Vincent Gerber, Autor von Murray Bookchin und die soziale Ökologie. Eine intellektuelle Biografie, redet im folgenden Interview darüber, wie er zur sozialen Ökologie gekommen ist und wie sie in der Praxis aussehen kann, von Rojava bis zu den Gilets jaunes.
(Das Interview basiert auf der vom Netzwerk für Kommunalismus organisierten Online-Buchpräsentation vom 18. Juni 2026.)
Vincent, bitte erzähl uns, was du machst und wie du auf die soziale Ökologie gestoßen bist.
Heute arbeite ich im Verlagswesen in Genf und in meiner Ausbildung habe ich Geschichte an der Universität studiert, wo ich die soziale Ökologie entdeckt habe. Das war ein völliger Zufall in meinem ersten Jahr. Ich war 19 und in einem Seminar über die Intellektuellen des 20. Jahrhunderts mussten wir uns eine Persönlichkeit aussuchen und einen Vortrag über sie halten. Ich war kein Aktivist und schon gar nicht ein Anarchist, ich kam nicht aus diesem Milieu, aber ich hatte ein Interesse an Utopie und alternativen Gesellschaften, und ich wollte jemanden finden, der wenig bekannt ist und von dem ich tatsächlich etwas lernen konnte.
Auf der thematisch geordneten Liste standen verschiedene Namen, bei der Ökologie waren das Arne Næss von der Tiefenökologie, Rachel Carson, Ivan Illich und Murray Bookchin, den ich nicht kannte. Also schaute ich im Internet nach, um wen es sich handelt, und dann begann es mich enorm zu interessieren. Ich hielt den Vortrag bei Professor Karel Bosko. Was ich nicht wusste: Er war in den 70er-Jahren einer der Gründer der Grünen Partei in Genf. Er war ziemlich erfreut, mich über Bookchin reden zu hören, den er kannte, und er war es, der mir seine Bücher zum Lesen gab. Als ich die ersten Texte las, fand ich besonders interessant, dass die Herrschaftsfrage zu einem zentralen Punkt gemacht wird, und zu sehen, dass die Probleme, die sich stellen, viel mehr sind als die Frage des Staates oder traditionelle anarchistische Fragen, sondern dass es darum geht, wie unsere Beziehungen unter dem Gesichtspunkt der Herrschaft problematisch sind.
Sehr geprägt hat mich diese Perspektive, die Bookchin einnimmt, wenn er sich eine komplett andere Gesellschaft vorstellt und wie man sich politisch auf horizontale Weise auf der Ebene der Kommune organisieren kann. Er ging sehr weit mit diesem Gesellschaftsprojekt. Er zeigte, wie die Wirtschaft anders sein könnte, wie man politische Entscheidungen direktdemokratisch in einer Versammlung fällen kann. Und wie wichtig es für ihn ist, alle Sphären des Lebens unter dieser Perspektive einer Welt ohne Herrschaft zu behandeln.
Und das berührt ebenso die Herrschaft von Männern über Frauen, des Chefs über die Angestellten, diese ganze Reihe von Problematiken, die sich alle aus demselben Problem ergeben, das auch die ökologische Frage und die Frage der Herrschaft über die Natur umfasst.
Das war 2002, in meinem ersten Jahr an der Universität. Danach habe ich weiter Bookchin gelesen und mich sehr für seine Bücher interessiert. Als ich 2006 ein Thema für meine Abschlussarbeit suchen musste, ging ich zu meinem Professor und sagte ihm, dass ich eine Arbeit über Murray Bookchin schreiben möchte. Er empfahl mir, dies zu tun, denn es gab sonst nichts aktuelles auf Französisch über ihn. Bookchin war in den medialen und intellektuellen Debatten komplett in Vergessenheit geraten. In Frankreich redete man in den 80er- und 90er-Jahren viel über ihn, aber in den 2000er-Jahren kannte niemand mehr Bookchin.
