Was die heutige Ökologie vom französischsprachigen Anarchismus um 1900 lernen kann
Rot und grün, Sozialismus und Umweltschutz – wie passt das zusammen? Diese Frage ist in jüngster Zeit in den Vordergrund gerückt, seit die Klimabewegung begonnen hat, Ökologie und Kapitalismuskritik miteinander zu verbinden. In diesem Zusammenhang wird auch nach historischen Vordenker*innen der so bezeichneten “sozialen und ökologischen Transformation” gesucht. An der WEF-Gegenveranstaltung “Das andere Davos” im Januar 2021 hat beispielsweise der amerikanische Marxist John Bellamy Foster über die ökologische Seite von Karl Marx referiert, die bisher zuwenig beachtet wurde. Weitere Beispiele: Rund um das Engels-Jahr 2020 wurde über Friedrich Engels’ “Dialektik der Natur” geschrieben und das Magazin “Strassen aus Zucker”1 rollte in einem Artikel das Verhältnis Mensch–Natur historisch auf.
Der Historiker Milo Probst, Assistent an der Universität Basel, hat weitere Kandidat*innen ausfindig gemacht, wo man sie nicht unbedingt erwartet hätte: in der anarchistischen Szene der Welschschweiz und in Frankreich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. In seinem Aufsatz “Mit Klassenkämpfen ins Anthropozän. Naturverhältnisse im französischsprachigen Anarchismus circa 1870–1914”2 analysiert er Artikel aus anarchistischen Zeitschriften von Autoren3 wie Peter Kropotkin oder den Gebrüdern Reclus.
Historische Akteur*innen ernst nehmen
Milo Probst interessiert nicht nur das Verhältnis Mensch–Natur an sich, sondern auch, wie sich Historiker*innen damit auseinandersetzen. Er fühlt sich der “rekursiven Geschichtsschreibung” verpflichtet: Diese sucht nicht nur blosse Ähnlichkeiten zwischen heute und früher, sondern fragt auch, “wie sich Konzeptionen aus der Vergangenheit auf die Gegenwart anwenden lassen und zur Schärfung analytischer Konzepte beitragen können.”4
Seine Grundthese lautet, dass die Konflikte, die sich um Arbeit, Kapital und Besitz drehen, auch Konflikte um gesellschaftliche Naturverhältnisse sind. Innerhalb der Linken wird der Klassenkampf oft höher bewertet als der Kampf gegen die Umweltzerstörung. Klasse gegen Klasse gilt als Hauptwiderspruch, Mensch gegen Natur nur als ein Nebenwiderspruch. Aber nicht alle stimmen in diesen Kanon ein. Damals wie heute gab es “dissonante Stimmen”. Milo Probst ruft dazu auf, die historischen Akteur*innen und ihre konfliktreichen Diskussionen über Natur ernst zu nehmen. Klassenkampf sollte nicht mehr als etwas verstanden werden, was linke Menschen davon abhält, “ihre Beziehungen zur Natur angemessen zu reflektieren”.
Land als “Commons”
Doch zurück zu den Anarchisten. Anfang der 1870er-Jahre, nach der Spaltung der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) entwickelte sich der französischsprachige Schweizer Jura zu einem Zentrum der anarchistischen Bewegung. (Am Ende des Jahrzehnts verlagerte sich diese “Szene” nach Frankreich.) Das Verhältnis Mensch–Natur taucht in den damaligen anarchistischen Zeitschriften immer wieder auf. Beispielsweise in Form der natürlichen Ressource Boden. Milo Probst stellt fest, “dass die Anarchisten eine kollektive Verwaltung des Bodens befürworten und so den ‘entbetteten’ Naturverhältnissen im Kapitalismus eine kollektive, solidarische und nachhaltige Alternative entgegenstellten, in denen die Güter der Natur gemeinschaftlich – heute würden wir sagen als Commons – organisiert wurde.”
Der Kapitalismus “entbettet” also das Verhältnis Mensch–Natur. (“Entfremdet” wäre heute vielleicht ein geläufigeres Wort.) Das impliziert, dass in einem früheren gesellschaftlichen Zustand diese “Entbettung” noch nicht vollzogen war: “Das ‘Retten’ von kommunalen Gesellschaftsformen über die kapitalistische Modernisierung hinweg wurde so zu einem erklärten Ziel.”
