Der Shooting Star des Degrowth-Kommunismus

Der japanische Marxist Kohei Saito wird als “Shooting Star” bezeichnet: Eine halbe Million Japaner*innen haben sein 2020 erschienenes Buch “Hitoshinsei no Shihonron” (übersetzt: Kapital im Anthropozän) gelesen. Anfang 2023 ist ein englischsprachiges Buch mit dem Titel “Marx in the Anthropocene”1 erschienen, das auf diesem Werk aufbaut – und ebenfalls auf enormes Interesse stösst.

Kohei Saito spricht sich für Degrowth-Kommunismus aus, also für eine dezidiert linke Auffassung von Degrowth.2 Sein Argument lautet: Der Wachstumszwang im Kapitalismus ist die Ursache für die Klimakrise; ein “grüner” Kapitalismus ist nicht möglich, da Wachstum untrennbar mit dem kapitalistischen Produktionsmodus verbunden ist; die einzige Lösung ist daher, den Materialumsatz, also den “Stoffwechsel mit der Natur”, herunterzufahren.

Saito bricht somit mit dem Produktivismus, der im Marxismus traditionellerweise vorherrschte. Die von Staat und Bürokratie angetriebene Wirtschaftsentwicklung führt nicht dazu, dass sich die Lebensbedingungen verbessern, im Gegenteil – die realsozialistischen Staaten wiesen eine sehr schlechte Ökobilanz auf.

Gegen Produktivismus und Eurozentrismus

Politisch-ideologisch ist das (einfach zu lesende und spannende) Buch eher offen gehalten – und deshalb recht anschlussfähig. Saito spricht von demokratischer, egalitärer Planung, aber beschreibt nicht, wie das genau geschehen soll. Jedenfalls scheint er eine eher antiautoritäre Position einzunehmen.

Die Stärke seiner Argumentation liegt darin, dass er seine Vision von Degrowth konsequent von Marx ableitet. Kohei Saito ist Mitherausgeber der neuen Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) und hat sich insbesondere mit den unveröffentlichten Notizbüchern des späten Marx (im deutschen Original!) beschäftigt. Die Textpassagen, die er zitiert, zeigen einen anderen Marx als den früheren, produktivistischen: Der “Riss” zwischen dem natürlichen und gesellschaftlichen Metabolismus (englisch: “metabolic rift”) muss geheilt werden. Es gelingt Saito plausibel, Marx als frühen Vertreter oder zumindest Vordenker des Degrowth-Gedankens darzustellen.

Eine weitere Quelle ist der Brief von Marx an Vera Zasulich, in dem er von seiner früheren Überzeugung abrückt, dass jedes Land aus historischer Notwendigkeit die Stufen Feudalismus-Kapitalismus-Sozialismus durchlaufen muss. Er ist jetzt der Ansicht, dass die russische Agrarkommune (“Mir” oder “Obschina”3) auf direktem Weg zum Kommunismus gelangen könnte. Mehr noch: Er interessiert sich zunehmend, wie aus dem Briefwechsel mit Engels deutlich wird, für archaische, auch nicht-europäische Gesellschafts- und Eigentumsformen (gemeinschaftlichen Landbesitz), beispielsweise für Kommunen in Indien oder die früheren, teutonischen Agrargemeinschaften. Kohei Saito unterstreicht diesen Punkt und hält fest, dass der späte Marx also nicht nur den Produktivismus, sondern auch seinen Eurozentrismus hinter sich gelassen hat. Nicht mehr Europa steht im Zentrrum der Revolution, sondern der Fokus verschiebt sich an die Peripherie.

Wie Kommunismus den metabolischen Riss reparieren kann

Nun ist es nicht neu, Marx als Vorreiter der Ökologiebewegung zu sehen. John Bellamy Foster und andere Ökosozialist*innen haben bereits über die Metabolic-Rift-Theorie geschrieben, ausgehend von Marx’ Beschäftigung mit dem Bodenchemiker Justus Liebig. Kohei Saito baut auf diese Werke auf und geht über sie hinaus, indem er explizit den Degrowth-Gedanken hineinbringt.

Am Schluss entwirft er seine eigene Vision, wie Kommunismus den metabolischen Riss beheben kann und wie eine Degrowth-Gesellschaft aussehen könnte:

1. Der Gebrauchswert wird massgebend, nicht mehr der Tauschwert/Profit.

2. Arbeitszeitreduktion führt dazu, dass das “Reich der Freiheit” für die Menschen ausgedehnt wird.

3. Durch Arbeiter*innenautonomie wird Arbeit attraktiver.

4. Der Marktwettbewerb entfällt, die Wirtschaft entschleunigt sich.

5. Hierarchische Planung und Kontrolle wird abgeschafft. Entscheidungen, auch über ökologische Auswirkungen, werden demokratisch und kollektiv gefasst.

Und all dies könne fast nur mit Degrowth realisiert werden! Degrowth schafft Reichtum ohne Produktivitätszuwachs und sogar bei schrumpfender Produktion, weil er die künstliche Verknappung, die der Kapitalismus inszeniert, aufhebt. Degrowth ist für Saito “radikaler Überfluss des gemeinsamen Wohlstands” (“common wealth”). Alle Menschen würden profitieren: “Wenn erst einmal die künstliche Knappheit des Kapitalismus überwunden ist, hätten die Menschen, jetzt frei vom konstanten Druck, Geld zu verdienen dank des sich ausdehnenden gemeinsamen Wohlstands, eine attraktive Wahl, weniger zu arbeiten, ohne sich über die Verschlechterung ihrer Lebensqualität Sorgen machen zu müssen.”4

Moore, Latour

Als wäre das nicht schon genug Stoff für ein Buch, bietet “Marx in the Anthropocene” im Mittelteil noch mehr interessanten Lesestoff. In weitläufigen Exkursen verteidigt Saito die Metabolic-Rift-Theorie gegenüber Kritikern wie Jason W. Moore; kritisiert Bruno Latour (Akteur-Netzwerk-Theorie, Hybridismus) wie auch den “green modernism”, also Akzelerationist*innen, die sich durch technische Innovationen eine grüne Zukunft erhoffen.

In den ersten Kapiteln erzählt Saito, wie Engels Marx’ Notizbücher unterschlagen hat, weil sie seiner eigenen Vorstellung – er war voll und ganz Produktivist – widersprachen. Auch im Marxismus des 20. Jahrhunderts wurden die ökologischen Sichtweisen von Karl Marx marginalisiert. Anschliessend breitet Saito die Debatte zwischen Monismus und Dualismus auf, also ob Natur und Gesellschaft eher als Kontinuität oder als Diskontinuität aufgefasst werden sollen. Er stellt sich auf einen klar dialektischen Standpunkt: Natur und Gesellschaft bilden eine Kontinuität, aber sind auch klar voneinander getrennt. Ähnlich wie Andreas Malm (den er zitiert) ist Saito für einen Dualismus, aber für einen nicht-kartesianischen (bei Malm: “property dualism”5).

Hervorzuheben ist, dass Kohei Saito einen starken Humanismus vertritt: Das Wohl der Menschen liegt ihm am Herzen. An Moore kritisiert er, dass er den Kapitalismus mit der Hilfe der Natur als “Aktant” überwinden wolle, das gehe aber auf Kosten der menschlichen Entwicklung.

Saito weist zwar darauf hin, dass Marx die “agency” der Dinge anerkannte: In Kapitalismus werden Beziehungen zwischen Menschen durch Beziehungen zwischen Dingen ersetzt, also verdinglicht, als “Fetisch”, wie sich Marx ausdrückte. Aber der Punkt ist, dass das nicht ein Lob auf eine verdinglichte Weltsicht ist (die “hybride Situation”, wie bei Latour etc.), sondern gerade im Gegenteil eine Kritik am Kapitalismus: Marx wollte die Wirklichkeit nicht nur erkennen, sondern ändern!

Wie Saito prägnant formuliert: Wir können nur aus anthropozentrischer Perspektive über die ökologische Krise sprechen, weil es vor allem eine Krise für uns ist – den Insekten und Bakterien ist sie egal. Insgesamt scheint Saito bemüht zu sein, die Balance zu halten zwischen den zwei Optionen a) den Gegensatz Natur-Gesellschaft zu überwinden (Moore betone das zu fest und sei gegen Anthropozentrismus) und b) die Unterschiede zu betonen (Mit Hegel: Wenn die Unterschiede wegfallen, dann ist das wie in der Nacht, wenn alle Kühe schwarz sind.)

Ökomodernismus und Malthusianismus

Weitere Kapitel richten sich wie erwähnt gegen Ökomodernismus (Jeremy Rifkin, Aaron Bastani/Fully Automated Luxury Communism). Auch hier geht das Buch sehr in die Tiefe – die Lektüre ist äusserst spannend und erhellend. Kurz zusammengefasst kritisiert er, dass diese Autoren nicht aus dem “capitalist realism”, aus ihrer Konsument*innen-Perspektive, entkommen. Während eine Post-Knappheits-Position (seine eigene) den Kapitalismus gefährde, perpetuiere der ökomodernistische Produktivismus ihn.

