Menschen haben sich zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten immer wieder mit Arbeiter*innenräten, Vollversammlungen, Nachbarschaftskomitees, Dorfgemeinschaften, revolutionären Clubs und ähnlichen Formen organisiert. Christopher Wimmer erzählt in »Alles muss man selber machen« (2025) die Geschichte solcher Rätebewegungen nach. Damit leistet er einen wertvollen Beitrag zur politischen Diskussion in der deutschsprachigen Linken: Vielen dürfte nicht bewusst sein, dass die historischen Beispiele von Selbstverwaltung nicht bloß versprengte Einzelereignisse sind, sondern eine eigenständige Traditionslinie darstellen.
Ein spannendes, dichtes Buch, das mensch beim Lesen kaum aus der Hand legen möchte: Mit jedem Kapitel kommen neue umwerfende Details hinzu, die sich bald zu der immer sichereren Erkenntnis verfestigen, dass basisdemokratische Selbstverwaltung nicht nur theoretisch möglich ist, sondern unzählige Male erprobt und praktiziert worden ist. In Algerien, Tansania, Polen, Ungarn oder Argentinien haben Räte das gesellschaftliche Leben organisiert; Fabriken und Gutshöfe wurden enteignet und basisdemokratisch verwaltet; in Deutschland hätte der Rätekommunismus nach dem Ersten Weltkrieg zu einem komplett anderen Lauf der Geschichte führen können, wenn er sich hätte behaupten können; die Kommunen in Venezuela bauen Gegenmacht von unten auf, worüber bei uns aber kaum je berichtet wird; solidarische Dorfgemeinschaften und Kommunalversammlungen gab und gibt es von Peru bis zum Balkan; in der Makhnovshchina (Ukraine) lebten Millionen von Menschen in einer autonomen, herrschaftsfreien Zone. Zu den bekannteren Beispielen im Buch gehören etwa Chile unter Salvador Allende oder die Zapatistas in Chiapas.
Christopher Wimmer bleibt in seiner historischen Darstellung objektiv, erst im Schlusskapitel nimmt er eine Interpretation und Wertung vor. Er startet beim Selbstverwaltungsmodell in Nord- und Ostsyrien (Rojava), das in der heutigen Linken allgemein bekannt ist und viele Sympathien genießt, springt dann ins 19. Jahrhundert zurück und arbeitet sich chronologisch vor. Rojava dient dabei als Bezugspunkt und Kontrastfolie für die historischen Beispiele, die im Verlauf des Buches folgen – gemeinsam mit dem zweiten wichtigen »Prototyp« basisdemokratischer Selbstverwaltung, der Pariser Kommune von 1871. Immer wieder im Buch werden Rätebewegungen und -systeme, ob stark oder schwach ausgeprägt, auf diese beiden Beispiele bezogen. Eine zentrale Stelle ist das Kapitel über Jugoslawien, das viele relevante Themen beispielhaft abdeckt, und natürlich wird auch die (autoritär gewordene) Sowjetunion beleuchtet, wie auch die spätere Forderung, die Sowjets (Räte) »beim Wort zu nehmen«. Wie bei anderen Phänomenen gilt, dass Rätesysteme nie in einer idealen Reinform auftreten, sondern sich in komplexen Abstufungen manifestieren und in jeweilige Gemengelagen eingeflochten sind.
Christopher Wimmer leistet mit diesen gegenseitigen Bezugnahmen etwas, was zumindest in der deutschsprachigen politisch-historischen Literatur bisher kaum in dieser Deutlichkeit der Fall war: Er legt überzeugend dar, dass Räte und Selbstverwaltung nicht nur als zusammenhangslose Ausnahmen da und dort aufflackern, sondern Kontinuitäten aufweisen – dass sie also eine eigene Geschichte und eine eigene Traditionslinie besitzen.
Nicht Form, sondern Inhalt: das tägliche Leben organisieren
Induktiv vorgehend, also von den empirischen, historischen Fakten ausgehend und erst dann verallgemeinernd, umreißt Wimmer im Schlusskapitel einige Merkmale von Rätesystemen. Unter den sechs Elementen, die er auflistet, sind beispielsweise das imperative Mandat und der Föderalismus.
