Soziale Ökologie: Ein ökologischer Humanismus

Aufbauend auf Biologie und Evolutionslehre erklärt Dan Chodorkoff (Mitgründer des Institute for Social Ecology ISE), wie Umweltzerstörung mit Hierarchie und Herrschaft zusammenhängt. Indem er soziale Prinzipien wie Gegenseitigkeit, Einheit-in-der-Vielfalt und Freiheit als bereits in der Natur potenziell vorhanden sieht, gibt er Anlass zur Hoffnung, dass wir zu einer ökologischen Gesellschaft werden können und die Umweltkrise, die unsere Existenz bedroht, lösen können.

Soziale Ökologie beginnt mit einer Erforschung der Vergangenheit, um ein epistemologisches Verständnis zu gewinnen, wie die Menschheit die Natur definiert und somit konstituiert. Dies ist eine lebenswichtige Frage, nicht nur eine Übung in philosophischer Abstraktion. Die Weise, wie wir die Natur und den Ort der Menschheit in der Natur konzeptualisieren, ist zu einem hoch umstrittenen Thema im ökologischen Denken und in der Umweltphilosophie geworden. Die Schlüsse, die wir ziehen, beeinflussen unsere Ethik und die politischen Entscheidungen, die unsere Welt gestalten.

Wie können wir eine solche Epistemologie ableiten? Wir müssen damit beginnen, dass die Natur nicht ein statisches Wesen ist, sondern evolutionär, mehr noch, dass der Prozess der biologischen Evolution die Natur ausmacht. Die evolutionäre Vergangenheit, die Naturgeschichte, ist die Realität der Natur. Von der molekularen Stufe bis zur Biosphäre ist die Natur in einem Prozess von ständigem Fluss und Wandel: Geburt, Tod, Mutation, sogar Aussterben sind alles Teile eines Prozesses, der das komplexe Netz des Lebens erschafft, wovon die Menschheit ein Teil ist. Biologisch betrachtet ist die Natur sowohl Sein als auch Werden. Evolution ist Natur.

Erste Natur und die Menschheit

Wollte man die Menschheit innerhalb der evolutionären Matrix verorten, dann müsste man anerkennen, dass sie eine einzigartige Rolle spielt: aufgrund unserer Fähigkeit, mit dem Rest der Natur sowohl auf kreative als auch auf destruktive Weise zu interagieren. Wir als Spezies haben die Fähigkeit, tiefgreifend auf andere Arten, Ökosysteme und die gesamte Biosphäre einzuwirken, wie das keine andere Lebensform kann. Das macht uns zu einem integralen Bestandteil der Natur – ein Produkt derselben evolutionären Kräfte, die alle anderen Spezies, vergangene und gegenwärtige, auf dem Planet erschaffen hat – und gleichzeitig verschieden durch unsere Fähigkeit, auf die Natur einzuwirken. Soziale Ökologie anerkennt diese Tatsache und unterscheidet zwischen dem Begriff “erste Natur” (first nature) – die Natur, die sich gemäss Prozessen entwickelt, die nicht durch Menschen beeinflusst sind – und “zweite Natur”, die Natur, die durch menschliches Bewusstsein und Handeln bestimmt wird.