Bemerkenswert ist ferner, wie mutig und locker Kohei Saito mit dem Malthusianismus umgeht. Er kritisiert David Harvey, der Angst davor gehabt habe, dem Malthusianismus in die Hände zu spielen und sich deshalb nicht wirklich getraut habe “grün” zu sein. Harvey habe quasi überreagiert und die Konzepte wie die planetaren Grenzen (planetary boundaries) als konstruiert bezeichnet. Aber das sei gar nicht nötig, findet der optimistische Humanist Saito, weil er anscheinend der Ansicht ist, dass heute die meisten ökologisch Interessierten sowieso gegen Malthusianismus sind. Auch wenn planetare Grenzen als real anerkennt werden – was sich angesichts der Klimakrise aufdränge –, spiele das nicht dem Knappheitsdiskurs und dem Überbevölkerungsmythos in die Hände, beruhigt uns Saito.

Fazit

“Marx im Anthropozän” ist ein überzeugendes Plädoyer für Degrowth. Es könnte dazu beitragen, dass Degrowth – und insbesondere Degrowth-Kommunismus, also eine klar links positionierte Degrowth-Bewegung – an Strahlkraft gewinnt und innerhalb der Umweltbewegung zu einer prägenden Richtung wird. Es schlägt Brücken zwischen der Umweltbewegung und der Arbeiter*innenbewegung. Es erklärt, welche sozialen und wirtschaftlichen Kräfte die Klimakrise antreiben. Es bildet ein Gegengewicht zum “grünen Kapitalismus” und zum “fully-automated” Öko-Modernismus, aber auch zu autoritären Tendenzen. Dabei ist das Buch ist ideologisch sehr offen gehalten und könnte innerhalb des sozialistischen Spektrums breite Sympathien finden.

Die bisherigen Reaktionen im englischen und deutschen Sprachraum reichen von Enthusiasmus bis zu leichter Kritik. Von marxistischer Seite wird etwa kritisiert, dass Saito andere Stränge der Marx-Lektüre und die Entwicklungen im Marxismus nicht berücksichtige6.

Eine generelle Kritik lautet, dass Saito nicht über Strategie redet – es wird nicht klar, wie wir vom Status quo zum Degrowth-Kommunismus gelangen könnte. Eine Antwort auf diese Kritik wiederum könnte lauten, dass er – mit Bezug auf den späten Marx – sehr wohl in aktuelle strategische Debatten interveniert: Er zeigt immerhin, dass wir uns nicht zwischen “Arbeiter*innenrechten, Einkommen und Umweltschutz, oder zwischen indigenen Landrechten und Arbeitskampf”7 entscheiden müssen. Trotzdem – Degrowth-Kommunismus wird nicht einfach “von selbst” kommen. “Das Manifest des Degrowth-Kommunismus muss erst noch geschrieben werden.”8

Eine der grössten Stärken des Buchs ist es sicher, dass es eine plausible, optimistische Alternative zur heutigen, als auswegslos erscheinenden Krisensituation aufzeigt.

Kohei Saito: Marx in the Anthropocene: Towards the Idea of Degrowth Communism, Cambridge University Press, 2023

Weitere empfohlene Buchkritiken von “Marx in the Anthropocene”:

WOZ (deutsch): https://www.woz.ch/2251/kohei-saito/marx-dachte-oekologisch/!V147W650SSPE

Spectrum of Communism (deutsch): https://www.spectrumofcommunism.de/saito-anthropozaen/

Monthly Review: https://mronline.org/2023/03/03/kohei-saito-marx-in-the-anthropocene-towards-the-idea-of-degrowth-communism/

Interview mit Kohei Saito im “Guardian” (28.2.2023, englisch): https://www.theguardian.com/environment/2023/feb/28/a-greener-marx-kohei-saito-on-connecting-communism-with-the-climate-crisis

— Edit: Dieser Text wurde am 19.4.2023 bearbeitet (Fussnote 1) —

1 “Marx in the Anthropocene” ist als Taschenbuch erhältlich, aber nur auf Englisch. Von „Das Kapital im Anthropozän“ erscheint am 17. August 2023 eine deutsche Übersetzung.

2 Vergleichbare Positionen vertreten u. a. Jason Hickel oder die Autor*innen von “The Future is Degrowth” https://netzwerkkommunalismus.wordpress.com/2022/07/01/die-zukunft-ist-degrowth/

3 Auch der Kommunalist Murray Bookchin bezieht sich auf die basisdemokratisch verwaltete “Obschina”.

4 Vieles klingt ähnlich wie bei Bookchin (z. B. in dessen Buch “Post-scarcity Anarchism”), den Saito aber leider nirgends zitiert.

5 Andreas Malm: The progress of this storm: Nature and society in a warming world, 2017

6 https://www.spectrumofcommunism.de/saito-anthropozaen/

7 https://redflag.org.au/article/thinking-about-ecology-marx-review-kohei-saitos-marx-anthropocene

8 https://mronline.org/2023/03/03/kohei-saito-marx-in-the-anthropocene-towards-the-idea-of-degrowth-communism/

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