So habe ich mich in die Thematik hineingestürzt. Das war 2006 – genau in dem Jahr, in dessen Sommer er verstarb. Mit seinem Tod erschienen dann auf einmal eine Menge von Beiträgen.
Wie kamst du dazu, ein Buch über Murray Bookchin zu schreiben?
Ich griff meine Arbeit, die ich zwischen 2006 und 2008 geschrieben hatte, wieder auf und überarbeitete sie stark über mehrere Jahre hinweg. Daraus ist das Buch entstanden, das nun auf Deutsch übersetzt worden ist.
Nach der Universität sagte ich mir, wenn ich schon so viel Arbeit hineingesteckt habe, soll es zu etwas nützlich sein. So erstellte ich die Internetseite ecologiesociale.ch, auf der ich alles zusammengebracht habe, was ich auf Französisch über Murray Bookchin finden konnte, alle Artikel und Bücher, die übersetzt worden waren, Personen, die über ihn geschrieben hatten. Ich versuchte, all diese Dokumente zusammenzutragen, die überall in Zeitschriften und im Internet verstreut waren, damit, falls jemand wieder zu Bookchin arbeiten will, alles zu finden ist und nicht die ganze Arbeit, die ich gemacht hatte, nochmals gemacht werden muss.
Ich habe seitdem viel Zeit damit verbracht, Leute zu finden, die sich für Murray Bookchin interessieren, und ihnen Fragen zu stellen. Es gab einen Professor an der EPFL in Lausanne, der ihn gekannt hatte und ein Vorstandsmitglied des Institute for Social Ecology in Vermont war. Ich rief ihn an, denn er wohnte auch in Genf, und wir trafen uns. Ich fragte ihn: Gibt es denn jemanden, der darüber forscht? Er sagte mir: Ja, es gibt dich! Es war ein bisschen so, dass sich niemand sonst für Bookchin interessierte, und das motivierte mich, den Faden wieder aufzunehmen und zu versuchen, das Buch zu publizieren.
In dem Buch wollte ich wirklich den Menschen und seine Arbeit auf eine verständliche Weise darstellen. Nicht eine universitäre, gelehrte Arbeit schreiben, sondern ein Buch, das alle lesen können, um dieses Denken so breit wie möglich bekannt zu machen.
Und so hatte ich für mehrere Jahre plötzlich den Hut des französischsprachigen Repräsentanten von Murray Bookchin auf. Als Bookchin starb, war das große Diskussionsthema, dass seine Theorie, der libertäre Munizipalismus, sich nie realisiert hatte und mit ihm sterben würde. Mein Ziel war es, zu zeigen, dass es immer noch eine Theorie war, die für heute nützlich ist und die wirklich Türen öffnen kann, um nicht zu sagen: Lösungen bietet, die aber auf jeden Fall interessante Debattenbeiträge vorzuweisen hat und auf manche Problematiken Antworten liefern kann, nach denen sich viele Menschen sehnen, die aber nie wirklich angegangen oder auf kohärente Weise behandelt worden sind.
Mein Buch erschien dann 2013 bei einem kanadischen Verlag, der bereits Schriften von Bookchin veröffentlicht hatte. Und danach kam die Idee, andere seiner Artikel neu herauszugeben, insbesondere Post-Scarcity Anarchism, was eines seiner Hauptbücher ist und meiner Meinung nach eines seiner gelungensten. Ein Teil davon war bereits auf Französisch übersetzt worden, aber seit Langem vergriffen. 2016 konnten wir es neu herausgeben. Es besteht aus Artikeln der 60er- und 70er-Jahre.
Danach veröffentlichten wir ein weiteres Buch, Pouvoir de détruire, pouvoir de créer, das rund zehn Artikel der 70er-, 80er- und 90er-Jahre enthält. Mein Ziel war, auf diese Weise das Denken von Bookchin wieder in Umlauf zu bringen, von seinen Anfängen bis zu den 90er-Jahren, damit die Leute über mein bereits erschienenes Buch hinaus einen etwas vollständigeren Überblick über seine Schriften haben können.