In der ersten Natur ist ein hautpsächlicher Modus der Evolution die natürliche Selektion: Arten verändern sich oder mutieren über die Zeit hinweg, um sich an die Umwelt anzupassen, was ihnen einen evolutionären Vorteil bringt, der ihr Überleben und ihre Fortpflanzung sichert. Irgendwann taucht aus der biologischen Evolution – wobei sie sie nicht ersetzt – die kulturelle Evolution auf. Die zweite Natur lässt sich am besten charakterisieren als das Auftauchen von Selbstbewusstsein und Kultur. Die Menschheit erschafft sich selber immer wieder neu durch Prozesse der Werkzeugherstellung (Industrie), das Aufbauen von Institutionen, Erklärung (Religion, Philosophie und Wissenschaft) und Kunst. Insofern die Menschheit ihr Verständnis des evolutionären Prozesses, von Physik, von Genetik und anderen Wissenschaftsgebieten vorantreibt, wird unsere Spezies, zumindest potenziell, “bewusst gewordene Natur”, um einen Begriff von Johann Gottlieb Fichte zu verwenden, Natur, die ihrer selbst bewusst ist und auf bewusste Weise ihre eigene Entwicklung gestaltet. In einem noch nie dagewesenen Mass, und mit einer Geschwindigkeit, die nirgendwo sonst in der Natur zu sehen ist, verändert die Menschheit ihre Umwelt zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse: Kulturelle Evolution ist ein bemerkenswert dynamischer Prozess, der die Verhältnisse der Gesellschaft in weniger als einer Generation transformieren kann.

Wenn wir die Realität einer zweiten Natur anerkennen, geschaffen durch menschliche Kreativität und Kunstfertigkeit, im Unterschied zur ersten Natur, dann müssen wir auch anerkennen, dass sie direkt aus der ersten Natur, oder der biologischen Evolution, erwächst. Demzufolge hat die erste Natur von Anbeginn die zweite Natur als Potenzial in sich enthalten. Naturgeschichte, die evolutionäre Vergangenheit, muss als Prozess gelesen werden, in dem nichts Essenzielles verloren geht. Die zweite Natur enthält in sich immer noch die erste Natur; komplexe säugetierische Lebensformen beginnen als eine einzelne Zelle und organisieren sich zu komplexeren zellulären Formen (Organen), die in einer noch komplexeren Anordnung von Zellen organisiert sind (Organismen). Der pH-Wert der Ur-Ozeane, in denen das erste Leben entstand, findet sich wieder im Fruchtwasser, in dem sich das Leben entwickelt, im Uterus von komplexen Säugetieren, wie beispielsweise dem Menschen. Auf gewisse Weise repliziert die Zeugung, Embyophase und Geburt einer individuellen Person grob den Prozess der biologischen Evolution. Unsere Spezies umfasst sowohl die erste Natur als auch die zweite Natur.

Wenn wir die evolutionäre Chronik über die ganze biologische Entwicklung hinweg betrachten, sehen wir eine Bewegung hin zu einem immer höheren Grad an Diversität und Komplexität von Lebensformen, und die Potenzialität für Bewusstsein und Selbstbewusstsein. Das soll nicht heissen, dass es einen linearen, ungebrochenen Aufstieg zu menschlichem Bewusstsein gibt; die Evolution ist voller Fehlstarts, Blüten und Niedergängen, sogar Aussterben. Aber es ist nicht zu verneinen, dass sich das Leben auf der Erde aus unbewussten, einzelligen Organismen zu biologisch komplexen Lebensformen mit der Fähigkeit des abstrakten Denkens und er Vernunft entwickelt hat. Verleiht diese Tatsache der Menschheit die “Krone der Schöpfung” und das Recht, den Rest der Natur zu dominieren und die erste Natur als blosse Ressource zu betrachten? Oder fordert sie von uns, uns als Teil der Natur anzusehen, mit der Kapazität, entweder eine destruktive oder eine kreative und erhaltende Rolle zu spielen? Bringt dieses Verständnis nicht die Verantwortung mit sich, das existierende Verhältnis zwischen erster und zweiter Natur zu untersuchen, vor allem angesichts der Erkenntnisse der Wissenschaft und der Ökologie? Und sollten wir nicht eine Ethik und Politik schaffen, die eine Re-Harmonisierung von erster und zweiter Natur garantieren kann, um die Welle der Zerstörung zu brechen, die aus unserer gegenwärtigen Ethik und Politik resultiert, und die die Integrität von erster wie auch zweiter Natur bedroht?

