Careworker*innen sollten an vordester Front sein, wenn es darum geht, eine Graswurzel-Bewegung zu organisieren und ein kommunalistisches Gesundheitswesen zu realisieren. Diejenigen, die ihre Dankbarkeit für Gesundheitskräfte in der Covid-Krise ausdrücken wollen, sollten in Solidarität mit ihnen stehen, während sie ihre Autonomie durchsetzen und für ein neues System kämpfen, das Menschen und die Gesundheit der Bevölkerung über Profite stellt.
Der folgende Text ist ein übersetzter Ausschnitt aus dem Artikel „Reclaiming public health: the communalist healthcare model“ von Justin B. Gifford, erschienen in Roar Magazine, 20.7.2020.
Die Pandemie hat das Versagen einer hierarchischen, profitorientierten Gesundheitsversorgung deutlich gemacht – Soziale Ökologie bietet ein Modell, um das Gesundheitswesen zu demokratisieren.
Die zentrale These der Sozialen Ökologie, ursprünglich von Murray Bookchin entwickelt, lautet, dass ökologische Krisen soziale Krisen sind. Die Akkumulation von Reichtum und Macht kommt nur zustande auf Kosten und durch die weltweite Ausbeutung von Anderen sowie der Natur. Kapitalist*innen und Oligarch*innen plündern die natürliche Welt, als ob sie unendlich wäre, so wie sie es auch mit der Arbeitskraft der Arbeitenden tun. Natürliche Ressourcen haben jedoch Grenzen und ihre Übernutzung hat katastrophale Folgen. Dasselbe gilt für menschliche Ressourcen.
Es ist heute bekannt, dass das Auftauchen von zoonotischen Krankheiten wie Covid-19 durch die Zerstörung von Lebensräumen verursacht wird. Wenn wir in engem Kontakt mit Tieren stehen, sind wir neuartigen Infektionen ausgesetzt. Um zukünftige Pandemien zu verhindern und ein System zu entwickeln, in dem Carework geschätzt wird, müssen wir uns systematisch von hierarchischen Top-down-Beziehungen befreien. Das geschieht nicht, indem alle Macht abgeschafft wird, sondern indem sie demokratisiert wird. Die Gesellschaft muss sich ein komplettes Rahmengerüst aneignen, das ökologische, soziale, politische und wirtschaftliche Harmonie in Erwägung zieht.
Eine auf Sozialer Ökologie basierende Gesellschaft würde eine sozialisierte Medizin anwenden: Sie würde das Profitmotiv, unvertretbare administrative “Overherad”-Kosten sowie überteuerte Medikamente und Behandlungen aus der Gleichung herausstreichen, wie auch Wertschöpfung, die durch Krankenkassen- und Spitalprofite gestohlen wird. In einem solchen System würden die Grundbedürfnisse aller gestillt werden. Dies entspricht dem, was Anthropolog*innen und Sozial-Ökolog*innen das “irreduzible Minimum” nennen.
Entscheidungen würden auf der kleinstmöglichen Ebene gefällt, im Verständnis, dass wir alle miteinander verbunden und voneinander abhängig (interdependent) sind. Traditionelle Hierarchien in Spitälern könnten aufgelöst werden durch die Schaffung kleinerer, direktdemokratischer Untereinheiten, also etwas, das oft als “Kommunen” oder “Räte” bezeichnet wird. Diese Untereinheiten arbeiten zusammen in gegenseitigem Vertrauen, um lokale Probleme durch Konsens oder Mehrheitsentscheid zu lösen. Sie vernetzen sich mit anderen Untergruppen in einer Nachbarschaft oder Stadt, um gemeinsame Ziele zu diskutieren und zu gegenseitig annehmbaren Problemlösungen zu gelangen.