Und es gab noch ein weiteres Buch, ein bisschen kleiner, in einer Serie über die Vorläufer der décroissance (die französische Ausprägung von Degrowth, Anm. d. Ü.), das ich mit Floréal Romero geschrieben habe, das die Ideen der sozialen Ökologie mit der décroissance in Verbindung bringt. So folgten also mehrere Bücher, aber alles hat mit dieser intellektuellen Biografie begonnen, die ich geschrieben habe, als ich von der Universität kam.
Was hat sich seitdem verändert und wie steht es heute um die Ideen von Murray Bookchin?
Es gab einen Wendepunkt, den ihr alle kennt, denke ich, mehr oder weniger um 2018 herum, mit der Revolution, die in Rojava stattgefunden hat. Auf einmal tauchte Bookchin wieder auf und viele Menschen begannen sich für seine Ideen zu interessieren, weil der libertäre Munizipalismus plötzlich einen konkreten Ausdruck gefunden hatte, in der gegenwärtigen Welt und in einem modernen Konflikt.
Und so hat sich schlussendlich das Ziel, das ich mir gesetzt hatte, Murray Bookchin in der französischsprachigen Sphäre, jedenfalls im aktivistischen, engagierten Milieu, bekannt zu machen, unabhängig von meinem Wunsch realisiert. Ich habe auf meinem Niveau dazu beigetragen, aber es war überhaupt nicht das, was ausschlaggebend dafür war.
Aber zwischen der Revolution in Rojava und den Ereignissen in Frankreich mit den Gilets jaunes, die sich auch zu diesen Ideen bekannten, kehrte Bookchin, der in Vergessenheit geraten war, auf einmal wieder ins Zentrum der aktivistischen Debatte zurück. Es war sehr interessant zu sehen, dass ihn viele Menschen wiederentdeckten und dass sich daraus viele Sachen entwickelten.
Jetzt, wo diese Theorien besser bekannt sind und die Leute sehen, was Kommunalismus oder libertärer Munizipalismus bedeuten und dass sie nach direkter Demokratie streben, lautet die Frage: Wie können sie verwirklicht werden?
Ich glaube, heute gibt es zwei Herausforderungen: Wie kann das Denken von Bookchin eine Anwendung finden und wie kann es, seit er verstorben ist, weiterentwickelt werden. Früher ging es mir darum, Bookchin bekannt zu machen; heute geht es darum, wie wir über ihn hinausgehen können.
Hast du Vorschläge, wie seine Ideen umgesetzt werden können?
Ja und nein. Ich habe lange darüber nachgedacht. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass die Orte, an denen sich eine Art von libertärem Munizipalismus gebildet hat, wie heute in Rojava, 1936 in der Spanischen Revolution oder bei den Zapatistas, meistens dort waren, wo der Staat zusammengebrochen ist. Plötzlich zerfiel etwas, das man selber wieder aufbauen musste, wodurch es eine Öffnung gab. Aber nach und nach, als sich der Staat wieder aufrichtete und stabilisierte, wurde das demokratische Experiment zur Seite gestellt, um zu einem standardmäßigen Nationalstaat zurückzukehren. In diesem Kontext sind die Perspektiven, eine Konföderation von Kommunen oder Volksversammlungen (assemblées populaires) einzusetzen, sehr kompliziert, weil es nicht etwas ist, wonach die Leute streben. Es ist für sie nicht etwas, das auf ein vitales Grundbedürfnis antwortet.
Da ich in Genf wohne, habe ich mir ausgehend von dem Ort, den ich kenne, die Frage gestellt, wie es hier gemacht werden könnte. Es gibt einige interessante Aspekte, denn Genf ist ein kleiner Kanton, der bereits in Gemeinden und Gruppen von Quartieren unterteilt ist und der ziemlich leicht auf eine horizontalere Weise geführt werden könnte. Auf jeden Fall könnte der Gegensatz zwischen dem Kanton und der Stadt Genf aufgebrochen werden, der sehr groß ist und zu vielen Missverständnissen führt. In der kleinen aktivistischen Gruppe in meinem Umfeld haben wir viel darüber diskutiert, wie Genf unter einem libertär-munizipalistischen Modell transformiert werden könnte. Aber wir bleiben immer wieder bei der Frage stecken, wie es von den Leuten angenommen werden könnte, wie es auf ein Bedürfnis antworten könnte, und nicht als eine zusätzliche Pflicht angesehen würde, für die sie keine Zeit haben.
