Die Ökologie der Freiheit (1982) von Murray Bookchin liegt erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung vor. Im Nachgang zu einer Onlineveranstaltung Ende Juni 2025 haben wir Dr. Maurice Schuhmann, dem Übersetzer der bisher fehlenden Teile, einige Interviewfragen gestellt.
Die Ökologie der Freiheit von Murray Bookchin stellt die Annahme, dass der Mensch „die Natur beherrschen muss“, um überleben zu können, radikal infrage und entlarvt sie als Folge der Herrschaft des Menschen über den Menschen. Das Buch beschreibt anhand von anthropologischen Erkenntnissen, wie Herrschaft, Patriarchat und kapitalistisch-instrumentelle Naturverwertung entstanden sind und wie sich ihr Erbe bis heute durch die Geschichte zieht. Aber es zeigt auch eine hoffnungsvolle Gegenseite der Freiheit, der Basisdemokratie und der ökologischen Sensibilität auf, die sich z. B. in indigenem Wissen und in Widerstandskämpfen manifestiert. Die soziale Ökologie, wie sie von Murray Bookchin konzipiert wurde, hat viele ökologische und emanzipatorische Bewegungen mitbeeinflusst und wird bis heute weiterentwickelt.
„Das Buch ist gut gealtert, wenn es überhaupt gealtert ist“, sagte Dr. Maurice Schuhmann an der Onlineveranstaltung vom 27. Juni 2025. Es sei sogar aktueller als viele heutige Ansätze von ökologischen Bewegungen, die beispielsweise bei der Forderung nach weniger Strassen oder steuerlichen Anreizen für Emissionsreduktion stehen blieben. Während ein oberflächlicher „Umweltschutz“ das Gesellschaftliche ausblendet, hält Bookchin eine soziale Revolution für unabdingbar – und skizziert auch eine Vorstellung davon, wie eine ökologische Gesellschaft aussehen kann.
Dr. Maurice Schuhmann betonte aber zugleich, dass Bookchin kein „Säulenheiliger“ und die Ökologie der Freiheit nicht die „neue Bibel der Ökologiebewegung“ sei. Bookchin stelle kein Konzept vor, wie von heute auf morgen eine ökologische Gesellschaft entstehen könne. Die Ökologie der Freiheit sei vielmehr ein Werk, das Anregungen und Ideen biete, im Sinn eines Werkzeugkastens, aber geradezu danach verlange, dass es von aktuellen Bewegungen aktualisiert und weiterentwickelt werde.
Wir haben Dr. Maurice Schuhmann gebeten, einige zusätzliche Fragen zu beantworten.
Interview mit Dr. Maurice Schuhmann

An der Onlineveranstaltungen bezeichneten Sie Murray Bookchin als „Utopisten im positiven Sinn“. Können Sie das erläutern?
Ich habe den Zusatz „im positive Sinne“ gebraucht, weil ich häufig erlebe, dass der Begriff Utopist*in einen abwertenden Beigeschmack hat. Utopisch wird gleichgesetzt mit weltfremd und verträumt bzw. die Realität verkennend. Gleichzeitig hat der Begriff Utopie aber auch jene Ebene des Visionären, d.h. auf die praktische Veränderung des Bestehenden ausgerichtete Ebene – also eine Utopie im positiven Verständnis. Im Sinne des deutsch-jüdischen Anarchisten Gustav Landauer könnte man sagen, dass die Utopie danach strebt zur Topie zu werden bzw. als Topie verwirklicht zu werden. In diesem Sinne möchte ich Bookchin verstanden sehen.
Salopp könnte man die von Friedrich Engels im pejorativen Sinne genutzte Unterscheidung zwischen utopischen und wissenschaftlichen Sozialismus aus dem Anti-Dühring anführen, die an sich zwar schon fehlerhaft ist, aber sich als Bild zur Darstellung dessen anbietet.