Eleanor Finley unterscheidet in ihrem Essay über Kommunalismus zwischen Macht und Administration. “Administration umfasst Aufgaben und Pläne, die sich auf die Umsetzung von politischen Grundsätzen beziehen”, schreibt sie. “Macht, auf der anderen Seite, bezeichnet die konkrete Fähigkeit, politische Grundsätze und grosse Entscheidungen zu treffen … Beim Kommunalismus ruht die Macht in dieser kollektiven Körperschaft, während mandatierte Räte delegiert werden, sie umzusetzen.”
In einem kommunalistischen Spital hätten Administrator*innen keine “Macht”, wie im heutigen System, sondern würden den Arbeiter*innen dienen und die Mandate ihrer kollektiven Körperschaften tragen. In diesem Fall entspricht die “kollektive Körperschaft” einer kleineren Untereinheit wie der Intensivstation oder der Notfallabteilung. Jede dieser Untereinheiten würde regelmässige Versammlungen abhalten, wo Entscheidungen basisdemokratisch gefällt werden. Diese Einheiten würden sich dann miteinander konföderieren, um eine grössere Körperschaft zu bilden.
Entscheidungen würden jeweils so weit unten wie möglich gefällt. Beispielsweise würde der Entscheid, neue Intensivstation-Geräte anzuschaffen, auf der Ebene der Intensivstation gefällt. Die Entscheidung, dem Spital eine neue strategische Rolle zu geben, würde auf Spitalebene gefällt. Die Entscheidung, den regionalen Pflegefachkräften neue Verantwortlichkeiten zu geben, würde auf regionaler Eben gefällt. Solche Entscheidungen würden nicht durch “Leiter*innen” gefällt, sondern von Untereinheiten und ihren Delegierten, die kollektiv die Bedürfnisse und Perspektiven ihrer jeweilgen Gruppe besprechen. Diese Delegierten müssen wiederrufbar sein, rotieren, und ein limitiertes Mandat haben.
Ein kommunalistisches Gesundheits-Grundgerüst würde auch Gewerkschaften miteinbeziehen, und zwar horizontal organisierte. Die Arbeiter*innenbewegung in den USA erlebt ein Wiederaufleben, wie wir es in den letzten Jahrzehnten nie gesehen haben, und die Gesundheits- und Lehrkräfte-Gewerkschaften sind führend dabei. Diese Berufe sind hauptsächlich mit Frauen aus der Arbeiter*innenkalsse gefüllt. Die Erfolge dieser Gewerkschaften kamen nicht durch die Gewerkschaftsspitzen zustande, sondern durch die Graswurzelorganisation der Arbeiter*innen im Rahmen der Gewerkschaft. Echte Gleichstellung heisst, dass Gesundheitsfachkräfte, die die täglichen Probleme im Spital kennen, auf demokratische Weise in den Entscheidungsprozess involviert sind.
Direkte Demokratie heisst nicht, dass der Arbeitsplatz durch die Arbeiter*innen allein kontrolliert wird, sondern sie würde auch Patient*innen und die breitere Gesellschaft ermächtigen, sodass sie sich inhaltlich einbringen können und demokratische Kontrolle über die Prozesse im Gesundheitswesen ausüben könnnen. Das ist die Essenz des Kommunalismus. Dieses System wird direkt durch die Menschen in einer Gesellschaft kontrolliert, nicht nur durch Interessengruppen oder hegemonische Führer*innen.
Ein ideales System ist eines, das die Interdependenz der Menschen wertschätzt und anerkennt, wie wir alle verbunden sind und uns aufeinander verlassen. Dieses Jahr haben Pfleger*innen und Care-Angestellte weltweit Millionen von Leben gerettet. Ein kommunalistisches System würde Carework und Careworker*innen jeden einzelnen Tag wertschätzen, nicht nur in Krisenzeiten.