Daraus entstand die Idee, sich nicht auf die Städte zu konzentrieren, sondern eher aufs Land zu schauen, wo die Leute mehr Zeit haben, aber auch das Gefühl, von den Stadtzentren im Stich gelassen zu werden. Auf die abgehängten Zonen zu schauen, die verkümmern und sich wünschen, wieder lebendige Orte zu haben. Und es zeigte sich, dass es vor allem auf dem Land Probleme gibt, weil Läden schließen oder Ärzte wegziehen und es schwierig ist, ein Dorfleben zu schaffen.
Hier kann die direkte Demokratie etwas beitragen und auf Bedürfnisse antworten, weil sie eine die Dörfer neu belebt und Dorfzentren schafft, in denen die Menschen das Gefühl haben, etwas aufbauen zu können, worauf sie Lust haben und das sie an ihrem Lebensort gerne verwirklichen würden. Ein bisschen, wie es sich Bookchin vorgestellt hat. In der Stadt, wo alles teuer und übersättigt ist, ist es viel schwieriger. Deshalb denke ich, dass es in unserem sehr urbanen Kontext besser ist, sich auf die Möglichkeiten und Öffnungen auf dem Land zu stützen anstatt in den großen Städten wie Genf, wo ich tatsächlich keine Öffnung sehe.
Kannst du ein konkretes Beispiel für ein solches Projekt auf dem Land nennen?
Es gab kürzlich einige Beispiele in Frankreich, insbesondere in der Gemeinde Ménil-la-Horgne1 im Norden von Frankreich, wo der Bürgermeister, der bei den Gilet jaunes war, nicht mehr zur Wiederwahl antreten wollte. Aber es gab keine anderen Kandidierenden in der Gemeinde, also sagte er: Wir werden eine Wahlliste vorlegen, aber unter der Bedingung, dass ich nicht Bürgermeister bin, sondern dass eine demokratische Volksversammlung geschaffen wird. Das war vor vier oder fünf Jahren. Und von da an versammelten sich Menschen, die überhaupt nicht politisiert oder linksradikal waren. Ein Teil der etwa hundert Einwohnenden, zwei Drittel oder die Hälfte, konnten so ihre Bedürfnisse äußern, indem sie sagten: Das Restaurant wurde geschlossen, wir müssen eine Person finden, die es weiterführt, damit das Dorf wieder lebt und nicht alle Leute in die Stadtzentren abwandern. Sie haben auch ein Projekt für ein Windrad initiiert, das sich nicht im Besitz eines privaten Unternehmens befindet, sondern der Kommune gehört, um auf direktem Weg Energie für die Einwohnenden zu erzeugen.
Und es zeigte sich, dass das Einsetzen dieser Volksversammlung – im französischen System, das überhaupt nicht so ist, wie man es in der Schweiz kennt, und in dem es sehr wenig direkte Demokratie gibt – das kommunale Leben wiederbelebt hat. Die Leute haben auf einmal wieder die Gewohnheit aufgenommen, sich auszutauschen und zu sagen, wir wünschen dies, wir wünschen das. Und der Bürgermeister hat sich in den Hintergrund gestellt und ist nur da, um die Entscheidungen, die von der Versammlung gefällt wurden, für gültig zu erklären.
