Stadtteilarbeit ist eine relativ neue Strategie, die in ausserparlamentarischen linken Bewegungen auf grosses Interesse stösst. Im folgenden Text berichtet die Organisation «Berg Fidel Solidarisch» von ihren Erfahrungen und klärt einige offenen Fragen.
Aus der «linken Bubble» ausbrechen und die Menschen dort erreichen, wo sie leben – das ist der Ansatz der «Stadtteilarbeit», auch «Basisorganisierung» genannt. Die Idee ist, sich auf einen bestimmten Stadtteil, auf ein Quartier, zu konzentrieren und dort aktiv zu werden, wo verschiedene Unterdrückungsmechanismen in der Lebensrealität der Menschen aufeinandertreffen: Armut, hohe Mieten, Gentrifizierung, feministische Kämpfe, Probleme am Arbeitsplatz oder mit Ämtern.
Mit Haustürgesprächen und an Ständen können Kontakte hergestellt und herausgefunden werden, was die Anliegen der Stadtteilbewohner*innen sind. Das Ziel ist, dass daraus regelmässige Treffen und selbstorganisierte Strukturen entstehen, mit denen die Menschen im Quartier ihre Situation konkret verbessern können. Dahinter steht aber auch eine übergreifende Perspektive: dass aus den vielerorts aufkommenden Lokalgruppen eine grosse Bewegung wird, die eine «Gegenmacht von unten» darstellt – eine revolutionäre Perspektive, die grosse Ähnlichkeiten mit Kommunalismus/Munizipalismus, den Zapatistas oder auch Rätekommunismus aufweist.
In letzter Zeit bilden sich immer mehr Gruppen, die einen solchen Ansatz verfolgen. 2016 fand in Münster die Strategiekonferenz «Lasst uns reden» statt, 2017 in Berlin der Kongress «Selber machen». In der Schweiz hat sich in Basel «Kleinbasel Solidarisch» gegründet und auch in anderen Städten wird über das Thema diskutiert. Vor allem dank dem Buch «Revolutionäre Stadtteilarbeit» (2022) sind breitere Kreise auf die Stadtteilarbeit aufmerksam geworden.
Auch Berg Fidel Solidarisch gibt in dem Buch ein Interview. So ist z. B. zu erfahren, dass sie gemeinsam mit Mieter*innen für bessere Wohnbedingungen kämpfen – gegen LEG, den zweitgrössen Immobilionkonzern Deutschlands – und dass sie unter anderem eine feministische Arbeitsgruppe aufgebaut haben. Nach der Lektüre des lesenswerten Buches beiben trotzdem einige praktische und theoretische Fragen offen. Wir haben versucht, diese in einem Gespräch mit einem Aktivisten von «Berg Fidel Solidarisch» in Münster zu beantworten.
Was war der Auslöser – konkrete Probleme im Stadtteil oder eine übergeordnete Strategie?
«Wir haben nach Wegen gesucht, wie wir ander Politik machen können», erzählt Jan. Er kommt aus der radikalen Linken, die 2016 Teil der Strategiediskussion in Münster war, seitdem sind einige Aktive zu der Initiative gestossen, sowohl aus der Linken als auch aus dem Stadtteil selbst. Die Initiative «Berg Fidel Solidarisch» ist also nicht wegen konkreter Problme vor Ort entstanden. Der Ausgangspunkt war vielmehr ein strategischer Gedanke. Und es sei kein Zufall gewesen, dass sich die Gruppe genau zu diesem Zeitpunkt gebildet habe, fügt Jan hinzu: «Die Revolution in Rojava war ein Bezugspunkt.» Über die Thematik Rojava seien sie übrigens auch mit Bookchin und Kommunalismus in Berührung gekommen, fügt er hinzu.
Ist es denn «authentisch», wenn Aktivist*innen von aussen in ein Quartier gehen und den Bewohner*innen sagen, wie sie «Selbstorganisation machen» können?
Jan antwortet auf diese Frage, dass die neue Gesellschaft halt nicht von alleine kommt, sondern dass man daran arbeiten muss. Das kapitalistische System verhindere dies durch Individualismus, Vereinzelung und Konkurrenz. Zudem ist das «Aussen» eine Illusion: «Uns verbindet das Bedürfnis nach einer anderen Art zu Leben und uns verbinden auch die Erniedrigungen im kapitalistischen System. Das bedeutet nicht, dass wir alle gleich sind, aber diese Gemeinsamkeiten sind stark.»
Das Argument, dass eine bestimmte Form von Aktivismus «nicht authentisch» sei, komme oft. Jan entkräftet es mit dem Verweis auf den demokratischen Anspruch: Es gehe ja darum, die Leute demokratisch einzubinden. «Dazu müssen wir zuerst Räume eröffnen, wo Demokratie stattfinden kann.»
