Waren die Anarchist*innen im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Vorläufer*innen heutiger emanzipatorischer Umweltbewegungen? Das Buch Anarchistische Ökologien von Milo Probst wirft Licht auf diese faszinierende und wenig bekannte Epoche in der Ideengeschichte der Ökologie. Fest steht: Wir müssen nicht ganz von vorne beginnen, sondern finden wertvolle Theorie- und Praxiselemente bei den historischen Anarchist*innen.
Dass Karl Marx eine erstaunlich „ökologische“ Perspektive hatte, haben John Bellamy Foster oder auch Kohei Saito bereits umfassend dargelegt. Aber Marx war nicht der Einzige, der sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Metabolismen (Stoffwechselkreisläufen) und Mensch-Natur-Beziehungen beschäftigte. In seinem Buch Anarchistische Ökologien (2025) untersucht Milo Probst, wie sich Anarchist*innen im Zeitraum von etwa 1865 bis 1920 mit „Naturhaftem“ auseinandersetzten und dies als politische Praxis verstanden.
Ein konkreter Bezug zur Natur ergibt sich beispielsweise aus der Land- und Bodenfrage, die zugleich die Eigentumsfrage ist. Eine anarchistische Praxis würde hier unter anderem Niessbrauch und kommunale Vergemeinschaftung bedeuten. Komplizierter ist es im Bereich der Technik. Milo Probst demontiert das Bild, dass sozialistische Strömungen zu dieser Zeit völlig technik- und fortschrittgläubig waren. Genausowenig lehnten sie aber Technik aus Prinzip ab. Insbesondere die Anarchokommunist*innen dachten sehr differenziert und versuchten beispielsweise, technische Infrastruktur und natürliche Zyklen miteinander in Einklang zu bringen1 – so stürzen vermeintliche Widersprüche zwischen Natur und Technik in sich zusammen.
Natur spielt auch in anarchistischen Erziehungskonzepten eine Rolle. Der Bezug auf die Natur und auf den Körper kann durchaus emanzipatorisch sein, auch wenn wir heute eher dazu tendieren, hinter allem als „natürlich“ Bezeichnetem einen Essenzialismus zu vermuten – nicht ohne Grund, denn rassistische und antifeministische Kräfte berufen sich routinemässig auf „die Natur“. Probst verwehrt sich jedoch entschieden gegen Ansichten, die jeglichen Naturbezug als Essenzialismus verunglimpfen. Ein mutiger und wichtiger Positionsbezug!
Anarchistische Praxis war und ist nicht ohne Widersprüche – auch, was den Kolonialismus betrifft. So mussten sich Anarchist*innen, die ihre Commoning-Utopien etwa in Argentinien verwirklichen wollten, der Frage stellen, wie sie damit umgehen, wenn vermeintlich „wildes“ Land gar nicht menschenleer ist, sondern bereits von Menschen belebt und genutzt wird.
Milo Probst stellt die Naturbezüge der historischen Anarchist*innen mit allen Ecken und Kanten dar – etwas selektiv, anhand von wenigen thematischen und geografischen Schwerpunkten, könnte kritisiert werden, aber der Gedankengang des Buchs ist kohärent. Deutlich wird, dass Milo Probst Sympathie für die „präfigurative Politik“ der Anarchist*innen empfindet: In den Rissen der Herrschaftssysteme sei es möglich, die dominanten Beziehungsformen zu unterbrechen, zu stören und womöglich zu überwinden. Dieser Akt des Widerstrebens und Unterbrechens könne Veränderungen bewirken, weil Untergründiges an die Oberfläche geholt und Neues eingeübt werde. Es werde zwar nie gelingen, in einem einzigen Satz aus modernen Naturverhältnissen herauszuspringen; vielmehr liege es an uns – die wir „weder die Ersten noch die Letzten“ seien –, kritisch an vergangene Traditionen anzuknüpfen.
Naturalismus und das Mehr-als-Menschliche
Ein Anliegen von Milo Probst ist es, die Naturentfremdung und insbesondere die moderne Trennung der zwei Bereiche Natur und Gesellschaft zu überwinden. Dieses Anliegen teilt er mit den Verfechter*innen des „Mehr-als-Menschlichen“. Anthropologische, historische oder politiktheoretische Beschreibungen sollen nicht nur Vorgänge in menschlichen Gesellschaften analysieren, sondern auch die komplexen Relationen mit der nichtmenschlichen Natur einbeziehen. Es ist unschwer erkennbar, dass Milo Probst hier unter anderem das Denken von Philippe Descola als Ausgangspunkt nimmt. Er schlägt sich aber nicht bedingungslos auf dessen Seite, sondern kritisiert Descolas Naturalismus-Begriff als ahistorisch und vereinheitlichend. Will heissen: Das „moderne“ Naturverständnis war nicht so universell verbreitet, wie es scheint. Die von Probst beschriebenen Anarchist*innen entzogen sich dieser engen „naturalistischen“ Weltsicht; sie schlugen damals schon Löcher in die Mauer zwischen Natur und Gesellschaft.
