Widerstand am Stadtrand

Nicht nur die Innenstädte werden gentrifiziert, sondern immer mehr auch Siedlungen am Stadtrand. Gerade Menschen mit Migrationserfahrung oder Menschen, die in prekären Situationen leben, sind durch Wohnungskündigungen besonders bedroht, denn ein Wegzug bedeutet oft auch, dass bestehende soziale Netze zerstört werden.

Im folgenden Interview berichtet Antonia von Urban Equipe in Zürich über die Gentrifizierung von peripheren Gebieten und den Widerstand dagegen.

Welche peripheren Siedlungen in Zürich sind von Kündigungen und Neubauprojekten bedroht?

In den Medien war gerade der Bergacker in Affoltern – da sind wir auch dran. Dann gibt es Siedlungen in Kloten oder Wädenswil, im Kreis 4, an der Badenerstrasse, im Seefeld, vor Oerlikon … Besonders betroffen sind Siedlungen aus der Nachkriegszeit, mit den Baujahren 1950 bis 1970. Bei diesen ist zu erwarten, dass in den nächsten Jahren kein Stein auf dem anderen mehr bleibt.

Was für Menschen leben den betroffenen Siedlungen und was sind ihre am meisten geäusserten Ängste und Bedürfnisse?

Natürlich leben dort sehr unterschiedliche Menschen. Es ist schwierig, das pauschal zu beantworten. Wir haben aber überdurchschnittlich oft mit besonders vulnerablen Menschen zu tun, zum Beispiel weil sie in einer schwierigen persönlichen Situation sind, nicht die nötigen Kontakte, Ressourcen und die Erfahrung haben, sich zu wehren, oder auch weil sie nicht gut deutsch reden können. Das wird zum Teil übrigens strategisch eingesetzt von den Vermieter*innen, also dass sie bewusst Mieter*innen suchen, die schlecht deutsch reden – dabei gehen sie davon aus, dass es weniger Rechtssteite gibt.

Häufig sind es auch Familien oder alleinerziehende Elternteile, die darauf angewiesen sind, dass ihre Kinder im Quartier bleiben können. Das Wohnen im Alter ist auch ein grosses Thema. Die Leute merken teilweise, ihnen fehlt die Kraft, um noch zwei Mal umzuziehen und gehen darum direkt ins Altersheim. Dabei könnten sie gut noch ein paar Jahre selbständig wohnen.

Immer häufiger sehen wir auch, dass Eigentümer*innen, wenn sie wissen, dass sie umbauen wollen, nur noch temporär vermieten. Vor allem an Studierende oder vorläufig Aufgenommene. Das ist eine Praktik, die man hinterfragen muss.

Das Bedürfnis der Menschen, mit denen wir in Kontakt sind, ist eigentlich sehr einfach verständlich: Sie möchten in einer für sie bezahlbaren Wohnung wohnen, die ihnen Freiheit für verschiedene Nutzungsmöglichkeiten gibt, und wo sie nicht ständig Angst haben müssen, dass ihnen gekündigt wird.

Welche Rolle spielen Nachbarschaftsbeziehungen in diesen Siedlungen? Beobachtet ihr auch, dass Gentrifizierung gewachsene soziale Netze zerstört?

Ja, leider in jedem Fall! Ich habe kürzlich mit einer alleinerziehenden Frau geredet. In ihrem Haus hat es andere Alleinerziehende, die sich gegenseitig unterstützen. Sie muss bald ausziehen und damit fällt ein ganzes Unterstützungssystem weg. Auch die Schule ist immer wieder ein Riesenthema, wenn Leute wegziehen müssen, weil die Kinder ihre Freunde verlieren. Das soziale System geht aber auch über die einzelne Siedlung hinaus. Zum Beispiel haben wir mit Hauswarten und Pfleger*innen geredet, die mit ihrer Wohnungs-Kündigung Angst haben, auch ihre Arbeitsstelle nicht mehr weiterführen zu können. Denn ihre Arbeit ist nicht digitalisierbar oder auslagerbar. Dabei finde ich jedoch auch spannend zu diskutieren, was eigentlich ‘Nachbarschaft’ bedeutet. Es gibt ja nicht nur diese enge Art von Nachbarschaft, in der die ganze Zeit Gespräche miteinander stattfinden und alle alle kennen. Manche Menschen suchen zwar einen solch engen Kontakt, andere aber genau nicht. Ihnen ist es wichtig, eine gewisse Privatsphäre zu haben. Das bedeutet dann aber nicht, dass hier keine Nachbarschaft vorhanden ist! Die Nachbarschaft besteht hier darin, dass die Menschen in Frieden nebeneinander leben, auch wenn sie vielleicht viele Sorgen haben. Das ist auch eine soziale Struktur, die wertvoll ist.