«Von unten» ist für Berg Fidel Solidarisch eine zentrale Formel: «Wir schauen, welche Themen und welche Ängste da sind. Wir sehen, wo die Interessen liegen, und bringen die Leute zusammen», so Jan. «Immer mit einer solidarischen und klassenkämpferischen Ausrichtung.»
Als sich die Aktivist*innen entschlossen haben, ihre Kräfte auf einen Stadtteil zu konzentrieren, suchten sie sich bewusst Berg Fidel aus. Die Frage «Wo sind die Leute, die das grösste Interesse an Veränderung haben?» stand hinter dieser Entscheidung. Bei Befragungen an Infoständen und beim «Haustürklingeln» erfuhren sie, was die Leute beschäftigt, etwa Probleme mit dem Arbeitsamt, die Mieten, Armut, Vereinzelung, aber auch die Sinnhaftigkeit im Leben. Daraus entwickelten sich verschiedene Praxen, etwa der Kampf gegen die LEG. «Oder manche brauchen einfach ein gemeinsames Frühstück, um miteinander in Kontakt zu kommen, fügt Jan hinzu.
Auf einer anderen Ebene war der Entscheid für Berg Fidel auch ein strategischer. Da die Aktivist*innen zahlenmässig nicht gross waren, wollte sie da anfangen, wo es am erfolgversprechendsten war. Wenn die Bewegung dann wächst, können auch andere Orte und Zielgruppen in Betracht gezogen werden. «Wenn wir hier Erfahrungen und Erfolge sammeln, können wir auch anderswo selbstbewusster auftreten», sagt Jan.
Zur Organisationsform
Organisatorisch ist Berg Fidel Solidarisch schon ein bisschen weiter als zur Zeit, als sie für das Buch interviewt wurden. Es wurden verschiedene Ebenen der Beteiligung geschaffen, die berücksichtigen, dass Leute, die arbeiten müssen oder Familie haben, nicht an jedes Treffen kommen können, und andere, wie Studierende oder Arbeitslose, mehr Zeit haben.
Strukturell ist Berg Fidel wie folgt aufgestellt:
- Entwicklungstreffen alle zwei Wochen (für die Initiativekräfte)
- Aktiventreffen alle zwei Wochen (für die Aktiven)
- mehrere Kommissionen
- regelmässige Vollversammlung
Grosse Themen werden bei der Vollversammlung gemeinsam besprochen, es ist aber nicht der Anspruch, dass alles von allen mitentschieden werden muss. Daher ist es wichtig einen gemeinsamen inhaltlichen Rahmen zu haben, innerhalb dessen dann Entscheidungen getroffen werden können.
Wie geht ihr mit Rassismus, Sexismus usw. in euren eigenen Reihen und im weiteren Umfeld um?
In den Grundsätzen stehe drin, dass gewisses Verhalten nicht akzeptiert wird. Darauf könne verwiesen werden, um Leute im Zweifel auszuschliessen. «Wir versuchen aber, das möglichst selten anzuwenden und die Leute zu integrieren und eine Veränderung anzustossen», erzählt Jan. «Natürlich können wir aber kein Verhalten akzeptieren, welches andere ausschliesst.» Es sei aber ein Spannungsfeld, in dem sich die Praxis noch entwickle und wo es noch keine mustergültige Lösung gebe. Bei Haustürgesprächen sei es enfacher, eine Linie zu ziehen: «Wenn sie z. B. rechte Sachen äussern, laden wir die nicht an ein Treffen ein.»
Welche Beziehung habt ihr zu Arbeitskämpfen und anderen sozialen Bewegungen?
Berg Fidel Solidarisch versucht aktiv, mit anderen Bewegungen Kontakte zu knüpfen. Das betrifft auch Arbeitskämpfe: Beispielsweise haben sie mit LEG-Arbeiter*innen eine Aktion durchgeführt und sich mit Streikenden im Uni-Klinikum solidarisiert. Jan sieht keine Trennung zwischen Arbeitskämpfen und Stadtteilarbeit: «Hier leben die Leute als ganzheitliche Menschen – sie sind Arbeiter*innen, aber auch Mieter*innen, migrantische Personen, Deutsche und immer mehr als nur dies. Die Idee ist, diese diversen Perspektiven zu verknüpfen, um so zu einer umfassenderen Systemkritik zu kommen und zu einer Vision, in der wir alle Platz haben.»
Ausserdem setzt sich Berg Fidel Solidarisch dafür ein, dass die Stadtteilarbeit als Bewegung insgesamt wächst: «Wir wollen mehr werden!» Es gehe nicht nur um den Stadtteil, sondern darum, eine Bewegung aufzubauen. Unter anderem bestehen intensive Kontakte zu «Solidarisch in Gröpelingen» in Bremen.
