\u00e4te eine effiziente und bed\u00fcrfnisorientierte Versorgung. Eva von Redecker bezeichnet diesen gesellschaftlichen Zustand in ihrem Kapitel als \u201eunverzichtbarer F\u00fclle\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Lesen des 160 Seiten umfassenden Buchs wird einem klar, dass die neoliberale Doktrin der letzten Jahrzehnte eine dreiste L\u00fcge war. Bahnfahren, Mieten oder Gesundheitsversorgung sind teurer geworden, w\u00e4hrend Investitionen in Unterhalt und Angebotsverbesserung abgenommen haben \u2013 das Geld floss direkt in die Taschen der Unternehmer*innen. Und nicht nur Geld, das von Kund*innen bezahlt wurde, sondern auch Steuergelder, also kollektiv erwirtschafteter Reichtum.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig sind es die wenigen Reichen und Superreichen, die am meisten Verantwortung f\u00fcr die Klimakrise tragen. In seinem Beitrag stellt der Journalist George Monbiot der privaten Suffizienz, die von uns allen erwartet wird, den \u00f6ffentlichen Luxus entgegen: Ja, um Resourcen zu schonen, m\u00fcssen wir uns auch individuell einschr\u00e4nken \u2013 aber wir sollten alle genug haben. Ein Mehr-als-genug hingegen ist sch\u00e4dlich. Privater Luxus \u2013 das wird einem beim Lesen bewusst \u2013 ist nicht nur eine L\u00fcge des Kapitalismus (da gar nicht f\u00fcr alle erreichbar), sondern ein bewusster Ausschluss anderer Menschen. Eigentum ist exklusiv. \u00d6ffentlicher Luxus hingegen bedeutet Wohlstand f\u00fcr alle. Monbiot fordert deshalb eine Obergrenze f\u00fcr Reichtum.<\/p>\n\n\n\n<p>Womit auch die Eigentumsfrage gestellt ist. \u00d6ffentlicher Luxus bedeutet demnach Vergesellschaftung. Eng damit verbunden ist das Verh\u00e4ltnis der Gesellschaft zu Land und Natur: Geh\u00f6rt der Boden Einzelnen oder wird er gemeinsam genutzt? Das Kapitel von Communia geht diesbez\u00fcglich unter anderem auf die Initiative \u201eDeutsche Wohnen &amp; Co. enteignen\u201c ein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Demokratisch entscheiden, wie wir wirtschaften<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch betont ferner die demokratische Planung: \u00dcber Daseinsvorsorge m\u00fcsste demokratisch entschieden werden, aber auch \u00fcber manche wirtschaftlichen Sektoren wie Energie und Wasser. Klimasch\u00e4dliche Produktionsbetriebe m\u00fcssten umgestaltet werden \u2013 demokratisch und im Sinn einer \u201ejust transition\u201c, sodass Klimaschutz und Arbeitsk\u00e4mpfe kein Widerspruch mehr sein m\u00fcssen. Astrid Sch\u00f6ggl beschreibt, wie eine Gewerkschaftsbewegung f\u00fcr \u00d6ffentlichen Luxus denkbar w\u00e4re und wo momentan die Schwierigkeiten liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Beitr\u00e4ge schaffen den Bezug zu Klimak\u00e4mpfen und Klimagerechtigkeit (BUNDjugend), Rassismus (Simin Jawabreh), Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft (Anne Klingenmeier\/Gesine Langlotz). Barbara Fried und Alex Wischnewski reden \u00fcber Vergesellschaftung aus feministischer Sicht und zeigen M\u00f6glichkeiten in der Kommunalpolitik, auf eine \u201eSorgende Stadt\u201c (etwa in Anlehnung an die \u201esorgenden Superblocks\u201c in Barcelona) hinzuwirken. Im Einstiegskapitel schliesslich spricht Nancy Frazer von demokratischer Wirtschaft als Wiederaneignung des kollektiven Reichtums.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Passagen in dem Buch erinnern \u00fcbrigens an die Utopien, die Murray Bookchin bereits in den 1960er-Jahren beschrieben hat, unter anderem mit seinem Konzept der <a href=\"https:\/\/theanarchistlibrary.org\/library\/murray-bookchin-post-scarcity-anarchism-book\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Post-Knappheit<\/a>. Ein erneutes Lesen seiner Werke k\u00f6nnte f\u00fcr die Vergesellschaftungs-Bewegung \u2013 die gerade eine riesigen Aufschwung erlebt, wie B\u00fccher wie \u201e\u00d6ffentlicher Luxus\u201c oder die k\u00fcrzliche <a href=\"https:\/\/vergesellschaftungskonferenz.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Vergesellschaftungs-Konferenz<\/a> zeigen \u2013 sehr wertvoll sein. Die Gesellschaft kommunalistisch und konf\u00f6deralistisch mit Versammlungen und R\u00e4ten zu organisieren, ist Bookchins Vorschlag, wie die Demokratisierung, die im Buch immer wieder gefordert wird, konkret umgesetzt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>communia &amp; BUNDjugend (Hrsg.): <a href=\"https:\/\/dietzberlin.de\/produkt\/oeffentlicher-luxus\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/dietzberlin.de\/produkt\/oeffentlicher-luxus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00d6ffentlicher Luxus, Karl Dietz Verlag Berlin, 2023<\/a><\/em><br><\/p>\n\n\n\n<p><em>Themenschwerpunkt in der WOZ:<br><a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/2401\/oeffentlicher-luxus\/das-vorgluehen-der-zukunft\/!9VJCQDF859KE\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.woz.ch\/2401\/oeffentlicher-luxus\/das-vorgluehen-der-zukunft\/!9VJCQDF859KE<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Buchbesprechung) In diesem schmalen Band steckt viel drin: Vergesellschaftung, Daseinsvorsorge f\u00fcr alle, demokratisches Entscheiden \u00fcber Wirtschaft und Land, Kritik des privaten Reichtums als Ausschluss von anderen Menschen, radikale F\u00fclle, konkrete Utopie. \u201e\u00d6ffentlicher Luxus\u201c gibt Ideen und Leitlinien f\u00fcr den aktuellen Vergesellschaftungs-Diskurs. 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