{"id":939,"date":"2024-07-22T14:29:22","date_gmt":"2024-07-22T14:29:22","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=939"},"modified":"2024-07-22T14:29:22","modified_gmt":"2024-07-22T14:29:22","slug":"nachbarschaft-organisieren-lokale-macht-aufbauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommunalismus.org\/?p=939","title":{"rendered":"Nachbarschaft organisieren, lokale Macht aufbauen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Organizing-Methoden sind hilfreich, damit sich eine Nachbarschaft kollektiv selbsterm\u00e4chtigen kann. Das geht nur \u00fcber echte Beziehungen und mit Bezug zu aktuellen, konkreten Problemen vor Ort \u2013 aber mit den dahinterliegenden systemischen Problemen im Blickfeld. Der Workshop \u201eBuilding Power in Place\u201c am diesj\u00e4hrigen ISE-Sommerintensivkurs h\u00e4lt einige Erkenntnisse bereit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir m\u00fcssen aus unseren Bubbles ausbrechen, denn alleine werden wir die Revolution nicht schaffen \u2013 it\u2019s not going to happen!\u201c Die Workshop-Co-Leiterin hat einen besseren Vorschlag: \u201eWir m\u00fcssen die Leute erreichen, die unseren Wunsch nach gesellschaftlicher Transformation teilen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Workshop <em>Building Power in Place<\/em><a href=\"#sdendnote1sym\" id=\"sdendnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> (dt. \u201eMacht an einem Ort aufbauen\u201c bzw. \u201eortsbasierte Macht aufbauen\u201c) war eines der Angebote am Sommerintensivkurs des Institute for Social Ecology (ISE), der dieses Jahr auf in Bellingham im Bundesstaat Washington stattfand. Eine Woche lang ging es bei sommerlichen Temperaturen um Klimakrise und soziale \u00d6kologie. Neben Theorie und Diskussionen stand vor allem die Praxisanwendung im Vordergrund, so wurden etwa eine Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4ts-Initiative und die Agrarkooperative Tierra y Libertad besucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Stichwort Theorie und Praxis: Ein Problem von vielen sozial\u00f6kologischen, kommunalistischen Projekten ist, dass sie unmittelbar mit der Schaffung von Volksversammlungen einsteigen wollen, anstatt bei konkreten Problemen anzusetzen, wie der Workshop-Co-Leiter meinte. \u201eWenn ihr schon beim ersten Haust\u00fcrgespr\u00e4ch soziale \u00d6kologie erw\u00e4hnt, kann das zu Skepsis f\u00fchren\u201c, hielt er fest. Anstatt zu stark auf Theorie zu fokussieren (z. B. auf basisdemokratischen Versammlungen), sei es am Anfang besser, aufzuzeigen, wie sozial\u00f6kologisches Organizing der Nachbarschaft konkret und materiell n\u00fctzen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>In der anschliessenden Gruppendiskussion kamen zahlreiche Ansatzpunkte f\u00fcr konkrete lokale Probleme und L\u00f6sungen zusammen: das Fehlen von Nachbarschaftsbeziehungen, zu wenige Parks, zu wenige Spazierwege (ein h\u00e4ufiges Problem in US-St\u00e4dten), keine Lokalzeitung, Polizeipr\u00e4senz versus abolitionistische<a href=\"#sdendnote2sym\" id=\"sdendnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a> Nachbarschafts-Wache, mehr Stationen mit Hundekot-S\u00e4ckchen, Schlagl\u00f6cher in den Strassen reparieren, Werkzeuge in der Nachbarschaft teilen (z. B. mit einem f\u00fcr alle zug\u00e4nglichen Ger\u00e4teschuppen), Autoteile tauschen, Kinderbetreuung organisieren, mehr Bushaltestellen, bessere Strassenbeleuchtung, Carpooling (Mitfahrgelegenheiten organisieren). Sind mehrere Nachbar*innen erst mal gemeinsam in einem Raum, stellen sie fest: \u201eHey, wir k\u00f6nnten das tun!\u201c und k\u00f6nnen so zu kollektiver Handlungsmacht gelangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Beispiel war Organizing rund um illegale Abfallentsorgung: \u201eWir organisierten einen Littering-Aufr\u00e4umtag, das gab uns vier Stunden, um mit unseren Nachbar*innen ins Gespr\u00e4ch zu kommen\u201c, erz\u00e4hlte die Aktivist*in. Unter anderem wurden an dem Tag mehrere Stapel alte Autoreifen eingesammelt. \u201eDie Leute waren stolz darauf, was wir gemeinsam erreicht haben!