Der Begriff Sozialismus als zukünftige Gesellschaftsordnung ist eine Utopie. Dem Adjektiv „utopisch“ hängt hierbei die negative Bedeutung von verträumt und realitätsfern an, d.h. dass, was gemeinhin mittlerweile mit Utopie assoziiert wird, dem gegenüber steht der wissenschaftliche Sozialismus, bei dem „wissenschaftlich“ synonym für rational und realistisch steht. Bookchin ist in dem Sinne kein Träumer, sondern ein rationaler und reflektierter Geist, der aus Basis fundierter Analyse („Wissenschaft“) eine Vision einer künftigen, sozialökologischen Gesellschaftsordnung denkt, die aber kein reines Wolkenkuckucksheim ist, sondern eine denk- und umsetzbare Vision.
Was meinte Bookchin mit einer „rationalen Gesellschaft“?
Murray Bookchin versteht unter einer „rationalen Gesellschaft“, ein zugegebenermassen missverständlicher Begriff, eine Gesellschaftsform, die auf kooperativen, egalitären und ökologisch verantwortlichen Prinzipien basiert – im Gegensatz zur heutigen hierarchischen und ausbeuterischen Ordnung. Es sind in Bezug auf das kooperative und egalitäre Element Aspekte, die sich ideengeschichtlich zwar bereits bei Denkern wie dem russischen Anarchisten Peter Kropotkin (Anarchistische Ethik, Gegenseitige Hilfe in Mensch- und Tierwelt) finden, aber bei Bookchin werden diese noch um eine ökologische Perspektive ergänzt. Zudem fundiert er diese Perspektive in einem multidisziplinären Ansatz, der Ethnologie, Philosophie, Politikwissenschaft, Soziologie und Aspekte der Theologie miteinander verbindet.
Inwiefern geht Bookchin weiter als des Marxismus, wenn er über Klassen und Herrschaftsverhältnisse spricht?
Der klassische Marxismus mit seiner Fokussierung auf einen Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit ist sehr eindimensional und begreift Herrschaftsverhältnisse lediglich unter ökonomischen Gesichtspunkten. Bookchin hat hingegen eine breitere, historisch und anthropologisch fundierte Theorie von Hierarchie, die über die rein-ökonomische Ebene hinaus reicht. Gerade seine Reflexion über die Entstehung von Hierarchien und deren Erbe ist sehr erhellend – nicht nur für eine anarchistische Perspektive auf die Welt. Er thematisiert in diesem Kontext die tiefe kulturelle Verankerung von Herrschaftsverhältnissen, die über „reine“ Klassenstrukturen hinausreichen und bietet intersektional Anknüpfungspunkte für die Analyse von Herrschaftsverhältnissen.
Würden Sie Bookchin als intersektionellen und feministischen Autor bezeichnen?
Die Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Der heutige Begriff von Intersektionalität ist noch relativ jung. Es ist schwer mit dem Wissen und dem Anspruch von heute an Denker aus der Vergangenheit heranzutreten. Bookchin war sicherlich ein Kind seiner Zeit – und war für seine Zeit sehr emanzipatorisch, aber er war auch kein „Überheld“, der bereits die Vielfalt von Ansätzen, die erst später entstanden und sich auch ständig weiterentwickeln, vorauszuahnen. Das wäre auch zu viel erwartet.
Aus heutiger Sicht wird gerne kritisiert, dass er kolonial geprägte Begriffe in seinem Werk verwendet – z.B. das I-Wort. Heute würde er darauf sicherlich verzichten. Dementsprechend wurde bei der Neuausgabe von Die Ökologie der Freiheit drauf geachtet, diese Begriffe soweit es geht, durch wertneutrale, nicht-koloniale bzw. nicht-rassistische Begriffe zu ersetzen. Es ist nicht immer möglich, weil die deutsche Sprache für manche kolonial-geprägten Fachbegriffe wie z.B. „Häuptling“ (chieftain) noch keine Alternativen zu bieten hat.