Wimmer warnt aber davor, die Räteform zu fetischisieren: Selbstverwaltung lässt sich ja auch prima in liberal-kapitalistische Systeme integrieren. Die ausgelosten Bürgerräte, die seit einigen Jahren in Mode sind (die Wimmer allerdings nicht explizit erwähnt), haben vielleicht ein bisschen »mehr Demokratie« gebracht, aber sie haben den Kapitalismus nicht umgestürzt. Rätesysteme, wie sie das Buch versteht, beruhen dagegen auf einem revolutionären Impuls. Sie implizieren einen anderen Begriff von Bürger*innen, die nun nicht mehr abstraktes Staatsvolk sind, sondern »die konkret politisch handelnden und beteiligten Menschen«. Diese Wendung kommt mehrmals vor: Rätesysteme und basisdemokratische Selbstverwaltung sind nicht nur ein Format, das demokratischere oder sozialere Politik hervorbringt, sondern ihnen geht es um eine tiefgreifende »Politisierung und Beteiligung der gesamten Gesellschaft«. Das gesellschaftliche »Gewebe«, die sozialen »Beziehungsweisen« werden neu gestaltet, dabei verschwindet im Idealfall auch der Unterschied zwischen Wirtschaft und Politik, zwischen betrieblicher und kommunaler Selbstverwaltung – und vor allem zwischen »wichtigen politischen Angelegenheiten« und »Alltagsleben«.
Christopher Wimmer grenzt ferner die von ihm beschriebe Rätetradition gegen ein leninistisches Verständnis ab, das Räte bloß als zeitlich begrenzte Kampforgane zur Errichtung der Diktatur des Proletariats instrumentalisiert, sowie gegen eine Verengung auf Arbeiter*innenräte, die lediglich die Produktion demokratisieren.1
Und natürlich kommt Christopher Wimmer nicht daran vorbei, das – offensichtliche – Scheitern von vielen historischen Rätebewegungen zu thematisieren. Wer mit Selbstverwaltung sympathisiert, steht unter hohem Rechtfertigungsdruck: Wenn liberale Medien beispielsweise über Rojava berichten (oder wenn Schulbücher die Sowjetunion »erklären«), stürzen sie sich auf die »inneren Widersprüche« und implizieren oft, dass die Menschen aufgrund ihrer Natur einfach nicht fähig sind, sich selber zu regieren. Meistens läuft es darauf hinaus, dass Kapitalismus und die parlamentarische Demokratie eben doch das beste Modell sind, das wir haben. Christopher Wimmer präsentiert dagegen eine differenzierte Auslegeordnung der Problemfelder. Kurz gesagt gibt es zwei große Ursachen für das Scheitern: eine innere, nämlich dass die Umsetzung den basisdemokratischen Ansprüchen nicht genügt, und eine äußere – die Zerschlagung durch militärische Macht.
Kritische Würdigung aus kommunalistischer Sicht
Um es klar festzuhalten: Eine »Geschichte des Kommunalismus« könnte sehr ähnlich aussehen wie Christopher Wimmers »Geschichte der Rätebewegungen«. Die Schnittmenge gemeinsamer historischer Beispiele wäre relativ groß, nur die Betonung und Gewichtung läge da und dort etwas anders, ebenso die theoretischen und kulturellen Bezugnahmen (z. B. auf die Tradition des Anarchismus). Der Begriff »Räte« würde vielleicht weniger oft vorkommen, dafür die Begriffe »Versammlung« und »Kommune« etwas häufiger.
Ein gemeinsamer theoretischer Bezugspunkt sind jedoch Autor*innen wie Hannah Arendt und Cornelius Castoriadis. Wimmers theoretische Reflexion baut wesentlich auf ihren Konzepten von direkter Demokratie auf; genauso ist auch der Kommunalismus eng mit ihnen verbunden.
Es wäre ein großer Gewinn, wenn heutige basisdemokratische, antiautoritäre Bewegungen diese Gemeinsamkeiten erkennen würden und sich als Teil einer gemeinsamen Tradition verstehen würden – vom Rätekommunismus bis zum Demokratischen Konföderalismus, aber auch darüber hinaus, bis zum autonomen Marxismus, zum Anarchosyndikalismus, zur Stadtteilarbeits-, Commons- und Kooperativen-Bewegung. In »Alles muss man selber machen« werden jedenfalls alle, die sich mit Selbstverwaltung beschäftigen, tonnenweise Anschauungsmaterial finden, das ihnen bisher vielleicht entgangen ist.
-md, Netzwerk für Kommunalismus
Webseite von Christopher Wimmer: christopherwimmer.de/2025/11/13/alles-muss-man-selber-machen-2/

1 Prominente Erwähnung findet außerdem das Konzept, welches im Englischen als »dual power« bezeichnet wird. Diese Situation tritt ein, wenn Gegenmacht »von unten« so stark wird, dass sie die Legitimität und de facto die Relevanz der herrschenden Ordnung infrage stellt. (Siehe u. a. auf S. 197 Ungarn, S. 208 Nantes, S. 219 Algerien, S. 237 Chiapas.) Wimmer benutzt dafür den Ausdruck »Doppelherrschaft«. Ein alternativer Begriff wäre »Doppelmacht« oder »duale Macht«.

Kommentare
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