\u201c Ein anderes Erfolgserlebnis drehte sich um eine geplante \u00c4nderung der Zonenvorschriften, als eine Stadtbeh\u00f6rde in einer Wohnzone eine Fabrik ansiedeln wollte, was f\u00fcr die Nachbarschaft viele Emissionen bedeutet h\u00e4tte: \u201eDie Leute waren Feuer und Flamme und bereit, sich n\u00e4chste Woche zu treffen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die 30:70-Regel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Teil des Workshops war ein \u00dcbungs-Rollenspiel f\u00fcr Haust\u00fcrgespr\u00e4che (<em>doorknocking<\/em>). Dazu gab es einige Praxistipps. Ein Prinzip lautet, dass das Verh\u00e4ltnis zwischen selber reden und die andere Person reden lassen 30 zu 70 betragen sollte. Ein Haust\u00fcrgespr\u00e4ch kann beispielsweise als eine Zwei-Minuten-Umfrage gestaltet werden: Was w\u00fcnschen Sie sich, das in unserer Nachbarschaft verbessert werden sollte? Was wollen Sie nicht? W\u00fcrden Sie \u00e4ndern? Haben Sie eine konkrete Idee oder einen L\u00f6sungsvorschlag?<\/p>\n\n\n\n<p>Letztere Frage ist besonders interessant, denn sie l\u00e4sst sich mit der Einladung verkn\u00fcpfen, an die n\u00e4chste Nachbarschaftsversammlung zu kommen. Dort kann die Person n\u00e4mlich andere finden, die ihr dabei helfen k\u00f6nnen, ihre Idee umzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Haust\u00fcrgespr\u00e4ch sollte aber trotz der 30:70-Regel kein \u201eVerh\u00f6r\u201c sein, bei dem die Person mit Fragen bombardiert wird. Ab und zu sollte die Aktivist*in auch eigene Bemerkungen teilen; es soll ein echtes Gespr\u00e4ch stattfinden. Was nicht heisst, dass alle gleich mit allen die besten Freunde sein m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beziehungen: unser zuk\u00fcnftiger Verteidigungsmechanismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was auch zur Sprache kam: Die Nachbarschaft zu organisieren ist nicht notwendigerweise emanzipatorisch. Es kann auch leicht in eine reaktion\u00e4re Richtung kippen, beispielsweise wenn sich Anwohner*innen mit der Haltung \u201eNicht in meinem Hinterhof\u201c (<em>not in my backyard<\/em>) gegen ein bestimmtes Projekt wehren (beispielsweise, wie es im europ\u00e4ischen Kontext h\u00e4ufig geschieht, gegen eine Asylunterkunft).<\/p>\n\n\n\n<p>Versammlungsdemokratie (<em>assembly democracy<\/em>) sollte deshalb kein \u201eleeres Gef\u00e4ss\u201c sein. Wichtig ist es, alternative L\u00f6sungen zu diskutieren (im Wissen, dass es keine \u201ePatentl\u00f6sung\u201c gibt) und zu fragen, wie diese der \u00f6rtlichen Gemeinschaft zugute kommen k\u00f6nnen. Wenn es beispielsweise um Obdachlose im Quartier geht, sollten wir in der Lage sein, alternative L\u00f6sungen anzubieten anstatt die Polizei zu holen.<\/p>\n\n\n\n<p>Betont wurde, dass der Aufbau von Beziehungen das Wichtigste ist: \u201eSie sind unser zuk\u00fcnftiger Verteidigungsmechanismus\u201c, sagte der Workshop-Co-Leiter im Hiblick auf den st\u00e4rker werdenden Faschismus. \u201eEs gibt da draussen viele Faschist*innen, die sich darauf vorbereiten, \u201aKommunist*innen zu erschiessen!\u2018\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Handeln Aktivist*innen aus einem Privileg heraus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Problematisiert wurd auch, dass manche Organizer*innen aus einer weissen, gebildeten Mittelschicht stammen und deshalb aus einer privilegierten Situation heraus handeln. Auf jeden Fall gelte es, <em>white saviourism<\/em>, also eine \u201eweisse Erl\u00f6ser*innen-Haltung\u201c, zu vermeiden. Schuldgef\u00fchle oder Scham sind hingegen auch kein geeigneter Rahmen. Besser sei, sich ehrlich zu fragen: Wer bin ich unter anderen Menschen? Wie wurde ich zu dem was ich bin? (Identit\u00e4t, Erziehung, Ausbildung, Familie, Kultur, Sprache.) Wenn Aktivist*innen echte Beziehungen mit ihrer Community aufbauen wollen, m\u00fcssen sie sich diese Fragen in Bezug auf sich selbst und in bezug auf ihr Gegen\u00fcber beantworten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aktivist*innen m\u00fcssen sich fragen, welche Interessen sie mit ihrem Gegen\u00fcber teilen. Manchmal sind diese nicht offensichtlich. Eines jedoch immer, n\u00e4mlich das geografische: Sie leben alle an einem bestimmten Ort. Damit ein echtes Gespr\u00e4ch m\u00f6glich ist, m\u00fcssen sie kl\u00e4ren, wie sie selber involviert sind und wie ihr Gegen\u00fcber \u201etickt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zwei Strategien: \u201einside\u201c und \u201eoutside\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil des Workshops ging es um das Weiterf\u00fchrende \u2013 also um