Trotz Gentrifizierung und den Angriffen des Staates ist die Besetzung Prosfygika in Athen stärker als je zuvor. Zurzeit intensiviert sie ihre nach aussen gerichteten Aktivitäten: Das Ziel der Kampagne #SAVE PROSFYGIKA ist es, die soziale Reichweite über den eigenen Stadtteil hinaus auszudehnen und sie mit der breiteren Gesellschaft in Griechenland und international zu verbinden.
Prosfygika ist ein selbstorganisiertes Projekt, das sich auf kommunalen Besitz, Solidarität, gegenseitige Hilfe und Horizontalität gründet. Die Besetzer*innen haben über die Jahre hinweg zahlreiche Strukturen geschaffen, um ihre unmittelbaren Grundbedürfnisse zu decken und soziale Probleme, die von Staat, Kapitalismus und Patriarchat verursacht werden, anzugehen. Gleichzeitig engagiert sich die Gemeinschaft solidarisch im Stadtteil und in internationalen Kämpfen. Gegen die andauernde Repression konnte sie sich bisher erfolgreich verteidigen und überstand auch vier gross angelegte physische und juristische Angriffe (2016, 2019, 2022, 2024). Der Gentrifizierungs-Druck ist jedoch beträchtlich und der Staat hat seine eigenen Pläne für die Umgestaltung der Nachbarschaft und der historischen Gebäude: Die Community soll zerschlagen und die Gebäude sollen für den Profit der Wenigen nutzbar gemacht werden.
Deshalb hat sich kürzlich das „Komitee zur Förderung und Verteidigung der besetzten Gemeinschaft Prosfygika und ihres kollektiven Andenkens“1 gegründet. Mit der Kampagne #SAVE PROSFYGIKA will es die Besetzung und ihre Arbeit nach aussen präsentieren und verdeutlichen, warum es wichtig ist, dass diese Gemeinschaft und die historische Nachbarschaft lebendig bleiben. Prosfygika soll weder unsichtbar gemacht, noch durch kommerzielle Interessen geplündert werden.
Das Komitee arbeitet gemeinsam mit Anwält*innen, Architekt*innen, Stadtplaner*innen und weiteren Akteur*innen einen Plan für die Restaurierung des Gebäudekomplexes aus, der sich nicht auf staatliche Institutionen verlässt, sondern auf Solidarität basiert – finanziell und was die Arbeitskraft betrifft. Das Komitee ruft deshalb internationalistische Genoss*innen und Kollektive zu Solidarität auf. Weitere Informationen sind in den sozialen Medien zu finden: https://www.instagram.com/saveprosfygika/ und https://www.facebook.com/people/Save-Prosfygika/100095361849788/
Info-Text: Was ist Prosfygika?
Gelebte Selbstverwaltung in der besetzten Community von Prosfygika
Die Besetzer*innen von Prosfygika, Athen sind basisdemokratisch organisiert, unterhalten eine eigene Bäckerei, einen Kindergarten, Ernährungs- und Gesundheitsstrukturen. Ihr Alltagsleben – das in die ganze Umgebung ausstrahlt – verstehen sie als etwas Politisches, als einen emanzipatorischen Gegenentwurf zu Kapitalismus und Staat, inspiriert unter anderem vom Konföderalismus der kurdischen Freiheitbewegung.
Die acht Wohnblocks von Prosfygika sind in den 1930er-Jahren vom griechischen Staat errichtet worden, um geflüchtete Menschen aufzunehmen. Heute sind die Wohnungen zum Teil privatisiert, zum Teil immer noch staatlich, und sie werden von rund 400 Menschen bewohnt, darunter viele prekarisierte und migrantisierte Menschen. Einige von ihnen zahlen Miete, einige sind individuelle Besetzer*innen, und rund 200 zählen zur organisierten Besetzung von Prosfygika. Das grösste Squat in Griechenland ist ein kulturelles und politisches Zentrum, in dem auch mehrere politische Organisationen ansässig sind, wie schon immer in der widerständigen Geschichte der Siedlung. Natürlich ist Prosfygika den Investor*innen und Gentrifizierer*innen ein Dorn im Auge, was konstante Attacken durch faschistische Gruppen, Polizei und Justiz bedeutet. Immerhin: Die Gebäude stehen mittlerweile unter Denkmalschutz, können also nicht abgerissen werden.
Unter diesen Bedingungen – in der gegebenen, kapitalistischen Realität – bauen sich die organisierten Bewohner*innen seit rund 15 Jahren ein funktionierendes Zusammenleben auf. Sie treffen sich an Plena und engagieren sich in Arbeitsgruppen, um den kommunalen Alltag am Laufen zu halten, versuchen aber auch, die Nachbarschaft und somit die weitere Gesellschaft einzubeziehen – und zu zeigen, wie eine andere Realität möglich ist.
Kommunaler Konförderalismus
Die vielfältige Alltagspraxis hat ihre theoretische Basis im „kommunalen Konförderalismus“, wie er im Pamphlet der „Platform of the Confederalist Union“ beschrieben wird. Das 16-seitige Dokument macht den Vorschlag, dass sich revolutionäre Kollektive und Bewegungen konföderieren, wobei es sich auf die kurdische Freiheitsbewegung bezieht, die als Aktualisierung des anarchistischen Projekts des Föderalismus bezeichnet wird.2
Konföderalismus impliziert, dass in der theoretisch-ideologischen Einheit (mit dem gemeinsamen Ziel von „sozialer und totaler Befreiung, Gleichheit, Freiheit und Solidarität“) eine Vielfalt von Heterogenitäten nebeneinander bestehen können. Damit ist auch die Gesellschaft als Ganzes, und darüber hinaus, die natürliche Welt gemeint: „Alle Gruppen in der Gesellschaft und alle kulturellen Identitäten kommen in den lokalen Treffen, Vollversammlungen und Räten gleichermassen zum Ausdruck, auf allen Lokalitätsebenen.“3 Dieser Konföderalismus bildet seit Generationen einen Gegenpol zum zentralisierten Nationalstaat, der die politische Selbstverwaltung und Autonomie der Gesellschaft verhindern will – das heisst, „die Gesellschaft, die sich selbst durch kleine oder grosse, selbstverwaltende, dezentralisierte Einheiten regiert.“ Alle Institutionen und Strukturen sollen selbstverwaltet sein: „Konföderalismus ruft nach einer ständigen sozialen Wachsamkeit, die sich in jedem Aspekt der sozialen Struktur und Aktivität widerspiegelt“, heisst es in dem Pamphlet.
1 Committee for the Promotion and Defense of the Community of Squatted Prosfygika and its Collective Memory.
2 Neben der kurdischen Freiheitsbewegung wird der anarchistische Kommunismus, insbesondere der Plattformismus als Orientierungspunkt genannt. Mehrere Zitate in der Broschüre sind aus Dielo Truda https://theanarchistlibrary.org/library/dielo-truda-workers-cause-organisational-platform-of-the-libertarian-communists, in der Bibliografie werden ausserdem Cornelius Castoriadis, Murray Bookchin, Abdullah Öcalan und weitere Quellen genannt.
3 „[A]ll groups in society and all cultural identities are expressed equally in local meetings, general assemblies and councils, at the various levels of locality.“ (Pamphlet „Platform of the Confederalist Union“, S. 10).
