Glitzer im Kohlestaub

„Glitzer im Kohlestaub“ ist ein nützliches Buch für alle Klimaaktivist*innen und Sympathisant*innen der Klimagerechtigkeitsbewegung. In kurzen Kapiteln, die kreuz und quer gelesen werden können, erzählt es von Camps und Besetzungen wie z. B. im Hambacher Forst und bringt Themen wie Aktionsformen, Pressearbeit oder Antirassismus auf den Punkt.

Die Herausgeber*innen, das Kollektiv „Zucker im Tank“, betonen bereits am Anfang des Buches, wie zentral der Kolonialismus für die Klimakrise ist. Mit dem Aufkommen des imperialen Wirtschafts- und Machtsystems hat der Prozess begonnen, der dazu führt, dass heute nicht nur das Überleben der Menschheit gefährdet ist, sondern auch dazu, dass die negativen Auswirkungen der Kimaerwärmung extrem ungleich verteilt sind. Genauso alt ist jedoch der Widerstand. Auf jeder der über 400 Seiten führt das Buch deshalb unten am Rand ein Beispiel des antikolonialen Widerstands von 1564 bis heute auf.

Der Themenkomplex Kolonialismus/Rassismus/weiss*-Sein zieht sich weiter, etwa in Form der ernüchternden Feststellung, dass rassistisches Verhalten leider auch in der Klimabewegung verankert sind, wie das Beispiel von Fridays for Future in Deutschland zeigt. Auch die Medien reproduzieren diese Muster, indem sie oft BIPoC als Interviewpartner*innen ablehnen, was Klimaorgas vor das Dilemma stellt, ob sie diese Muster durchbrechen oder ob sie in den Medien vertreten sein wollen.

Weitere Kapitel sind dem Ableismus oder der psychologischen Gesundheit im Aktivismus gewidmet. Die Autor*innen legen Wert auf eine intersektionale Betrachtungsweise, was sich auch darin widerspiegelt, dass sie Content Notes anbringen, wenn ein Kapitel beispielsweise Schilderungen von Polizeigewalt und Erfahrungen mit erkennungsdienstlichen Massnahmen (ED) enthält.

Praktischerweise kann jedes Kapitel, je nach Interesse, für sich gelesen werden, wodurch das Buch zu einem nützlichen Nachschlagewerk für eine Vielfalt von Themenbereichen wird.

Camps und Besetzungen

Das Grundgerüst bilden die Storys der Klimaaktionen, Camps, Besetzungen und Bewegungen der letzten 10, 15 Jahre, hauptsächlich im Norden und Westen von Deutschland. Es wird beschrieben, wie die Klimacamps von England nach Deutschland kamen. Die ersten Camps in England konnten an eine Tradition aus den 1990ern anschliessen, als sich Widerstand gegen die Strassenbaupläne in der Thatcher-Ära bildeten. Viele der heutigen Aktions- und Blockadetechniken wurden aus diesen Erfahrungen übernommen. 2010 wurde dann das erste Klimacamp im Rheinland organisiert. Das Buch wirft ausserdem einen Blick auf die vorangehende Umweltbewegung in der DDR.

Spannend wirds dann, wenn beispielsweise eine aktivistische Person in der Ich-Perspektive von der Räumung des sechs Meter tiefen Tunnelsystems im Hambacher Forst erzählt. Interessant ist auch, wie die Entstehung von Fridays for Future mit der basisdemokratischen Organisationsform und den autonomen Ortsgruppen ausgebreitet wird. Nebenbei erhalten die Leser*innen Praxistipps für den Umgang mit Medien, Parteien und anderen Orgas.

In einem Interview schildern Aktivist*innen, wie der Alltag am Rand der Kohlegrube im widerständigen Dorf Lützerath aussah (das leider wenige Monate nach Erscheinen des Buches geräumt wurde). Die Menschen dort hätten versucht, die „Utopie einer Gesellschaft ohne Unterdrückung und Ausbeutung“ vorzuleben und zu zeigen, dass ein „gutes Leben für alle“ möglich sei. Eine solidarische Landwirtschaft sei aufgebaut worden, es seien dauerhafte Wohngemeinschaften entstanden und der Wille zum Widerstand sei spürbar gewesen.