Soziale Ökologie suggeriert, dass wir den Blick auf die erste Natur richten müssen, um einen Einblick in die Prinzipien zu erlangen, die die Naturgeschichte beseelen und die Gesundheit des Ökosystems sicherstellen. Eine solche Untersuchung muss das beste wissenschaftliche Verständnis und die beste wissenschaftliche Interpretation zur Hand nehmen, die uns zur Verfügung stehen, aber wir müssen auch erkennen, dass ein solches Projekt nicht rein empirisch ist. Die Geschichte der Interpretation der “Gesetze der Natur” ist mit hoch subjektiven, politisch geladenen Momenten belastet. Im 19. Jahrhundert haben Sozialdarwinisten wie Herbert Spencer Darwins Ideen verdreht, um eine Begründung für den britischen Kolonialismus und Imperialismus zu liefern. In jüngerer Zeit hat Hitler seine Ansichten gerechtfertigt, indem er die “unveränderlichen Gesetze der Natur” beigezogen hat. Angesichts dieser Geschichte versucht Soziale Ökologie, anstatt Unveränderbarkeit oder absolute Autorität zu beanspruchen, die beste existierende Wissenschaft zu nutzen, um Tendenzen oder Prinzipien zu identifizieren, die in evolutionären Prozessen und in der Dynamik von Ökosystemen am Werk sind, und sie anerkennt, dass diese Tendenzen veränderbar sein können und nicht die ganze Breite von Prozessen erschöpfen, die in der ersten Natur am Werk sind. Diese Tendenzen scheinen jedoch etwas Wichtiges zu sein, das einen direkten Bezug zum Projekt der Re-Harmonisierung von erster und zweiter Natur hat, ein Projekt, das eine gewisse Dringlichkeit besitzt angesichts der gegenwärtigen Bedrohung unseres Planeten. Wir müssen auch anerkennen, wie bei jeder Theorie, die auf Wissenschaftlichkeit beruht, dass auch Soziale Ökologie einer Modifikation bedarf, wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse auftreten.

Ökologische Ethik und Gesellschaft

Eine Ethik, die als Ziel hat, die erste und zweite Natur zu re-harmonisieren, muss sich darauf hin orientieren, immer grössere Komplexität, Diversität und höhere Grade von Bewusstsein zu fördern. Diese Orientierung muss ihr Verhältnis sowohl zur ersten als auch zur zweiten Natur inspirieren, im Bestreben, Ökosysteme zu schützen und zu schaffen, die eine Vielzahl von Nischen bieten, welche von biologisch diversifizierten, komplex interagierenden Arten gefüllt werden. Und dies muss sie in einer hochgradig selbstbewussten Weise tun.

Dieselben Prinzipien müssen im Reich der zweiten Natur angewendet werden. Wenn unser Ziel eine ökologische Gesellschaft ist, dann muss unsere Ethik komplexe, diversifizierte Gesellschaften und Kulturen ermöglichen, die immer höhere Grade von menschlichem Selbstbewusstsein fördern, charakterisiert durch Respekt, Partizipation, Gleichheit und ein wissenschaftliches Verständnis. Das Streben nach immer höheren Graden von Komplexität, Diversität und Freiheit (in Form von Bewusstsein und Wahlfreiheit) ist eine notwendige Bedingung für gesunde Ökosysteme und gesunde Gesellschaften, und eine Vorbedingung für die Re-Harmonisierung von erster und zweiter Natur.

Ein verwandtes, in der ersten Natur vorhandenes Prinzip, das notwendigerweise auch auf menschliche Gesellschaften angewendet werden muss, um eine gesunde Beziehung zwischen beiden zu erreichen, ist das Prinzip der Einheit in der Vielfalt (unity in diversity). Die Gesundheit, Kraft und Stabilität eines Ökosystems stehen in direkter Beziehung zur Diversität der Arten, die innerhalb des Systems interagieren. Ökosysteme mit dem höchsten Grad an Biodiversität, wie Regenwälder oder Flussmündungen, können sich für Tausende von Jahren halten. Grosse Zahlen von Arten füllen jede Nische und geben dem System als Ganzes die Fähigkeit, sogar weitreichende Fluktuationen in der Population einer bestimmten Art zu kompensieren, und ermöglichen ihm, seine gesamthafte Stabilität und Integrität zu bewahren.

Eine Anwendung dieses Prinzips ist ein ethischer Imperativ in der zweiten Natur, wo ein Fehlen von Einheit und Intoleranz gegenüber Diversität eine Bedrohung darstellen, nicht nur für individuelle Kulturen und Gesellschaften, sondern für die Biosphäre als Ganzes. Die Widerwilligkeit der zweiten Natur, dieses Prinzip anzunehmen, hat zu sozialen wie ökologischen Katastrophen geführt; Krieg, Genozid und Rassismus in der zweiten Natur, und eine beängstigende Dezimierung der Biodiversität, eine massive Zerstörung von Ökosystemen und globaler Klimawandel in der ersten Natur. Die zwei sind untrennbar verbunden, und die Soziale Ökologie fordert, dass das Prinzip der Einheit in der Vielfalt als Korrektiv zur bereits angerichteten Zerstörung anerkannt und implementiert wird.

Hierarchie und Evolution

Als die Wissenschaft der Ökologie mit der Unstersuchung von Ökosystemen begann, hatte sie die Tendenz, systemische Beziehungen in hierarchischen Begriffen zu sehen; ein zentrales Konzept im Verständnis von Ökosystem-Dynamiken war dasjenige der Nahrungskette, eine starre Hierarchie von Abhängigkeiten, in denen die grössten Karnivoren an die Spitze gestellt wurden. Als unser wissenschaftliches Verständnis wuchs, ist dieses grobe Modell durch differenziertere Beschreibungen ersetzt worden, die komplexe Beziehungen definieren, die in einem Ökosystem als Nahrungs-Netz am Werk sind. Das Nahrungs-Netz beschreibt ein essenziell nicht-hierarchisches Netzwerk von Beziehungen, die auf Interdependenzen beruhen und die alle Arten in ein sich gegenseitig unterstützendes Ganzes verbinden. Das hat dazu geführt, dass die erste Natur als nicht-hierarchisch organisiert anerkannt wird.

Die Hierarchien, die wir zwischen Arten in der ersten Natur aufstellen – der Löwe als “König der Tiere” oder die “bescheidene Ameise” – sind in Wirklichkeit eine Projektion von menschlichen Hierarchien. Im technischen Sinn ist Hierarchie definiert als ein institutionalisiertes System von Befehl und Kontrolle, das letzlich auf physischen Zwang zurückgreift, um Gehorsam einzufordern. Kein solches System existiert in der ersten Natur. Der Löwe befiehlt niemandem und kontrolliert keine andere Art, und Löwen institutionalisieren auch nicht ihre Beziehungen. Sogar die sichtlich dominante Rolle, die eine individuelle Löwin in ihrem Rudel spielen mag, ist eher als eine Form von situationsbedingter Domination zu verstehen, denn als institutionalisierte Hierarchie.

Hierarchie beeinträchtigt das gegenseitige Netz von Beziehungen, das entscheidend für die Stabilität von Ökosystemen und sogar fürs Überleben ist. Die wiederkehrenden Zyklen von Geburt, Tod und Vergehen verbinden die Gesamtheit von erster Natur und zweiter Natur. Trotz der unbestreitbaren Rolle, die der Wettbewerb um den evolutionären Vorteil innerhalb und zwischen den Arten spielt, kann die Dynamik von Ökosystemen am besten charakterisiert werden als im Prinzip der Gegenseitigkeit (mutualism) verankert; jede Spezies spielt eine kritische Rolle im Bezug auf die Gesundheit und Entwicklung der anderen. Das ist sogar wahr in Jäger-Beute-Beziehungen, in denen mehrere Arten gegenseitig abhängig sind: vereinfacht ausgedrückt, sind Jäger-Arten von der Beute abhängig um zu überleben, und die Beute ist abhängig vom Jäger, weil er eine gesunde Population erhält. Die gegenseitigen Beziehungen, die in einem Ökosystem wirken, werden komplexer in direktem Verhältnis zur Biodiversität des Systems.

Evolution ist vor allem das Reich der Potenzialität. Jede Lebensform enthält in sich eine Menge von Möglichkeiten, biologische wie verhaltensmässige. Diese Potenzialitäten und das Streben, sie zu verwirklichen, ist was das Leben vorwärts treibt. Der Grad, in welchem dieser Prozess ein bewusster ist, ist einer der wichtigsten Faktoren in der Naturgeschichte und eine Weise, in der wir die zweite Natur von der ersten Natur zu differenzieren beginnen können. Das soll keinen radikalen Bruch zwischen erster und zweiter Natur suggerieren: Obwohl die erste Natur in der zweiten immer präsent ist, können wir ein graduelles Auftauchen von Bewusstsein und Selbstbewusstsein sehen sowie die menschlichen Anstrengungen, angeborene Potenzialitäten zu verwirklichen, die das Auftauchen von Kultur charakterisieren. Wenn Gegenseitigkeit als natürliche Tendenz dienen soll, um menschliche Ethik zu inspirieren, dann muss sie in diesem Verständnis von Potenzialität verwurzelt sein; sie muss Teil sein des Kontinuums von Verhaltenseigenschaften, die uns menschlich machen. Diese Potenzialität hat einen breit gefächerten Ausdruck gefunden durch die ganze menschliche Geschichte hindurch, was in sich selbst ein überzeugender Beweis ist, dass wir dieses Prinzip in ein ethisches Grundgerüst integrieren müssen, das uns erlauben wird, erste und zweite Natur voll zu re-harmonisieren.

Die landläufige Vorstellung von einer unveränderbaren menschlichen Natur, die auf Gier, Konkurrenz, Krieg und Herrschaft fusst, wird durch anthropologische Erkenntnisse infrage gestellt. In der Tat zwingt uns die Anthropologie, eine solche enge Sichtweise der “menschlichen Natur” zurückzuweisen und zu ersetzen durch ein viel breiteres Konzept eines Kontinuums von potenziellen menschlichen Verhaltungsweisen. Dieses Konzept, das zweifellos das Potenzial für Gier, Konkurrenz, Krieg und Herrschaft enthält, umfasst auch das Potenzial für Sorge, Teilen, Gegenseitigkeit und nicht-hierarchische Beziehungen. Dieses Grundgerüst bietet eine reale Grundlage für den Glauben, dass unsere Spezies, die Menschheit, das Potenzial besitzt, eine ökologische Gesellschaft zu erschaffen. Anthropolog*innen haben diese ökologischen Verhaltensweisen als zentral in vielen Formen von menschlicher Gesellschaft identifiziert, vorwiegend in denjenigen, die in präkapitalistischen Produktionssystemen verwurzelt sind. Diese Züge repräsentieren ein Potenzial für die Zukunft. Ich will nicht andeuten, dass unsere Spezies zum Jagen und Sammeln zurückkehren könnte oder wollte: Es kann kein Zurück geben. Ich würde eher sagen, dass diese Verhaltensweisen Prinzipien repräsentieren. Mit menschlicher Kreativität und Erfindungsgeist können wir diese Prinzipien auf eine Weise anwenden, die dem modernen Leben gerecht wird.