Wenn prekarisierte Mieter*innen aus ohnehin schon peripheren Gebieten vertieben werden, wohin können sie dann überhaupt noch ziehen?

Wir beobachten zwei Tendenzen. Einerseits ziehen sie innerhalb der Stadt in eine Wohnung, die kurz darauf wieder abgerissen wird. So dass sich eine Wohnbiografie ergibt, die sehr prekär ist und von ständigen Umzügen geprägt ist. Andererseits ziehen sie aus der Stadt heraus. Leider sind mir jedoch keine Zahlen bekannt, mit denen wir wissen könnten, wohin die Menschen genau ziehen. Das ist ein grosses Manko!

Welche Formen des Widerstandes werden praktiziert?

Historisch gibt es in Zürich wichtige Widerstände gegen die herrschende Wohn- und Bodenpolitik, besonders in den „bewegten“ 80er-Jahren. Nun gilt es heute an diesen anzuknüpfen und sie weiterzuführen, und sie auch weiterzuentwickeln. Ich vermute, dass wir für die heutige Situation auch neue Wege und widerständige Praktiken finden müssen, weil die Ausgangslage eine andere ist. Viele der aktuell besonders stark betroffenen Menschen sind zum Beispiel nicht so sozialisiert, dass sie wissen, jetzt könnten sie Transpis malen, Zeitungen schreiben oder ein Haus besetzen. Viele haben auch grosse Angst, sich zu exponieren, weil sie fürchten, danach erst recht nie mehr eine Wohnung zu finden.

Darum ist es bei der aktuellen Mietenbewegung besonders wichtig, dass wir uns als Bewohner*innen einer offenen Stadt nicht nur selber als Betroffene wehren, sondern uns auch vermehrt für andere solidarisieren. Alle, die sich das leisten können, sollen zeigen: So geht es nicht! Und versuchen, bessere Wege einzufordern. Vielleicht kann so eine Bekräftigung entstehen, wenn wir alle zusammen hinstehen – als Betroffene und Solidarische gleichzeitig.

Geht der Widerstand von den Bewohner*innen selber aus oder braucht es manchmal einen Anstoss von aussen?

Beides passiert momentan. Um den Sihlquai und das Gebiet um die Savera Wiese in Wollishofen entstand selbstorganisierter Widerstand. Mit unserem Verein haben wir gerade eine Kooperation mit dem Mieterinnen- und Mieterverband, wo wir noch nicht organisierte Mieter*innen dabei unterstützen, zu ihren Rechten zu kommen. Dabei machen wir Aurufe, dass man sich melden kann, wenn man das Gefühl hat, dass ein Haus abgerissen wird. Solchen Meldungen gehen wir nach, informieren uns über die Eigentümerstruktur, die Bausubstanz und so weiter. Am wichtigsten ist aber, mit den Mieter*innen zur eden und kontinuierlich Vertrauen und eine Beziehung zueinander aufzubauen. Es ist wichtig, nicht nur ein Mal hinzugehen und zu erwarten, dass man alles hat, sondern dass man immer wieder vor Ort ansprechbar ist.

Siehst du Potenzial darin, dass sich Mietkämpfe und andere soziale und politische Kämpfe verbinden lassen?

Dass sich Bewegungnen miteinander vernetzen, passiert gerade und soll dieses Jahr noch stärker werden. Es ist z. B. Wichtig, dass die wohnpolitische Bewegung und die ökologische Bewegung gemeinsam vorgehen, sonst lassen sich die Probleme nicht lösen. Wir versuchen gerade ein vielstimmiges Bündnis anzustossen. Was ich sehe, ist, dass einzelne Akteure stärker geworden sind und dass das Thema in verschiedenen Ecken präsent ist, vermehrt auch als Auswirkung der Corona-Krise. Wir sehen, dass viele da dran und extrem interessiert sind. Was dieses Jahr daraus wird, das werden wir sehen!

Am 25. Januar 2022 um 18 Uhr ist ein Infoanlass in der Zentralwäscherei geplant. Worum geht es dort genau?

Es ist ein erstes Plenumtreffen, an das möglichst viele politisch aktive Menschen kommen sollen, um sich zu vernetzen. Nicht nur solche, die bereits organisiert sind, sondern alle Leute sind eingeladen, die sich vorstellen können, dieses Jahr etwas zu machen. Es geht darum, Themen auszubreiten, Synergien zu nutzen und anzufangen, grössere gemeinsame Aktionen zu organisieren. Es gibt schon mega viele Ideen. Die Haupt-Anlaufstelle ist der Telegramm-Kanal t.me/mietenplenumZH. Alle sind herzlich eingeladen beizutreten!

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