Wichtig ist, dass die Leute sich bewusst werden, was direkte Demokratie ist, und dass sie dazu gebracht werden, diese Institutionen zu nutzen, auch wenn es nur auf einer niedrigen Stufe ist, auch wenn es ein bisschen symbolisch ist. Aber oft kommen die Leute auf den Geschmack und dann kommt etwas in Gang. Ich habe in einer Wohn-Kooperative zusammen mit Studierenden im Bereich der Universität gearbeitet, und viele dieser jungen Menschen, die an den Versammlungen teilnahmen und sahen, dass sie direkt über ihren Lebensort mitbestimmen konnten, dass sie wirklich etwas entscheiden konnten, haben in der Folge diese Entscheidungsmethode beibehalten.
Und ich denke, das ist ein bisschen das Ziel der sozialen Ökolog*innen: auf diese Weise die Perspektive der direkten Demokratie einbringen. Sei es auf der Arbeit, in der Lokalpolitik, im Quartier, im Wohnblock, zu versuchen, immer einen Schritt weiterzugehen und den Leuten zu zeigen, dass es anders gehen könnte und dass direkte Demokratie tatsächlich funktionieren kann und dass sie überhaupt nicht kompliziert, weniger effizient oder absurd ist, wie man uns oft weismachen will. Sondern dass sie im Gegenteil eine Weise ist, in unserem Leben Verantwortung zu übernehmen und ein Gewicht zu erhalten, in der Tat eine Entscheidungsmacht.
Mir ist wichtig zu sagen, dass ich den Eindruck habe, das man wirklich ganz, ganz tief beginnen muss. Heute ist der Kapitalismus überall und die Alternativen sind sozusagen inexistent, auf jeden Fall in unserem europäischen Kontext. Und deshalb müssen wir bei den grundlegenden Elementen und auf kleiner Stufe anfangen, auch wenn wir wissen, dass das an sich nicht revolutionär ist. Aber es ist eine Kultur, die wir zeigen und fördern können, die später zu etwas Größerem wird. Aber im Moment ist alles so verstopft, dass ich vor allem Öffnungen und Möglichkeiten suche, um die Schwachstellen im Kapitalismus zu finden, der heute omnipräsent und sehr stark ist.
Was möchtest du uns zum Schluss noch mitteilen?
Ich denke, es ist wichtig, dass die soziale Ökologie fortfährt zu reflektieren und sich auf andere Themen hin entwickelt. Seit Bookchin gestorben ist, versuchen wenige Leute, die Prinzipien der sozialen Ökologie zu modernisieren oder zu aktualisieren. Ich denke, es ist jetzt 50 Jahre her, seit die Grundlagen gelegt wurden, und es gibt Sachen, die wir im Hinblick auf heute überdenken müssen, oder Elemente, die wir entwickeln müssen, die er selber wenig entwickelt hat, wie die Wirtschaft oder solche Sachen – versuchen, einen Schritt weiter zu gehen.
Das ist die andere große Herausforderung heute, wenn wir erfolgreich überzeugen wollen: seine Anfänge wieder aufnehmen und zeigen, wie wir sie auf unsere Zeit, unseren Kontext, unsere Gesellschaft adaptieren können, und zu schauen, welche Öffnungen oder welche Entwicklung gedacht werden können. Vielleicht gibt es Sachen zu kritisieren, zu verbessern. Ich denke, ein Denken ist nie fertig, es sollte nie erstarren, sondern immer hinterfragt werden. In diesem Sinn ist es wichtig, dass sich die soziale Ökologie weiterhin entwickelt und dass diese Ideen modernisiert und in aktuellen Kontexten angewendet werden.
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(Publikumsfrage) Kannst du mehr über den Zusammenhang von sozialer Ökologie und den Gilet jaunes erzählen?
Am Anfang ging es bei den Gilets jaunes vor allem um Benzinpreise und individuelle finanzielle Probleme. Aber eine Gruppe von Gilets jaunes, die ein bisschen mehr links war, hat sich in Commercy zusammengefunden und die Idee aufgenommen, eine »Kommune der Kommunen« zu schaffen, inspiriert von Bookchin. Sie standen in Verbindung mit Sixtine van Outryve2, die viel über die soziale Ökologie geschrieben hat und diese Alternative gefördert hat, ein Projekt, das etwas Neues brachte, das bisher gefehlt hatte und das über Protest hinausging.