Kulturen und Gesellschaften haben immer gewisse Verhaltensweisen gestärkt und belohnt und andere abgewertet. Durch die Prozesse der Sozialisation und Schulbildung hat sich unsere Gesellschaft entschieden, ökologisch destruktive Beziehungen und Verhaltensmuster zu stärken und zu belohnen, und darüber hinaus, diese als “menschliche Natur” zu verdinglichen. Ein Bewusstsein von anderen Potenzialitäten, die in unserem Mensch-Sein verborgen sind, gibt Hoffnung, dass eine Transformation dieser Muster erfolgen könnte. Obwohl eine solche Transformation keineswegs garantiert oder vorbestimmt ist, argumentiert die Soziale Ökologie, dass sie stattfinden muss, wenn wir unser wahres Potenzial erreichen wollen, zur “sich selbst bewusst gewordenen Natur” zu werden und so die erste und zweite Natur zu re-harmonisieren und die ökologische Krise, die unsere Existenz bedroht, zu lösen.

Von der Ökologie zur Politik

Eine Transformation dieser Grössenordnung setzt eine radikal neue Vision und ein radikal neues Programm voraus: eine neue ökologische Epistemologie, eine Ethik, die auf Prinzipien basiert, die von der ersten Natur abgeleitet sind, und eine mutige gesellschaftlich-politische Praxis. Wir müssen willens sein, eine suchende Auseinandersetzung mit den Wurzeln der ökologischen Krise zu initiieren und dabei die ethischen Prinzipien zu benutzen, die wir aus unserem Verständnis der Natur ableiten. Eine solche Auseinandersetzung führt uns vom Reich des traditionellen Umweltschutzes, der immer noch in einer dualistischen Epistemologie verankert ist, welche die “Natur” als eine Ansammlung von natürlichen Ressourcen betrachtet, zu einer Sozialen Ökologie, die eine fundamentale Re-Harmonisierung von erster und zweiter Natur verspricht.

In der Tat, diese Erkenntnis ruft nach politischen Lösungen, die weit über den “Pflaster”-Ansatz hinaus geht, den die meisten Umweltschützer*innen vertreten. Sie fordert, dass wir die sozialen Krisen lösen, die die zugrundeliegen Ursachen für unsere verschiedenen ökologischen Krisen sind. Sie legt nahe, dass gesunde Ökosysteme und ein gesundes Verhältnis zwischen erster und zweiter Natur nur aus einer ökologischen Gesellschaft resultieren können, die in den ethischen Prinzipien verankert ist, die wir aus unserem Verständnis der ersten Natur selbst ableiten.

Die ökologische Krise verlangt mehr als einen Bewusstseinswandel. Obwohl ein solcher Wandel notwendig ist, genügt er allein nicht. Wir müssen in einem Bewusstsein, das in einer Sozialen Ökologie verankert ist, zu handeln beginnen. Es ist klar, dass der Prozess einer ökologischen Rekonstruktion kein einfacher sein wird: Er wird grössere Verschiebungen im Denken und in der gesellschaftlichen Organisation erfordern, wie auch die Verwendung von neuen, ökologisch soliden Technologien und Techniken. Wir müssen den Prozess der ökologischen Rekonstruktion beginnen, indem wir existierende Ökosysteme schützen, um ihre Unversehrtheit sicherzustellen und um von diesen Reservoiren der Biodiversität weiterhin profitieren zu können. Wir müssen die gegenwärtige Welle des Aussterbens stoppen. Ebenso entscheidend ist, dass wir so gut wie möglich die ökologische Regeneration fördern und beschädigte Ökosysteme wieder in ihren früheren Zustand zurückführen. Dies wiederum deutet an, dass wir neue, ökologische Modelle der Entwicklung erforschen und implementieren müssen, ein gemeinschaftsbasierter Prozess, der sowohl menschliche Bedürfnisse erfüllt, als auch Ökosysteme respektiert und wiederherstellt. Diese kritische rekonstruktive Dimension muss vollständig innerhalb des ethischen Grundgerüsts, das uns die Evolution anbietet, artikuliert und angewendet werden.