Besteht die Gefahr, dass Stadtteilarbeit von Parteien vereinnahmt wird?
Viele Parteien und Politiker haben bereits den Kontakt zu der Initiative gesucht. «Wir sind da immer sehr vorsichtig und haben in unseren Grundsätzen klar dass wir unabhängig von Parteien sind», bemerkt Jan. «Zu Beginn unserer Arbeit hatten einige aus der Nachbarschaft noch ein positives Bild von Parteien, aber es war dann eine wichtige Erfahrung zu sehen, dass sie auf eine andere Weise Politik machen als wir.»
Stadtteilarbeit sei nicht eine einmalige Kampagne, deshalb falle es auf, wenn Politiker*innen zwei Mal kämen – besonders vor den Wahlen – und dann nicht mehr. «Wir sind immer noch da – wir funktionieren nach einer eigenen Logik, und das überzeugt die Leute.»
Wie findet ihr Motivation für eure Arbeit?
Eine Demo zu organisieren führt zu anderen Erfolgserlebnissen, als Stadtteilarbeit zu machen, die oft nach einer anderen Logik funktioniert. Aber es gibt viele kleine Erfolge: «Es ist wichtig zu merken was es für Leute bedeutet, mit ihren Problemen nicht alleine zu bleiben und zu merken dass andere die selben Probleme haben. Und wenn es uns gelingt, dass wir Interessen gegen z. B. die Vermieter durchsetzen können, dann sind das wichtige Erfolge. Das schafft nicht den Kapitalismus ab, aber wir erfahren darin unsere eigene kollektive Macht und durchbrechen die Hoffnungslosigkeit».
Ganz wichtig sei der Prozess der Subjektivierung, also dass die Leute für sich einstehen – und das auch solidarisch weitergeben. «Das gibt uns Kraft und Hoffnung.» Letztlich sei es das: Beziehungen aufbauen.
Bei den aktuellen Preissteigerungen hat sich gezeigt, dass die Formen klassischer Bewegungen nicht in der Lage sind, angemessen darauf zu reagieren. Berg Fidel Solidarisch führte zu diesem Thema eine Versammlung durch, zu der 80 Personen kamen. Laut Jan hat sich an dem Anlass eine gute Dynamik entwickelt, sodass manche Leute zum ersten Mal über das Thema reden konnten und aus subjektiver Position gesagt haben: «Das ist nicht gerecht!» Die Preissteigerung werden auch weiterhin ein heisses Thema bleiben; unter anderem stehen in Deutschland grosse Tarifrunden an, bei denen es um 10 bis 15% mehr Lohn geht.
Zum Schluss eine provokative Frage: Bringt Stadtteilarbeit überhaupt etwas für die Revolution?
«Das muss sich zeigen», äussert sich Jan dazu: «Mit Blick auf die Revolution gibt es keine Gewissheit».
Aber: Berg Fidel Solidarisch ist jetzt seit vier bis fünf Jahren daran, diese Bewegung aufzubauen und die bisherigen Erfahrungen sind vielversprechend und geben Motivation, dass es funktionieren könnte. «Es ist immernoch ein Experimentieren, aber im Stadtteil merken wir unser Wirken: Wir sind mehr geworden und relativ gut verankert. Wir haben gemeinsam wichtige Erfahrungen gemacht und viele haben sich politisiert, das sind für uns Erfolge», so Jan.
Bei der Stadtteilarbeit gehe es immer auch darum, dass durch die einzelnen Aktivitäten die Bewegung insgesamt wächst. Das zeigt sich auch in den entstehenden überregionalen Strukturen, wie z. B. dem Austausch mit Bremen.
«Die Frage ist auch, wie verstehen wir Revolution? Welches Bild haben wir von ihr?», schiebt Jan nach. Wenn das Ziel sei, mit einer kleinen Gruppe die Macht zu übernehmen, dann brauche es keine Stadtteilarbeit. «Wenn wir aber sagen, wir wollen eine Gesellschaft von unten, dann müssen die Leute Erfahrung sammeln mit Selbstverwaltung und Organisation. Dann ist zentral, was wir machen.»
Fest steht: Die Gesellschaft kann nicht in einem einzelnen Stadtteil verändert werden. Aber die Stadtteilgruppen können sich vernetzen, Bildungsstrukturen schaffen und Erfahrungen weitergeben, damit nicht alle von Null anfangen müssen.
Weitere Links zum Thema:
Stadtteilbasisbewegung: Die Konstruktion einer Alternative (Untergrund-Blättle)
Buch «Revolutionäre Stadtteilarbeit» (Unrast Verlag)
Buchbesprechung der Autor*innen (Communaut)
Video über Stadtteilarbeit in Berg Fidel
Solidarisch in Gröpelingen (Bremen)
Kiezkommune: basisdemokratische Selbstverwaltung im Hier und Jetzt

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