Es begann zu wachsen und eine Konföderation von Kommunen entwickelte sich am Rand der offiziellen Macht, wie es Bookchin wollte, als ein politisches Projekt, eine politische Strategie. Aber dann kam 2020 und Covid, und mit dem Beschluss, dass alle zu Hause bleiben müssen, hat die französische Regierung diese Bewegung erstickt. Zwei Jahre später gelang es nicht, den Faden aufzunehmen und schließlich kam alles zu einem Ende.
Und was Ménil-la-Horgne betrifft: Der alte Bürgermeister war sehr in die »Kommune der Kommunen« in Commercy involviert, er hatte an diesen Zusammenkünften teilgenommen, er hat Bookchin gelesen und fand, ein bisschen wie ich, ja, das ist eine sehr gute Lösung, eine sehr gute Idee, und sagte sich, jetzt ist die Gelegenheit, das auf einer kleineren Ebene umzusetzen und etwas von diesem Projekt der Gilets jaunes zu bewahren.
Interessant an diesem Beispiel der Gilets jaunes ist, dass es zeigt, dass es ein Interesse für die direkte Demokratie gibt, als Alternative zur repräsentativen Demokratie, die heute in der Kritik steht und sich immer mehr in Richtung einer Aristokratie entwickelt.
Und darauf müssen wir bauen. Hier müssen wir ansetzen, um etwas zu erreichen. Diesen populären Appell gilt es zu finden.
(Publikumsfrage) Gibt es Unterschiede zwischen den Dörfern in Frankreich und Deutschland?
Gute Frage. Ich denke, die Besonderheit der Dörfer in Frankreich ist, dass sie sehr wenig demokratisch sind. Der Bürgermeister und seine Beigeordneten entscheiden quasi alles. Während es in Deutschland, glaube ich, eher wie in der Schweiz ist, wo es zumindest einen Gemeinderat oder ein Gemeindeparlament gibt, das viel mehr Macht hat als in Frankreich. Ich kenne das deutsche System schlecht, aber ich denke, dass es viel föderalistischer ist als dasjenige in Frankreich, das sehr hierarchisch ist.
(Publikumsfrage) Die politischen Strukturen sind das Eine, aber die Idealisierung des Landlebens sieht aus der Perspektive eines deutschen Dorfkindes vielleicht etwas anders aus, weil die Sozialstruktur anders ist. Mein persönlicher Eindruck ist, dass es in Frankreich mehr alternative Strukturen auf dem Land gibt.
Ja, aber in Frankreich gibt es beides. Ménil-la-Horgne zum Beispiel ist sehr rechts, es ist überhaupt nicht ein alternatives Dorf. Viele haben die rechtsextreme Partei Front National gewählt. Aber es stimmt, dass es dieses Element in Frankreich gibt, insbesondere in der Nähe von Genf gibt es viele alternative Orte, aber es gibt auch viel konservativere Dörfer, die rechts wählen und nicht besonders offen für Anderes sind. Aber am Ende streben auch rechts eingestellte Menschen nach einer direkten Demokratie. Das sieht man sogar bei der UDC (Union de la droite et du centre, Wahlallianz zwischen Rechts und Mitte-Rechts). Es gibt trotz allem Bereiche, wo man sich trifft, manchmal unglücklicherweise, unabhängig von politischen Gräben. In den Gemeinden jedenfalls geht es den Leuten um ihre Bedürfnisse. Die politischen Grundfragen sind dabei nicht unbedingt aussagekräftig – man könnte überrascht werden!
Übersetzung: NfK
1Crowdfunding für einen Dokumentarfilm über Ménil-la-Horgne: https://www.helloasso.com/associations/condor-vision-production/collectes/une-democratie-directe-en-actes
2Sixtine van Outryve: Realising direct democracy through representative democracy: From the Yellow Vests to a libertarian municipalist strategy in Commercy, https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/00420980231156026