Dieses rekonstruktive Projekt ist ein wesentliches Element in der Entwicklung einer Sozialen Ökologie: Es reicht nicht zu philosophieren, wir müssen handeln. Unsere Taten jedoch müssen durch Ethik und ein wissenschaftliches Verständnis geleitet sein. Kopfloses oder ungenügend durchdachtes Handeln kann unsere Situation sogar noch verschlimmern anstatt sie zu verbessern. Die Ziele, denen wir entgegenstreben – Gesellschaften, die sich in Richtung von immer grösserer Komplexität, Diversität und Freiheit bewegen, die Einheit-in-der-Vielheit und eine mutualistische Organisation schaffen, und die in hohem Grad selbstbewusst bezüglich ihres Verhältnisses zur ersten Natur sind – können nur durch soziale Bewegungen erreicht werden, die ebendiese Prinzipien reflektieren und verkörpern. Zweck und Mittel müssen deckungsgleich sein.

Ein Handeln, das auf Sozialer Ökologie basiert, verlangt eine breite Partizipation und Demokratie. Überall auf der Welt fordern lokale Gesellschaften bereits die irrationale Kultur der Zerstörung heraus. Die Kämpfe indigener Bäuer*innen in Mexiko, die ihre Regenwälder retten wollen, die Landbevölkerung in Nepal, die Staudämme bekämpft, und arme Schwarze Communities in Louisiana, die dafür kämpfen, giftige Chemiefabriken zu schliessen, sind alle Teil derselben globalen Bewegung. Dazu zählen auch Hausbesetzer*innen im heruntergekommenen Detroit, die sich verlassene Gebäude aneignen, und Jugendgruppen, die Biogemüse auf leerstehenden Parzellen in New York anbauen. Sie stehen zusammen mit den Millionen rund um die Welt, die gegen eine räuberische, von riesigen Konzernen dominierte Weltwirtschaft protestieren.

Diese Kombinationen von Protest und rekonstruktivem Handeln sind erst die Kinderschritte von etwas, das zu einer grösseren und breiteren Bewegung werden muss, aber sie sind trotzdem vielversprechend. Sie zeigen den Weg zu neuen organisatorischen Modellen, die die ökologische Ethik verkörpern, die nötig ist, um eine Re-Harmonisierung von erster und zweiter Natur zu erlangen. Sie sind diversifiziert, dezentral, nicht-hierarchisch und partizipativ, und sie repräsentieren ein neues Modell des gesellschaftlichen Handelns, das dem destruktiven Pfad der vorherrschenden Kultur beginnt entgegenzuwirken.

Einer Neuen Aufklärung entgegen

Eine Perspektive, die von Sozialer Ökologie geleitet ist, muss auch die Zukunft ansprechen, und sie muss dies auf eine Weise tun, die sich auf ethische Prinzipien abgeleitet aus der ersten Natur beruft. Es ist unzureichend, die Gegenwart in die Zukunft zu extrapolieren, wie es die Futurist*innen und Systemtheoretiker*innen tun. Jede Diskussion der Zukunft, wenn sie ökologisch sein soll, muss auf dem Konzept der Potezialität basieren, einem Verständnis dessen, was sein könnte. Die Evolution selbst ist ein Prozess der sich ent-wickelnden Potenzialität auf einer biologischen Ebene: Organismen, die entweder ihr Potenzial für Wachstum, Entwicklung und Reproduktion erfüllen oder dabei scheitern. Potenzialität sollte nicht mit Unausweichlichkeit gleichgesetzt werden; viele Faktoren beeinflussen, ob sie verwirklicht wird oder nicht. Soziale Ökologie untersucht die Zukunft, indem sie versucht, Potenzialitäten “herauszukitzeln” für eine ökologische Wiederherstellung und eine Re-Harmonisierung von erster und zweiter Natur, während sie gleichzeitig daran arbeitet, diese Potenzialitäten zu verwirklichen.