Ebenso muss man natürlich sagen, dass Bookchin vorrangig den europäisch-amerikanischen Blickwinkel reproduziert, in dem er Autor*innen aus diesem Diskurs zitiert. Das ist fast schon ein Totschlagargument in manchen Kreisen und lässt sich auf fast jede*n Autor*in der Linken anwenden.
Hierbei möchte ich aber auch darauf verweisen, dass der Zugang zu nicht-europäischen Quellen damals sehr, sehr schwer war und auch heute nicht wirklich als gut zu bezeichnen ist. Ich kenne es aus eigener Forschungs- und Lehrpraxis, wie schwer es ist, adäquate Texte aus anderen Kulturkreisen für universitäre Seminare bzw. in den von Studierenden gelesenen Sprachen zu finden. Es ist hier noch viel Grundlagen-, Übersetzungs- und Publikationsarbeit nötig, um den Diskurs zu verändern …
Was den Feminismus angeht, ist das vielleicht schon naheliegender ihn als einen Feministen zu bezeichnen. Seine langjährige Weggefährtin Janet Biehl hat ihm gar – allerdings fälschlicherweise – angedichtet, den Begriff Ökofeminismus begründet zu haben. Sein Werk ist von einer fundierten Patriarchatskritik und dem Gedanken der Gleichberechtigung der Geschlechter – damals noch dichotomisch in biologischen Geschlechtern gedacht – durchzogen. Man könnte anekdotenhaft sagen, dass Bookchin das Fourier‘sche Postulat, dass die Freiheit einer Gesellschaft sich am Grad der Befreiung der Frau misst, verinnerlicht hat. Zur Kenntnis genommen hat er Charles Fourier auf jeden Fall. Er wird in der Ökologie der Freiheit mehrfach positiv erwähnt.
Insbesondere Blair Taylor hat jüngst im Harbinger Journal aus einer sozial-ökologischen Perspektive über Bookchins Auseinandersetzung mit den Themen Rassismus und Kolonialität geschrieben und auch seine Auslassungen beleuchtet. Wo lässt sich in Die Ökologie der Freiheit an heutige Debatten anknüpfen? Lässt sich der Text mit einer postkolonialen Brille gewinnbringend lesen?
Ja, ich denke, dass Bookchin in Bezug auf seine Hierarchiekritik eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten für die Auseinandersetzung mit Rassismus und Kolonialität bietet. Sowohl Rassismus als auch Kolonialismus sind Systeme, die auf hierarchischen Ordnungssystem beruhen, die es zu durchschauen, zu delegitimieren und abzuschaffen gilt. Die von ihm untersuchte Funktionsweise von Hierarchie wäre ein konkreter Anknüpfungspunkt für Rassismus-kritische und postkoloniale Diskurse.
Ein weiterer Anknüpfungspunkt ist der Diskurs über die „Natur“. Sowohl Rassismus als auch Kolonialismus basieren auf einem Narrativ einer natürlichen Ordnung, was durch Bookchin sehr gut widerlegt werden kann. Das wären zwei Anknüpfungspunkte für eine antirassistische und postkoloniale Lektüre seines Werkes. Daneben gilt es auch zu beachten, dass er sein Werk nicht als abgeschlossen und feststehende Ideologie verstanden hat, sondern als Diskussionsansatz und Grundlage für eine Weiterentwicklung.
In dem Sinne wäre Bookchin vielleicht als Teil eines Fundaments zu sehen, was um postkoloniale und antirassistische Perspektiven ergänzt werden muss, um es für heutige Diskurse und Praxis der gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen.
Welchen Nutzen können heutige, radikale Ökologiebewegungen aus der Ökologie der Freiheit ziehen, wie können sie Bookchins Ideen weiterdenken und für die aktuelle Situation fruchtbar machen?