Möglich war ihnen dies, weil sie in ihren Verhältnissen zu Naturhaftem (Boden, Technik, Erziehung, kommunale Utopien) immer schon die zwischenmenschlichen Herrschaftsverhältnisse mitdachten – im Gegensatz, so ist zu sagen, zu liberalen und bürgerlichen Umweltschützer*innen, die dafür weniger Sensibilität besitzen.
Bedeutung für die soziale Ökologie
Heutige Umweltbewegungen können viel Nützliches aus Anarchistische Ökologien schöpfen. Insbesondere die Anhänger*innen der sozialen Ökologie werden an manchen Stellen im Buch ihre helle Freude haben.
Das liegt zum Teil daran, dass Peter Kropotkin sowie Élisée und Élie Reclus viel Platz einnehmen – anarchistische Denker, in deren Tradition die soziale Ökologie steht. Über Élisée Reclus, der stark von seinen Erfahrungen mit der Pariser Kommune von 1871 geprägt ist, gelangen viele Gedanken zu Kommune, Föderation und kommunalistischen Praktiken ins Buch.2 Vielleicht mehr noch als dies in anderen aktuellen Büchern über Anarchismus der Fall ist.
Um nur einige Beispiele aufzuführen: Probst schreibt etwa darüber, wie in algerischen Dörfern die versammelte Dorfgemeinschaft Entscheidungen trifft, über demokratisch und dezentral lebende russisch-ukrainische Bauern in Österreich oder über die Vorstellung einer „Föderation von dezentralen und in den Naturräumen eingebetteten Kommunen“. Murray Bookchin, Theoretiker der sozialen Ökologie, hat in „Die Ökologie der Freiheit“ übrigens eine fast gleichlautende Formulierung verwendet.3
Auch Kropotkins Vorstellung von der Evolution der Gesellschaft und die Unterteilung in zwei „Ströme“ der Zivilsation – in eine Geschichte „von unten“ der gegenseitigen Hilfe und in eine Geschichte der Herrschenden – hat Bookchin aufgenommen, ebenso die Parallele der natürlichen Evolution (Darwin) und der gesellschaftlichen Entwicklung. Auch für Bookchin gilt, dass er Natur „als kosmische Naturgesetze in die Aushandlung der Regeln für ein gemeinschaftliches Zusammenleben“ in seine politische Konzeption integriert hat. Folgende Passage über den Anarchokommunismus um 1870 könnte auch für Bookchin gelten: „Kultur war nicht die Negation des Natürlichen, sondern die Fortsetzung von Prinzipien, die von Beginn an im Kosmos schlummerten. […] So gesehen war der Anarchismus eine Politik der Natur im weitesten Sinne. […] die Realisierung kosmologischer Prinzipien, die Menschen und Nicht-Menschen umfassten.“4
Auch über emanzipatorische Technik und das Konzept von Fülle im Anarchokommunismus hat Bookchin ausführlich geschrieben.5
Auch wenn Milo Probst nicht explizit auf die heutige Strömung der sozialen Ökologie zu sprechen kommt, so trägt das Buch doch dazu bei, einige ihrer grundlegende Ideen – die eine lange historische Tradition haben – einem grösseren Kreis von Leser*innen bekannt zu machen. Und es liefert viele theoretische und praktische Argumente dafür, dass es gute Ideen sind. Es ist Milo Probst hoch anzurechnen, dass er sich vornimmt, verschiedene „Vorstellungen von Befreiung historisch zu analysieren und nach ihrer Materialität zu befragen, statt sie vorschnell mit einem arroganten Wisch auf der Müllhalde der Geschichte zu entsorgen.“

Zum Buch: https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/anarchistische-oekologien.html
1 Und nahmen somit die heutige Strömung des Solarpunk vorweg.
2 Der Bezug zur „Gedankenwelt der Kommune“ geschieht auch über Kristin Ross, die über die Pariser Kommune und über die „Form der Kommune“ schreibt, wie sie beispielsweise bei der ZAD von Notre-Dame-des-Landes in Erscheinung getreten ist. Auf Kristin Ross beziehen sich unter anderem die Ökologiebewegung Les soulèvements de la terre, aber auch heutige Vertreter*innen der sozialen Ökologie.
3 „Diese grösseren oder föderativen Kommunen, durch Ökosysteme und Bio-Regionen miteinander verbunden, müssen kunstvoll in ihre natürliche Umgebung eingepasst werden.“ (Murray Bookchin: Die Ökologie der Freiheit, Unrast Verlag 2025, S. 419.)
4 Kritisiert werden könnte, dass Milo Probst dem anarchistischen Entwicklungsbegriff pauschal Teleologie vorwirft. Das mag im Kontext des Buchs stimmen, ist aber nicht zwingend so. Eine „Logik einer politischen Ökologie des Organismus“, die dem Leben und der Natur einen „immanent emanzipatorischen Zweck“ verleiht, muss nicht zwingend teleologisch sein, wie Bookchin mit seiner ergebnisoffenen Vorstellung von Evolution gezeigt hat.
5 Towards a Liberatory Technology https://theanarchistlibrary.org/library/lewis-herber-murray-bookchin-towards-a-liberatory-technology, Post-Scarcity Anarchism https://theanarchistlibrary.org/library/murray-bookchin-post-scarcity-anarchism-book