die revolution\u00e4re Perspektive und um die systemischen Probleme, dessen Ausdruck die konkreten Nachbarschaftsprobleme sind. Das Video zum zweiten Teil sollte demn\u00e4chst \u00fcber die Kan\u00e4le des ISE zug\u00e4nglich sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Um nur einen Punkt herauszugreifen: Es ging unter anderem um die Gegen\u00fcberstellung von zwei Strategien, n\u00e4mlich dem Organizing innerhalb oder ausserhalb der bestehenden (lokalen, nicht nationalstaatlichen) Institutionen. Eine Antwort lautete, dass bestehende Gremien wie Nachbarschaftsvereine (<em>block clubs<\/em>) oder sogar Gemeinder\u00e4te\/-versammlungen oder Kirchen als Gef\u00e4ss genutzt werden k\u00f6nnen, innerhalb derer organisiert werden kann. Aber immer mit dem Gedanken, auf eine Transformation, sprich Demokratisierung, hinzuwirken. Falls kein geeignetes Gremium existiert, bietet sich eine ausserinstitutionelle Strategie an. Welche Strategie zum Einsatz kommt \u2013 die Inside-Sgtrategie oder die Outside-Strategie \u2013, h\u00e4ngt also ganz von den \u00f6rtlichen Umst\u00e4nden ab.<\/p>\n\n\n\n<p><em>-md<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:58px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Links:<\/em><br><a href=\"https:\/\/social-ecology.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u><em>Institute for Social Ecology (ISE)<\/em><\/u><\/a><br><a href=\"https:\/\/social-ecology.org\/wp\/event\/2024-summer-intensive-course\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Ausschreibung Sommerintensivkurs 2024<\/em><\/a><br><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/c\/TheInstituteforSocialEcology\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Youtube-Kanal des ISE<\/em><\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#sdendnote1anc\" id=\"sdendnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a>Dieser Workshop war einer der wenigen, die hybrid stattfanden. Videos der Pr\u00e4sentationen werden sp\u00e4ter aufgeschaltet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#sdendnote2anc\" id=\"sdendnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a>\u201eAbolitionistisch\u201c bezieht sich hier auf das police abolition movement, eine Bewegung in den USA, die Polizei durch andere Systeme \u00f6ffentlicher Sicherheit ersetzen will.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Organizing-Methoden sind hilfreich, damit sich eine Nachbarschaft kollektiv selbsterm\u00e4chtigen kann. Das geht nur \u00fcber echte Beziehungen und mit Bezug zu aktuellen, konkreten Problemen vor Ort \u2013 aber mit den dahinterliegenden systemischen Problemen im Blickfeld. Der Workshop \u201eBuilding Power in Place\u201c am diesj\u00e4hrigen ISE-Sommerintensivkurs h\u00e4lt einige Erkenntnisse bereit. \u201eWir m\u00fcssen aus unseren Bubbles ausbrechen, denn alleine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":944,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[34],"tags":[212,261],"class_list":["post-939","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-stadtteilarbeit","tag-organizing","tag-stadtteilarbeit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kommunalismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/939","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kommunalismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kommunalismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunalismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunalismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=939"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/kommunalismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/939\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":942,"href":"https:\/\/kommunalismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/939\/revisions\/942"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunalismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/944"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kommunalismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=939"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunalismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=939"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunalismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=939"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}