In der traditionellen medizinischen Ausbildung und in Gesundheitsprogrammen wird nichts über systemische gesellschaftliche Probleme gelehrt. Wir werden im Glauben gelassen, dass die Dinge so sind, wie sie sein sollen – dass Ärzt*innen die Befehle geben und Pfleger*innen gehorchen müssen. Die Probleme des bestehenden Systems lassen sich aber nicht einfach dadurch lösen, dass die Unterdrückten mehr Repräsentation erhalten und zu Alibi-Vorzeige-Leader*innen werden, sondern indem ein neues System erschaffen wird, das Hierarchie, Unterdrückung und Unterwerfung von vornherein abschafft.
Der Kampf für ein kommunalistisches Gesundheitswesen
Rund um die Welt gibt es Beispiele für selbstorganisierte Systeme, die als kommunalistisches Gesundheitsprojekte gelten können. Dazu zählt etwa, wie die Menschen von Rojava in Nord- und Ostsyrien ihre Gesellschaft inklusive Gesundheitswesen verwalten, die kostenlosen Kliniken der Black Panther Party, die Kooperative Vio.me in Griechenland, die Mondragon-Kooperativen in Spanien, unter vielen anderen auf der ganzen Welt. Diese Graswurzelprojekte sind oft imstande, mit weniger Ressourcen mehr Wertschöpfung im Verhältnis zu ihren Investitionen zu erzielen als das US-Gesundheitswesen. Ganz zu schweigen von den riesigen traditionellen Strukturen des Heilwesens und der kollektiven Entscheidungsfindung, wie sie von indigenen Völkern überall auf der Welt praktiziert werden.
Nach den Morden an George Floyd und Breonna Taylor, sahen wir hier in Seattle, wie die Risse im System breiter wurden und wie Durchschnittsbürger*innen die Legitimität dieses Systems infrage stellten. Dazu gehörten auch Pflegefachkräfte und andere Arbeiter*innen im Gesundheitswesen. An der Capitol Hill Autonomous Zone (CHAZ) beteiligten sich viele Menschen aus Gesundheitsberufen, indem sie Erste Hilfe für Demonstrant*innen leisteten. Diese mutigen Careworker*innen wurden dann explizit von der Polizei angegriffen, eine Institution, die behauptet, ihr Job sei, “zu dienen und zu beschützen”.
Die Menschen, die sich um Patient*innen kümmern, erkennen nun die Verbindung zwischen verschiedenen hierarchischen Systemen wie Rassismus, Polizeiwesen und Gesundheitskrisen, und sie beteiligen sich an Direkter Aktion, um diese Unterdrückungssysteme zu beenden. Am 6. Juni 2020 organisierten Gesundheitsarbeiter*innen eine Demonstration gegen das rassistische Polizeidepartement von Seattle. Dieser Protest brachte “die Verbindungen zwischen Rassismus, Covid-19 und Polizeibrutalität” ans Licht.
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Doch hierarchische Systeme sind immer noch aktiv in unseren Institutionen. Wir werden keine gerechte Gesellschaft sehen, solange wir uns nicht von diesen Unterdrückungssystemen befreien. Das ist nicht einfach getan mit der Zerstörung des Alten, sondern indem wir auf positive Weise nach einer Vision suchen und daran arbeiten, diese zu erschaffen.
Careworker*innen sollten an vordester Front sein, wenn es darum geht, eine Graswurzel-Bewegung zu organisieren und ein kommunalistisches Gesundheitswesen zu realisieren. Diejenigen, die ihre Dankbarkeit für Gesundheitskräfte in der Covid-Krise ausdrücken wollen, sollten in Solidarität mit ihnen stehen, während sie ihre Autonomie durchsetzen und für ein neues System kämpfen, das Menschen und die Gesundheit der Bevölkerung über Profite stellt. Während Careworker*innen kämpfen und die “Commons reclaimen” im Namen der Gesundheit statt der Profite, müssen wir sie nähren und umsorgen, wie sie sich um uns sorgen in unseren dunkelsten Tagen.
Fotohinweis: A health worker participates in the „White Coats for Black Lives“ protest in New York. June 2020. Photo: Jennifer M. Mason / Shutterstock.com

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