Die Anarchisten kritisierten instrumentelle, ausbeuterischen Verhältnisse zur Natur, wie sie der Kapitalismus schafft, und hielten ihnen libertäre, ökologisch nachhaltige entgegen. Peter Kropotkin klingt erstaunlich modern, wenn er über Dezentralisierung, Gartenstädte, neue Landwirtschaftsformen, die Emanzipation der Frauen oder die Überwindung des Stadt-Land-Gegensatzes schreibt. Milo Probst sieht ihn5 als Vorkämpfer einer antikapitalistischen, basisdemokratischen und egalitären Umweltkritik.6
Die Anarchist*innen waren sich insofern einig mit Marx, dass Kapitalismus und Lohnarbeit zu einer Entfremdung der Menschen von ihren Lebensgrundlagen führt, insbesondere wo das “Eigentum an Grund und Boden” im Spiel ist. Sie kritisierten also den Dualismus Natur–Mensch nicht nur aus philosophischen Gründen, sondern weil er konkrete sozioökonomische Auswirkungen hat.
Am IAA-Kongress in Basel 1869 setzte sich die Ansicht durch (gegen die Vertreter der individualistischen Strömungen), dass der Boden und die Schätze der Natur der Gemeinschaft gehören sollten. Der Kongress forderte die Kollektivierung des Bodens: Die Beziehung zur Natur sollte eine kollektivistische sein. Natur, verstanden als Pool von natürlichen Ressourcen, sollte als Commons genutzt werden, von Kiesgruben bis zu Fischgründen. Die Einhegung der Commons (heute ein vieldiskutiertes Thema) war damals schon in den Köpfen als Problemfeld präsent.7
Mann–Frau, Mensch–Tier, Reformpädagogik
Einige weitere Dimensionen des Mensch–Natur-Verhältnisses spricht der Aufsatz ebenfalls an: etwa die Herrschaftsbeziehung des Mannes über die Frau in der bürgerlichen Ehe oder das Verhältnis Mensch–Tier. Ein längeres Kapitel ist der Reformpädagogik gewidmet. Die Beziehung Mensch–Natur sei in der Reformpädagogik intensiv verhandelt worden – in der Forschung sei dieser Punkt bisher nahezu unbeachtet geblieben, merkt Probst an. Er präsentiert die Reformpädagogik als Gegenstück zur Konzeption von “Natur als Ressource”8: Die Kinder sollten die Natur mit den Sinnen erfahren und nicht, wie der Kapitalismus, als “auszubeutende Mine” sehen. Bildung sollte nicht-instrumentell sein.
Fazit: Argumente für die Klimabewegung
Die Annäherung von “rot” und “grün” ist nicht eine Erfindung der Umweltbewegung der 1970er-Jahre, sondern schon bei den Anarchist*innen9 im 19. Jahrhundert angelegt. Wenn die heutige Klimabewegung der breiteren Bevölkerung die Zusammenhänge von Umweltschutz und Gesellschaftsformen deutlich machen will, dann findet sie in den historischen Texten womöglich wertvolle Argumente. Die Beschäftigung mit Naturverhältnissen zu verschiedenen historischen Zeiten lohnt sich. Sie regt dazu an, sich Fragen zu stellen: Was hat sich im Denken geändert, was ist gleich geblieben, was ist zeitlos, was ist den Umständen geschuldet (der gerade aktuellen “Stufe” der kapitalistischen Entwicklung), und vor allem: Wie können Alternativen zu den herrschenden Narrativen gefunden werden und als “dissonante Stimmen” laut werden.
1 strassenauszucker.tk/2019/12/warum-wir-die-natur-nicht-retten-wollen
2 Erschienen in Geschichte und Gesellschaft 46, Göttingen, 2020, S. 606–633; https://www.vr-elibrary.de/doi/abs/10.13109/gege.2020.46.4.606
3 Milo Probst zitiert aufgrund der Quellenlage ausschliesslich männliche Autoren, räumt aber ein, dass die damalige Bewegung natürlich nicht nur aus Männern bestand.
