Ausgabe Nr. 2 von “Harbinger: a Journal of Social Ecology” ist dem Thema Rassismus und Kolonialismus gewidmet. Soziale Ökologie kritisiert seit jeher “Rasse” als ein hierarchisches System. Doch die Autor*innen betonen, dass diese Analyse weiter vertieft werden muss.
Murray Bookchin, der Impulsgeber der Sozialen Ökologie, hat als Arbeitskampf-Organizer in den 1940ern die Unterdrückung der mehrheitlich Schwarzen Arbeiter in einer Giesserei in New Jersey miterlebt.1 In den 50ern und 60ern war er im Congress of Racial Equality, einer antirassistischen Bewegung, aktiv. Immer wieder betonte er, dass das malthusianische Narrativ der Überbevölkerung rassistisch ist, und kritisierte die Umweltbewegung scharf dafür. Stattdessen forderte er Wiedergutmachung für die Ressourcen, die Nordamerika und Europa aus den Ländern des Globalen Südens geplündert hatten – eine Forderung, die an die heute vielfach geäusserte Forderung nach Reparationszahlungen erinnert.
Als Theoretiker analysierte Bookchin Formen der Hierarchie und beschrieb mehrfache Diskriminierung, was heute als “Intersektionalität” bezeichnet wird. In einer bekannten Textpassage weist er darauf hin, dass nicht einfach “der Mensch” für die ökologische Krise verantwortlich ist: Unterdrückte Gruppen wissen sehr wohl, dass die Welt entlang von hierarchischen Linien unterteilt ist, und wenn diese ignoriert werden, dann geschieht das auf ihre Kosten. “Schwarze wissen es, wenn sie mit Weissen konfrontiert sind; Arme, wenn sie mit Reichen konfrontiert sind; die Dritte Welt, wenn sie mit der Ersten Welt konfrontiert ist; Frauen, wenn sie mit patriarchalen Männern konfrontiert sind.”2
Obwohl Bookchin oft als “eurozentrisch” kritisiert wird, da er in seinen Büchern vor allem westliche emanzipatorische Traditionen behandelt, liess er sich beispielsweise von der Schwarzen Befreiungsbewegung inspirieren. So erkannte er den Slogan “Black is beautiful” als eine “historisch neue Forderung” für ein gutes Leben, die über die Forderungen der Französischen Revolution weit herausreichten. Vor allen in seinen früheren Schriften bezog er sich oft auf indigene Gemeinschaften.
Bookchin habe seine fundamentale Erkenntnis, “dass die ökologische Krise eine soziale Krise ist”, um eine explizit antirassistischen Analyse erweitert, schreibt Blair Taylor in der Ausgabe Nr. 2 von “Harbinger”. Er weist aber auch auf Leerstellen in seinem Werk hin. Die Kritik, dass Bookchin beispielsweise in seinen Urbanismus-Theorien kaum über Rassismus schreibt, ist nicht neu. Blair Taylor kommt zum Schluss, dass die Soziale Ökologie neue theoretische Erkenntnisse, die Bookchin nicht kannte oder vernachlässigte, inkorporieren muss, aber ohne gewisse problematische Annahmen von heutigen dekolonialen und postmodernen Theorie zu übernehmen, vor denen Bookchin zurecht warnte.3
Kämpfe und Theorie befruchten sich gegenseitig
Ausgehend von den Massenmobilisationen nach dem Mord an George Floyd ist die Ausgabe Nr. 2 von “Harbinger” den Themen (Anti-)Rassismus und Kolonialismus gewidmet. Wie so oft in revolutionären Bewegungen hätten die Kämpfe auf der Strasse ihre theoretischen Inhalte, Rassismus und Abolitionismus4, ins öffentliche Bewusstsein katapultiert – und nicht umgekehrt, schreiben die Autor*innen im Editorial.
Weiter erwähnen sie das wachsende Interesse an Autor*innen der Schwarzen anarchistischen, antistaatlichen Tradition, wie Lucy Parsons, Ashanti Alston oder Modibo Kadalie, aber auch direkte Aktion gegen die Einwahnderungsbehörde ICE und gegen das Grenzregime. Aber auch den Gedanken, anstelle der Polizei die Sicherheit kollektiv selber zu organisieren. Diese Verbindung von “oppositionellen” und “rekonstruktiven” Dimensionen des revolutionären Kampfes überlappe mit der Theorie und Praxis der Sozialen Ökologie.
Die “Harbinger”-Autor*innen stellen schliesslich fest, dass die Soziale Ökologie sowohl wichtige Erkenntnisse für antirassistische Bewegungen bieten kann, als auch sich selber weiterentwickeln muss, indem sie sich mit antirassistischen und antikolonialistischen Kämpfen beschäftigt. Die neue Ausgabe von “Harbinger” sei eine Einladung, solche Ideen quer durch die Bewegungen hindurch zu diskutieren und auszutauschen.
Natur, Wildnis, rassifizierte Medizin und kolonialistische blinde Flecken
Die Autor*innen der neun Essays in “Harbinger” thematisieren ausserdem Ökofaschismus und den Naturbegriff in der Politik; sie zeigen auf, dass Rassismus auch ökologische Auswirkungen hat (anhand der Agglomeration von amerikanischen Städten); sie kritisieren eine Medizin, die auf genetischen und rassifizierten Kategorien beruht; sie beschreiben, wie mit dem Konzept von “Wildnis” indigene Völker enteignet werden. Ausserdem weisen sie auf antisemitische Tropen im Werk von Öcalan hin und vergleichen Schwarze und kurdische revolutionäre Traditionen. Ausblicke auf die Ambiguität des “Homesteading” (Siedlungen, Landsitze) und ein Aufruf, die “weissen” und kolonialistischen blinden Flecken der heutigen munizipalistischen Bewegung zu hinterfragen, runden die Ausgabe ab.
Die Ausgabe Nr. 2 von “Harbinger” kann hier komplett gelesen werden.
1 Harbinger Nr. 2, Blair Taylor: “Social Ecology, Racism, Colonialism and Identity: Assessing the Work of Murray Bookchin”
2 Murray Bookchin, Dave Foreman: Defending the Earth: A Dialogue Between Murray Bookchin and Dave Foreman, 1999, S. 23f.
3 Blair Taylor stellt ausserdem eine Forsetzung seines Essays in Aussicht, die eine auf Sozialer Ökologie beruhende Theorie des Rassismus umreissen wird. (Anmerkung: Der Essay in „Harbinger“ Nr. 2 ist sehr detailliert und kann hier nur ansatzweise skizziert werden.)
4 Abolitionismus im Sinn von “police abolition movement” (zu unterscheiden von Abolitionismus als Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei) ist eine politische Bewegung, die Polizei durch andere Systeme der öffentlichen Sicherheit ersetzen will.
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