Murray Bookchin und die kurdische Widerstandsbewegung

Joris Leverink

(Ausschnitt; Originaltext in voller Länge: roarmag.org/essays/bookchin-kurdish-struggle-ocalan-rojava/)

Bookchins Theorie der Sozialen Ökologie zeichnet sich durch den Glauben aus, dass “wir soziale Beziehungen neu ordnen müssen, sodass die Menschheit in einem schützenden Gleichgewicht mit der natürlichen Welt leben kann.” Eine post-kapitalistische Gesellschaft kann nur erfolgreich sein, wenn sie so beschaffen ist, dass sie sich in Harmonie mit der ökologischen Umwelt befindet.

Bookchin argumentiert, dass “die fundamentalste Botschaft, welche die Soziale Ökologie vermittelt, ist, dass überhaupt die Idee, die Natur zu beherrschen, von der Herrschaft von Mensch über Mensch stammt.” Soziale Ökologie geht über die traditionelle marxistische und anarchistische Sichtweise, wie eine nicht-hierarchische, egalitäre Gesellschaft organisiert werden kann, hinaus, indem sie die Notwendigkeit, eine drohende ökologische Katastrophe abzuwenden, ins Herz von aktuellen sozialen Kämpfen stellt.

Für die Kurd*innen, traditionell ein ländliches Volk, das von Ackerbau und Tierhaltung lebt, ist es ebenso wichtig, eine ökologische Umwelt zu erhalten, wie eine egalitäre Gesellschaft zu erschaffen. Die vom Staat vorangetriebene Umweltzerstörung in ihren heimatlichen Bergen und in der fruchtbaren mesopotamischen Ebene findet Tag für Tag statt.

Das offensichtlichste Beispiel ist das GAP-Projekt in der Türkei, bei dem Dutzende von Mega-Staudämmen errichtet wurden oder sich im Bau befinden. Das Projekt wird präsentiert als eines, das Entwicklung in die Region bringt in der Form von Arbeitsplätzen auf den Baustellen, in Form von besser bewässerten Mega-Farmen, die finanziell einträgliche Ernten für den Export produzieren und Tagesjobs für die enteigneten Kleinbauern bringen, sowie eine verbesserte Energie-Infrastruktur durch mehrere hydroelektrische Kraftwerke.

Was von den Vertreter*innen des Staats als “Entwicklung” wahrgenommen wird, wird völlig anders erlebt von den Menschen, die mitansehen müssen, wie ihre Häuser und Dörfer überflutet werden, wie die freifliessenden Flüsse in eine Ware verwandelt werden, wie ihre Ländereien enteignet und von grossen Konzernen aufgekauft werden und für die industrielle Produktion von Gütern verwendet werden, die keinen anderen Zweck haben, als die Farm-Besitzer in ihren weit weg gelegenen Villas zu bereichern. Diese gross dimensionierten, hoch zerstörerischen Mega-Projekte zeigen auf, wie dringend notwendig eine lokale Kontrolle über die lokale Umwelt ist.

Während eine direkte Konfrontation mit dem Staat nötig ist, um die natürliche Umgebung aus den destruktiven Klauen der immer weiter vordringenden kapitalistischen Kräfte zu entreissen, ist ein erster Schritt – und möglicherweise ein umso revolutionärerer Schritt – nötig, der die Abschaffung von Hierarchien auf zwischenmenschlicher Ebene involviert. Weil, wie Bookchin arguentierte, die Herrschaft von Mensch über Natur von der Herrschaft von einem Mensch über einen anderen stammt, muss die Lösung einen ähnlichen Weg gehen.

In dieser Hinsicht ist die Emanzipation der Frauen eine der wichtigsten Aspekte der Sozialen Ökologie. Solange die Herrschaft von Mann über Frau bestehen bleibt, ist der Umgang mit unserer natürlichen Umwelt als ein essenzieller und integraler Bestandteil des menschlichen Lebens – anstatt einer Ware, die für Profit ausgebeutet werden kann – immer noch weit weg.

In dieser Hinsicht sind die emanzipatorischen Projekte, die zurzeit in der kurdischen Gesellschaft laufen, ein hoffnungsvolles Zeichen. Obwohl in vielen Fällen die sozialen Beziehungen in kurdischen Familien und in der Gesellschaft immer noch von uralten Gebräuchen und Traditionen geleitet sind, können schon radikale Veränderungen beobachtet werden. […]

Übersetzung: Netzwerk für Kommunalismus

Foto: Uygar Önder Simsek


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