4 Der Aufsatz von Milo Probst erwähnt, dass die Geschichtswissenschaft, wie er sie betreiben möchte, auch Theorien aus der Anthropologie anwendet. Der Bezug zur Anthropologie ist hochaktuell, gerade in Verbindung mit Anarchismus: Der 2020 verstorbene Anthropologe David Graeber hat Anthropologie und anarchistisches Gedankengut verbunden und in die Diskussionen eingebracht. Im Herbst 2021 erscheint voraussichtlich das von ihm und David Wengrow gemeinsam geschriebene Werk The Dawn of Everything: A New History of Humanity, das die Geschichte der Ungleichheit neu untersucht. Ebenfalls 2021 soll Anthropology and Dialectical Naturalism von Brian Morris erscheinen, ebenfalls Anthropologe und dem Anarchismus nahestehend.
Erwähnt sei an dieser Stelle, dass Anthropologie auch schon früher im Umfeld von Anarchismus und Ökologie auftauchte. Murray Bookchin hat in The Ecology of Freedom (1982) anthropologische Konzepte verwendet und Anthropolog*innen zitiert. Mit einem anthropologisch gestützen Narrativ erklärt er die Entstehung von Hierarchien und Ungleichheit und verknüpft dies mit dem Verhältnis von Mensch und Natur.
5 In einer Fussnote erwähnt Probst, dass Murray Bookchin massgeblich von Kropotkin inspiriert war. Es ist zwar das einzige Mal, dass in dem Aufsatz der Name Bookchin auftaucht, aber thematische Gemeinsamkeiten lassen sich auf den rund 30 Seiten laufend finden. Als Begründer der Sozialen Ökologie (social ecology) war Murray Bookchin in der Umweltbewegung des 20. Jahrhunderts einer der Ersten, der “rot” und “grün”, sozial und ökologisch zusammendachte.
6 A propos Vorkämpfer: Die Anarchist*innen waren natürlich Kinder ihrer Zeit und als solche auch der damaligen Ideologie des Positivismus verhaftet. Sie vertraten somit auch Positionen, die heute teilweise als überholt gelten. Es wäre daher verfehlt, bei Kropotkin und seinen Zeitgenoss*innen nur das Moderne sehen zu wollen. Milo Probst betont aber, das die Anarchist*innen innerhalb dieses (naturalistischen, positivistischen) Diskurses eine “dissonante Stimme” darstellten. – Um eine solche “dissonante” Sichtweise zu erörtern, zieht Milo Probst den Anthropologen Philippe Descola und dessen Buch Jenseits von Natur und Kultur (2013) bei: Die Alternative zur strikten positivistischen Trennung von Mensch und Natur sei ein “Kontinuum” von Natur und Kultur. Das erinnert wiederum startk an Murray Bookchins Formulierungen. Bookchins dialektischer Naturalismus geht von einem fliessenden Übergang von erster Natur zu zweiter Natur (menschliche Kultur) und schliesslich freier Natur (harmonisches, fruchtbares Verhältnis) aus. Berühmt ist Bookchin auch für seinen Ansatz, dass die Herrschaft von Menschen über andere Menschen überhaupt erst zu dem Gedanken geführt hat, dass Menschen die Natur beherrschen könnten und nicht etwa umgekehrt.
7 Interessant ist auch, dass am Basler Kongress als Gegenbeispiel zur privatisierten Ausbeutung des Bodens indigene Stämme in Wisconsin genannt wurden, die Feldarbeit kollektiv verrichteten. Schon damals gab es also “anthropologische” Argumente.
8 Auch Murray Bookchin kritisiert das Wort “Ressource” im Sprachgebrauch. Ökologie heisst für ihn nicht nur, sparsam mit Ressourcen umzugehen, sondern von Grund auf ein harmonisches, dialektisches Verhältnis als Ausgangspunkt zu nehmen.
Im Kapitel über Reformpädagogik deutet sich an, dass der damalige anarchistische Diskurs durchaus differenziert und vielschichtig war. Insofern Anarchist*innen die Natur als kollektiv zu nutzende “Ressource” ansahen, verblieben in einer instrumentellen, materialistischen, positivistischen Haltung. Demgegenüber ist die Reformpädagogik Audruck einer divergenten Strömung.
9 Und natürlich auch bei Engels und Marx, aber das ist nicht Thema in dem besprochenen Aufsatz.
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