Viele Aktionsformen

Wertvoll sind die eingestreuten theoretischen Exkurse, zu Themen wie “Mit der Presse sprechen” oder zu direkter Aktion und zivilem Ungehorsam. Ein Kapitel erörtert relativ umfassend das Thema Gewalt versus Gewaltlosigkeit und legt verschiedene Aspekte dar. Die Autor*innen stellen sich eher auf den Standpunkt, dass der Gewaltbegriff als Herrschaftsinstrument verstanden werden sollte. Gewaltfreiheit und die Einteilung in “gute” und “schlechte” Aktivist*innen sei unter Umständen eine sehr eurozentrische Position. Das Fazit geht in die Richtung, dass sich Aktivist*innen – mit solidarischem Blick über den Tellerrand – gegen Spaltungsversuche wehren sollten.

Ein konkretes Beispiel für eine solche solidarische Kritik gibt das Kapitel über Extinction Rebellion. Diese Organisation ermögliche zwar einen niederschwelligen Einstieg in den Aktivismus (was gut ist), aber sie habe auch ihre problematischen Seiten (ohne dass sie deshalb als Ganzes abgelehnt werden muss). Die Hauptkritik lautet, dass XR radikale Aktionsformen anwendet, ohne radikale Inhalte zu vermitteln.

Klare Worte findet das Buch zu Scheinlösungen für die Klimakrise, etwa zu „Brückentechnologien“ wie LNG (Flüssiggas) oder zu CDR (technische Lösungen zur CO2-Entnahme aus der Atmosphäre). Zu CO2-Kompensationen wird angemerkt, dass es – neben grunsätzlicher Kritik am tatsächlichem Nutzen – den Menschen im globalen Norden nicht zusteht, Land in anderen Teilen der Welt für den Ausgleich des eigenen Überflusses zu beanspruchen.

Eine wirkliche Lösung kommt nicht um eine neue Wirtschaftsweise herum, die Grundbedürfnisse erfüllt, statt von Profit und Wachstumszwang getrieben zu werden.

Commons, Organisierung, Gemeinschaft weben

Das Kapitel über die Commons stellt sich klar gegen Reformismus und Staat und öffnet revolutionäre Perspektiven, wie eine zukünftige, klimafreundliche Gesellschaft erreicht werden könnte: “Wir brauchen daher starke soziale Bewegungen, die den öffentlichen Diskurs und das Krisenbewusstsein beeinflussen können, die Menschen Angebote machen, sich zu organisieren, Commons zu bilden und sich für eine andere Gesellschaft einzusetzen.”

Das Kapitel „Anarchie in Aktivismus und Alltag“ stellt klar, dass anarchistische Organisierung nicht erst in der “grossen Revolution” entstehen wird, sondern dass es darum geht, einen anarchistischen Umgang schon jetzt im Kleinen zu erproben: mit Bezugsgruppen, im Bereich der reproduktiven Arbeit, im Umgang mit Geschlecht usw.

Dazu passt auch der Rückblick auf den Besuch der Zapatistas in Berlin im Jahr 2021. Die Autor*innen nehmen unter anderem die Anregung mit, sich aus der Vielfalt heraus zu organisieren, den Aktivismus zu territorialisieren und zu humanisieren, also sich Zeit nehmen, Gemeinschaft zu weben, auch mit den schönen Momenten wie Essen und Tanzen.

Mit den erwähnten Kapiteln ist die Liste der Themen noch lange nicht fertig. Auf den über 400 Seiten gibt es jedesmal, wenn mensch das Buch zur Hand nimmt, viel zu entdecken – direkt aus der Praxis und aus erster Hand.

Zucker im Tank (Hg.): Glitzer im Kohlestaub – Vom Kampf um Klimagerechtigkeit und Autonomie, Assoziation A, Berlin/Hamburg, 2022

Buchbeschrieb des Verlags Assoziation A

Weitere Infos zum Herausgeber*innenkollektiv: zuckerimtank.net

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert