Angesichts der drohenden Klimakatastrophe müssen wir “gemeinsam die kollektiven und demokratischen Gestaltungsmöglichkeiten über unser Zusammenleben zurückgewinnen”. Milo Probst plädiert für einen “Umweltschutz der 99%” und rekonstruiert eine vergessene Erzählung, die dringend in linke und ökologische Diskussionen einfliessen sollte: die Kämpfe, Bewegungen und Subjekte, in denen sich Klassenkampf und Sorge für menschliches und nicht-menschliches Leben überschneiden.
Die gängigen Umweltschutzdiskurse sind sozialen Fragen bisher eher aus dem Weg gegangen. Individueller Konsumverzicht oder gar “grüner Kapitalismus” hiessen die Antworten. Die klassische Linke ihrerseits hat Umweltfragen vernachlässigt und manche Gewerkschaften befinden sich im Dilemma, weil Klimaschutz scheinbar im Widerspruch zu besseren Arbeitsbedingungen und dem Erhalt von Arbeitsplätzen steht. In der aktuellen Klimabewegung macht sich jedoch – zum Glück – zunehmend die Erkenntnis breit, dass sich Umweltschutz nicht von sozialer Gerechtigkeit abkoppeln lässt.
Vor diesem Hintergrund ist das Buch “Für einen Umweltschutz der 99%” zu verstehen. Milo Probst, Jg. 1991, Historiker und Aktivist aus Basel, macht sich darin für eine “intersektionale Klassenpolitik” stark. Antirassismus, Dekolonisierung, Feminismus, Care-Arbeit, Arbeitskämpfe, Kampf gegen Armut, Verteidigung der Commons vor neoliberaler Privatisierung, Kampf gegen Umweltschäden, die vor allem ärmere Menschen und Regionen treffen – das hängt alles zusammen.
Von der Kommune zu den Zapatistas
Und das ist bei Weitem keine neumodische Erscheinung: Milo Probst führt uns von den Umweltaktivist*innen der ZAD der la Colline im Januar 2021 zu andalusischen Arbeiter*innen, die 1888 gegen den gesundheits- und umweltschädlichen Kupferabbau demonstrierten, oder zur Sklav*innenrevolte auf dem Schiff “Amistad” im Jahr 1820, oder zur “Kommune von Paris” von 1871, als sich die Bürger*innen 72 Tage lang selbst verwalteten, oder zu den Zapatist*innen, die sich 1994 die Autonomie erkämpften und alte, kommunale Politik- und Wirtschaftsformen wieder zum Leben erweckten. In all diesen Kämpfen zeigt sich sowohl die Sorge um das menschliche Leben als auch die Sorge um die Natur.
Es ist eine vergessene Geschichte, die selten im Zusammenhang erzählt wird. Milo Probst muss sie aus Bruchstücken zusammensetzen, muss den roten Faden suchen, der oft abbricht, aber an anderer Stelle wieder auftaucht. Fündig wird Probst unter anderem im Argentinien, das Ende 19./Anfang 20. Jahrhundert ein Anzugspunkt für Anarchist*innen war. Der Anarchist Pierre Quiroule knüpft für ihn viele Fäden zusammen, ja generell die Anarchist*innen, beispielsweise Emma Goldman oder die IWW-Mitgründerin Lucy Parsons.
Das Thema “Mensch und Natur” ist auch so ein roter Faden, der sich durchs Buch zieht. (Mehrmals wird auch der Sozial-Ökologe Murray Bookchin zitiert.) Das kann romantisch daherkommen – Arbeiter, die auf dem Waldboden liegen und ihre Sinne öffnen, oder Rosa Luxemburg, die in den Vögeln ihre liebsten Genoss*innen sieht –, aber auch ganz konkret, wenn Rodungen das Klima verändern und Menschen dagegen Widerstand leisten. Oft ist es auch ein Kampf um die Commons. Das “Commoning”-Kapitel im Buch ist sehr dicht und steckt voller wichtiger Ideen; schon der erste Abschnitt fasst die Thematik ausserdordentlich prägnant zusammen. Wir erfahren, wie Commons, die Pariser Kommune und der Kommunalismus zusammenhängen – wiederum in einer lebhaften Erzählung, die an dieser Stelle zu den Anarchist*innen im Schweizer Jura führt. Nicht trotz, sondern gerade wegen den vielen historischen Beispielen und Details sind die 175 Seiten sehr spannend und flüssig zu lesen.
Eine andere Welt wird fühl- und denkbar
Indem Milo Probst diesen historischen Text webt, hofft er, ein neues politisches Subjekt, ein “neues Wir”, zu finden. Ein Wir, das “alle einschliesst, die in diesem System ausgebeutet, unterdrückt, diskriminiert und ausgeschlossen werden”. Dazu gehören auch alle, die Reproduktionsarbeit leisten – nicht nur das männliche Proletariat. “Umweltschutz nicht gegen oder jenseits von Arbeit zu denken, heisst, jene Formen von Arbeit aufzuwerten, die menschliches und nicht-menschliches Leben produzieren, statt es zu zerstören.” Mit Reclus, Nettlau, Quiroule und weiteren Protagonist*innen aus vergangenen und aktuellen Struggles beschreibt er eine Utopie, die auf “pflegende Beziehungen zur Natur” setzt, auf Kooperation statt Ausbeutung.
Das Buch zeigt mit seiner Reise durch Zeiten und Orten auf, dass kein absoluter Interessengegensatz zwischen Gewerkschaften und Umweltschutz besteht: Es versucht Brücken zu bauen, etwa zwischen Lohnabhängigen und Umweltaktivist*innen. Es fordert dazu auf, Momente zu suchen, “in denen wir wieder über unsere Körper, Leben und Beziehungen verfügen können, in denen eine andere Welt schon jetzt fühlbar und denkbar wird.”
Probst, Milo: Für einen Umweltschutz der 99%, Edition Nautilus, Hamburg 2021
Schreibe einen Kommentar