Indem sie dies tut, bezieht sich Soziale Ökologie auf eine der grossen Traditionen der Menschheit, das utopische Denken, das auf einem Verständnis der Potenziale beruht, die der Gegenwart innewohnen, obschon sie unrealisiert sind. Während der Renaissance und der Aufklärung trat utopisches Denken als eine der wichtigsten Formen sowohl der Gesellschaftskritik, als auch der Spekulation über mögliche neue Formen der sozialen Organisation hervor. Es wurde angewendet, um die entfernstesten Ufer der menschlichen Möglichkeiten zu erkunden; um Menschen zu inspirieren, die Grenzen ihrer engstirnigen Gesellschaften zu überschreiten. Aber utopisches Denken bietet mehr als Inspiration: Es bietet auch eine Richtung, an der wir uns orientieren können. Ohne eine Vision der Art von Gesellschaft, die wir uns wünschen, wird es unmöglich sein, sie je zu erreichen. In einem modernen ökologischen Kontext finden die Details dieser utopischen Prinzipien, basierend auf einem wissenschaftlichen Verständnis von Ökosystemen, ihre Anwendung in einer demokratisch erarbeiteten Planung auf lokaler Ebene.1

Soziale Ökologie untersucht die Zukunft aus dieser Perspektive und erkennt das reelle, existierende Potenzial für eine ökologische Gesellschaft. Wenn wir moderne wissenschaftliche Erkenntnisse und Techniken beiziehen, haben wir das Potenzial, die ökologischen Probleme der Welt zu lösen; wir können emissionsfreie, erneuerbare Energiequellen schaffen und nutzen; wir können den Prozess des globalen Klimawandels umkehren; wir können die Umweltverschmutzung beenden und Giftmüll-Ablagerungen sanieren; und wir können eine gesunde Ernährung für die Weltbevölkerung zur Verfügung stellen. Heute schon ist all dies möglich mit existierenden Technologien.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Planets haben wir nun die Möglichkeit, Knappheit zu eliminieren. Unsere Geselllschaft besitzt die Technologie und die Wissenschaft, die nötig sind, um alle Bedürfnisse der Menschheit nach Nahrung, Wohnung und Energie zu stillen. Was uns fehlt, ist eine gesellschaftliche Vision und der politische Wille, dies zu tun. Hierarchische Konzentrationen von Reichtum und Macht haben zu einem katastrophalen weltweiten Ungleichgewicht in der Verteilung von Ressourcen geführt. Die Schere zwischen Reich und Arm ist in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter aufgegangen. So wie die Aufklärung zu einer Restrukturierung der Gesellschaft führte, welche die Grundfeste der alten sozialen Ordnung erschütterte, so muss eine neue Aufklärung basierend auf Sozialer Ökologie nach demselben zielen. Ich bin mir der Beschränktheit und der vielen problematischen Aspekte der historischen Aufklärung schmerzlich bewusst und ich will nicht nahelegen, dass wir sie inhaltlich wiederholen, aber dass sie einen Prozess darstellt, von dem wir lernen müssen.

Das Projekt der Aufklärung begann mit einem Bündel von Ideen, die eine radikale Kritik offerierten an dem, was ist, und mit einer darüber hinausgehenden Vision dessen, was sein könnte und was sein sollte, verankert in einem neuen ethischen Grundgerüst. Wir brauchen heute dringend einen ähnlichen Prozess, wenn das Potenzial für eine ökologische Gesellschaft jemals realisiert werden soll. Dies nicht zu tun, hiesse unsere Menschlichkeit aufzugeben und uns kopfüber in eine Ära von noch nie dagewesener ökologischer Verwüstung zu stürzen.

Dan Chodorkoff, social-ecology.org

Übersetzung aus dem Englischen: Netzwerk für Kommunalismus, 2021.

Originaltext: libcom.org/library/social-ecology-ecological-humanism

Fussnoten

1 Anm. d. Übers.: Ein Beispiel für eine wissenschaftsbasierte ökologische Planung, die auf lokaler Ebene demokratisch umgesetzt werden kann, ist der Climate Action Plan (CAP) des Klimastreiks Schweiz: https://climatestrike.ch/de/crisis#solutions


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