Das Werk von Bookchin bietet meiner Einschätzung nach eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten für radikale Ökologiebewegungen – sowohl theoretischer als auch „praktischer“ Natur, von denen ich nur drei anreissen möchte, die mir persönlich als besonders relevant erscheinen.
Der erste Punkt ist für mich, dass Bookchin eine Gesellschaftsordnung skizziert, die auf Prinzipien von Ökologie, Freiheit und Selbstverwaltung basiert. Ich denke, dass vielen Bewegten und der Bewegung als solches eine positive Vision einer Gesellschaft fehlt, in der Freiheit und Ökologie miteinander einhergehen und die häufig zur Parole verkommene Vision einer befreiten Gesellschaft ohne Ausbeutung von Mensch und Natur greifbar macht. Die meisten Kämpfe sind derzeit nur noch Abwehrkämpfe – ohne Visionen einer anderen Gesellschaft oder wenn es Visionen gibt, dann sind diese meist sehr schwammig und durchzogen von klassischen Phrasen. Man verliert dabei schnell das eigentliche Ziel der Kämpfe aus den Augen – nämlich eine sozialökologische Gesellschaft aufzubauen und nicht nur hier ein Waldstück zu retten und dort ein Kreuzfahrtschiff zu blockieren.
Eng verknüpft hiermit ist die Vorstellung, dass Gesellschaftskritik und Ökologie Hand in Hand gehen muss. Der Umgang des Menschen mit der Natur findet in der Gesellschaft im Umgang unter den Menschen sein Äquivalent. Der ökologischen Problematik kann sich daher nicht rein naturwissenschaftlich bzw. technisch genähert werden, sondern wir brauchen einen interdisziplinären Zugang, um die aktuellen Probleme, Herausforderungen und Krisen zu händeln und zu lösen.
Und Drittens halte ich Bookchin mit seiner fundierten Kritik an der Tiefenökologie für ein wichtiges Korrektiv in der derzeitigen Ökologie- und Klimabewegung, wo ich in den letzten Jahren eine Renaissance tiefenökologischer Ansätze wahrnehme – z.B. bei Extinction Rebellion oder auch in einzelnen ökofeministischen Gruppen. Bookchin selber hat in seiner Abgrenzung zur Tiefenökologie erklärt: „Die Tiefenökologie stellt das biologische vor das soziale, das individuelle Empfinden vor das rationale Handeln – und bleibt damit blind für die Ursachen der ökologischen Krise.“ Diese Warnung gilt es auch heute wieder verstärkt zu beachten – gerade in einer krisengebeutelten Zeit wie der unseren und der Renaissance solcher Ideen in den Kreisen der radikalen Ökologiebewegung.
Bei alledem möchte ich aber noch mal betonen: Bookchin hat sein Werk weder als abgeschlossen noch als fest-gefügte Ideologie verstanden. Es ist ein Projekt, was es gilt kritisch zu überprüfen, als Inspirationsquelle zu nutzen und an die jeweiligen konkrete Situation anzupassen. Im Sinne von Friedrich Nietzsche kann man vielleicht sagen, dass Bookchin keine Jünger*innen sucht, sondern Gefährt*innen, die wie er eine sozialökologische Gesellschaftsordnung anstreben.
Dr. Maurice Schuhmann ist Politikwissenschaftler, Philosoph und Autor. Er lebt und kämpft in Le Havre (Frankreich).
www.maurice-schuhmann.de
Buch bestellen: Murray Bookchin: Die Ökologie der Freiheit, übersetzt von Karl-Ludwig Schibel & Dr. Maurice Schuhmann, Unrast Verlag, 2025

Kommentare
2 Antworten zu „Ein Grundlagenwerk der Ökologie – das stetig weiterentwickelt werden soll“
[…] interview can be found at kommunalismus.org/?p=1214, and here is a direct link to an English […]
[…] interview can be found at kommunalismus.org/?p=1214, and here is a direct link to an English […]